Zeitung Heute : In vollem Bewußtsein gegen die Norm

ANDREAS AUSTILAT

Englands Osten gibt sich exzentrischVON ANDREAS AUSTILAT

Zum Beispiel Frederick Augustus: Der vierte Earl of Bristol, Herr auf Ickworth und Bischof von Derry, hatte einen Faible für alles Runde.Und weil er ein vermögender Mann war, lebte er die Obsession ganz offensiv aus: Er ließ sich in der heimischen Grafschaft Essex ein kreisrundes Herrenhaus errichten.Das war nun allerdings so unpraktisch, daß der Sohn des früh Verschiedenen die Rotunde am liebsten gleich wieder abgerissen hätte.Wenn der Bau nur nicht so teuer gewesen wäre.Ihn deshalb aber mit dem zweifelhaften Ehrentitel "The mad bishop" zu belegen, scheint uns doch etwas überzogen.Nun ja, antwortet da Joan Hodge, die seit 14 Jahren für den National Trust Touristen durch die Runde führt, vielleicht haben ja auch die merkwürdigen Einstellungstests am Leumund des Bischofs gerührt.Der Mann lud Probanden erst zum Essen ein und ließ sie dann durch nassen Sand um die Wette rennen.Den Sieger machte er zum Kaplan. Natürlich kann man "mad" als verrückt übersetzen, aber das würde Mrs.Hodge nie tun.Verrückt, das klingt so pathologisch, Frederick Augustus aber war ein Eccentric, und die Leute in Essex sind ihm noch heute dankbar dafür.Immerhin kommen mehr als 80 000 Besucher Jahr für Jahr nach Ickworth.Man stelle sich vor, der Sohn hätte das Haus, als es 1803 an ihn fiel, abgerissen."Exzentriker", sagt Mrs.Hodge, "machen die Dinge eben anders als der Rest." Was den Eccentric streng wissenschaftlich vom Verrückten unterscheidet, ist, daß er das, was er tut, nicht zwanghaft tut.Exzentriker stemmen sich in vollem Bewußtsein gegen die Norm.Schreibt jedenfalls David Weeks.Der Psychologe am Royal Edinburgh Hospital erforscht seit über zehn Jahren das Leben der Exzentriker.Und nach seinen Berechnungen gibt es nirgends so viele davon, wie im Land der Linksfahrer.Das glaubten wir ihm gern.Bis Tony Blair kam.Der will bekanntlich Britannien ein neues Image verschaffen, das Volk der Eigenbrötler zu einer modernen, effizient funktionierenden Nation umbauen.Aber da hat er die Rechnung ohne East Anglia gemacht. East Anglia, das sind die Grafschaften Cambridgeshire, Bedfordshire und Hertfordshire, vor allem aber Norfolk, Suffolk und Essex.Die Gegend war einmal wohlhabend, damals, als hier noch die Webstühle um die Wette klapperten und die Landwirtschaft sich rechnete.Klosterbrüder und stolze Bürger versuchten, sich beim Kirchenbau zu übertrumpfen und investierten in ihre Fassaden.Das muß mindestens 200, wenn nicht 300 Jahre her sein.Schon die industrielle Revolution fand ohne East Anglia statt.Und vor geschätzten 150 Jahren scheint jede größere Bautätigkeit eingestellt worden zu sein.Die putzigen kleinen Dörfer blieben jedenfalls wie sie waren.Und wer in Cambridge die M 11 verläßt, kann lange fahren, er wird in ganz East Anglia keine weitere Autobahn mehr finden. Schon begann man in anderen Teilen Britanniens über die Leute hier zu tuscheln, die Gegend gilt manchen als zurückgeblieben, ziemlich flach und auch ein bißchen fad.Weshalb Tourismus in England zu allererst Cornwall ist, und Devon, und dann Devon, und wieder Cornwall, und zwischendrin vielleicht Kent.In East Anglia aber will man aus der Not eine Tugend machen.Eben weil sich hier so wenig getan hat, wirbt man nun mit der Vokabel "eccentric" für das wahre England und bietet sogar entsprechende Tour-Vorschläge an.Und wenn man möchte, erzählt einem Lindsay Want vom Tourist Board zu jedem Weiler am Wegesrand die passende Gespenstergeschichte. Zurück nach Ickworth.Frederick Augustus brauchte vor allem viel Wand, um seine gewaltige Kunstsammlung irgendwo unterzubringen.Zwar fiel vieles davon vor der Einschiffung Napolens Truppen in die Hände, aber die Lücken wurden bald ergänzt.Natürlich ist der Velazquez echt, mit beiläufigem Stolz zeigt Joan Hodge auf "unseren Gainsborough" hier und die diversen Angelica Kauffmanns dort, auf die Porträts der weitläufigen Verwandtschaft und guter Bekannter, darunter natürlich gekrönte Häupter und solche die es beinahe geworden wären.Wie jener Frederick Prince of Wales zum Beispiel, der eigentlich George II.auf den Thron folgen sollte, wenn, ja, wenn ihn nicht dieser Kricketball so unglücklich am Kopf getroffen hätte.Worauf der bedauernswerte Kronprinz nur einen Tag später verschied.Dann plötzlich der Schock: ein Fleck an der Wand.Hier hing Isabella, des ersten Earls Tochter.Bis das Porträt vom Nagel fiel.Aha, jetzt kommt die Gespenstergeschichte.Nein, korrigiert uns Mrs.Hodge, es handelte sich um eine Unachtsamkeit der Putzfrau. Sehen Sie, es ist ja gar nicht alles so.William Hunter zum Beispiel findet sich kein bißchen exzentrisch.Auch nicht, daß er seinen Job als Versicherungsvertreter an den Nagel gehängt hat und und jetzt im doch schon gesetzten Alter von 46 mit Filzhut, weißen Bauscheärmeln und Ledergamaschen über den Schnürstiefeln vor uns steht und den Friedhofswächter mimt.In dieser Verkleidung führt er übrigens nicht nur über den zauberhaften Friedhof von Bury St.Edmunds und erzählt dabei von der grauen Lady, die hier seit 500 Jahren umgeht ("her touch means death"), als Mann der frühen Neuzeit jobbt er auch im nahen Tudor-Themenpark in Kentwell.Übrigens, erzählt Hunter beim anschließenden Bier im "Nutshell", würde auch niemand, den er kenne, ihn für irgendwie anders halten.Aber das könne natürlich auch daran liegen, daß er eigentlich nur Leute kenne, die machten, was er mache.Und während er das erzählt, versuchen wir der 400 Jahre alten und logischerweise toten Katze auszuweichen, die über dem Tresen von der Decke hängt.Was nicht so einfach ist, denn das "Nutshell" gilt mit seinen acht, allerhöchstens zehn Quadratmetern als der kleinste Pub Englands.Und vor der Tür ist das Trinken verboten. Im nahen East Bergholt, Geburtsort von John Constable (natürlich kann man auch Constables Spuren, das heißt seinen Bildern, durch Suffolk folgen), hat man übrigens ein schönes Beispiel dafür, wie rasch die Depression das Land überkam.Die Bürger dort gönnten sich eine mächtige Kirche und noch gewaltigere Glocken, nur für den Glockenturm, für den reichte es leider nicht.Man behalf sich mit einer hölzernen Konstruktion gleich nebenan.Dort stellte man die Glocken mit der Öffnung nach oben auf.Und wenn der Küster im Souterrain hin- und herläuft, kann er sie mit einem hölzernen Schwengel zum Klingen bringen. In Mistley kultivierte man die Pleite noch beeindruckender.Der Ort sollte nach dem Willen zweier mutiger Investoren vor 200 Jahren ein mondänes Seebad werden, blieb allen Anstrengungen zum Trotz aber Provinz.Wahrscheinlich hatten sie Mistley nur bei Flut gesehen.Bei Ebbe verwandelt sich nämlich der River Stour, der sich hier zum Fjord weitet, in eine schlammige Angelegenheit von geringerem Schauwert.Ein paar georgianische Relikte zeugen in der Stadt von der Beinahe-Zukunft, im Watt feiert man vorzugsweise in feiner Garderobe alljährlich die Katastrophe mit einem Schlammrennen. Andernorts fügte man sich in aller Ruhe in die Krise.In Dörfern wie Kersey deckte man wie eh und je die Dächer weiter mit Reet und strich die Wände im für die Region typischen zarten Pink.Über dessen Zusammensetzung darf man spekulieren.Manche halten es für eine Mischung aus weißer Farbe und rotem Ziegelton.Andere behaupten, die Tönung habe irgendwie damit zu tun, daß Schlacht- und Streichsaison zeitlich zusammenfielen.Schwarz-weiße Fachwerkstädte wie Lavenham wurden zum Synonym für die typisch englische Kleinstadt.Rund 300 Häuser des kaum mehr als 1500 Einwohner zählenden Städtchens stehen heute unter Denkmalschutz. Dabei ist die Region nicht so isoliert, wie sie tut.Längst gehört sie zum erweiterten Einzugsgebiet Londoner Pendler, die hier Quartier nehmen.Und lange bevor sich das Nordvolk und das Südvolk von Norfolk und Suffolk zum Königreich Anglia formierten, richtete sich hier die erste Einwandererwelle vom Kontinent ein: Die Römer machten Colchester zur ältesten Stadt Britanniens.Ein Teil der alten Mauer sowie das Fragment eines Stadttores sind noch heute zu sehen.Auf den Grundmauern ihres Tem-pels errichteten später die Normannen eine Burg. Die beherbergt heute ein außerordentlich anschauliches Museum.Tief unten im Kerker wird die Geschichte des Matthew Hopkins erzählt, jenes subalternen Angestellten, der im 17.Jahrhundert als Witchfinder General Karriere und Hunderten Frauen den kurzen Hexen-Prozeß machte.Eindeutig pathologisch und keinesfalls exzentrisch nach den Maßstäben von David Weeks. Geradezu ungerecht wäre es, Stephen Hogan als Exzentriker zu bezeichnen.Der Gärtner von Blickling Hall tut einfach nur seinen Job, wie ihn 20 Gärtnergenerationen vor ihm auch schon getan haben.Und seit inzwischen auch schon dreihundert Jahren ist seine und die seiner Vorgänger vornehmste Aufgabe die Pflege der Eibenhecke links und rechts der Auffahrt.Die ist mindestens acht Meter hoch und an jeder Seite geschätzte 50 Meter lang.Allein das Trimmen einer Seite dauerte früher zwei Monate, heute geht es elektrisch etwas schneller, dafür sieht sie auch aus wie ein rasierter Königspudel.Und sie garantiert noch kommenden Gärtnergenerationen Lohn und Brot, "Eibenhecken", sagt Hogan, "werden bei guter Pflege 1000 Jahre alt." Das monströse Gebüsch bildet den geeigneten Rahmen für das zur Besichtigung freigegebene imposante jakobinische Haus, in dem übrigens Anna Boleyn, eine der unglücklichen sechs Frauen Heinrichs VIII., geboren wurde.Unnötig zu erwähnen, daß die Untote hier umgehen soll, wenngleich Blickling Hall zu ihren Lebzeiten ganz anders aussah. Zweifel hält Jeff Skipper für unangemessen."Ist ein Haus alt genug, ist es nur logisch, daß es da spukt." Skipper ist der Chef des Fremdenverkehrsbüros von Norwich, einer der am besten erhaltenen mittelalterlichen Städte Englands, wie er stolz versichert.Skippers große Leidenschaft gehört dem Theater, und besonders gern wird er mit Jeremy Irons verwechselt.Tänzelnd führt er uns über das bucklige Pflaster der Gassen, wischt sich dabei mit großer Geste eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht und weist mit der freien Hand bald auf ein Fachwerkhaus hier, bald auf eine der mittelalterlichen Kirchen dort (es gibt 34), verharrt erst vor einem Laden mit typischen Norwicher Spezialitäten (23 Senfsorten), dann vor einer öffentlichen Toilette (wunderschöne Armaturen).Ebenfalls überflüssig zu sagen, daß auch Skipper sich keineswegs für einen Exzentriker hält.Und dann hüpft er hinaus in die Nacht.TIPS FÜR EAST ANGLIA - Anreise: Mit dem Auto empfiehlt sich die Anreise über den Fährhafen Harwich.Harwich wird zum Beispiel von Scandinavian Seaways ab Hamburg angelaufen, die Überfahrt dauert gut 20 Stunden und kostet je nach Saison in der günstigsten Kabinenkategorie für eine Familie mit zwei Kindern und Pkw zwischen 500 und 1000 Mark.Sehr viel schneller geht es mit dem neuen Hochgeschwindigkeitskatamaran von Stena-Line ab Hoek van Holland.Der riesige Katamaran braucht für die einfache Strecke rund dreieinhalb Stunden.Die Überfahrt hat zwar mit einer herkömmlichen Seefahrt wenig zu tun, aber gerade sensible Mägen werden es schätzen, daß der Doppelrumpf auch bei schwerer See ziemlich unbeirrt durch die Wellen schneidet.Preisbeispiel: Für ein Auto mit beliebig vielen Insassen zahlt man je nach Saison für Hin- und Rückreise zwischen 300 und 1000 Mark. - Reisen im Land: British Tourist Board vermittelt Fahrradrundreisen durch East Anglia, Informationen über Anbieter und Touren kann man dort einholen. - Unterkunft: Je nach Qualität für ein Doppelzimmer Bed & Breakfast ab 85 Mark. - Auskunft: Britische Zentrale für Fremdenverkehr, Taunusstraße 52-60, 60329 Frankfurt am Main; Telefon: 069 / 23 80 70.
East of England Tourist Board, Toppesfield Hall, Hadleigh, Suffolk IP7 5DN; Telefon: 00 44 / 14 73 / 82 40 82, Fax: 82 30 63. © 1997 Verlag DER TAGESSPIEGEL

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