Zeitung Heute : "In zehn oder 20 Jahren wird es keine Plattenfirmen mehr geben"

YACINE LE FORESTIER ((afp))

LONDON .Den Plattenfirmen könnte bald ernsthafte Konkurrenz erwachsen: Schon heute versuchen erste Musikgruppen, sich von den Multis abzunabeln und ihren Fans die neuesten Stücke direkt über das Internet zu liefern, dem die Konsumenten die Musik elektronisch direkt entnehmen können.Schon vor fünf Jahren haben die Musiker von Kraftwerk eine solche Entwicklung prophezeit.Damals wurde das noch nicht so ernst genommen wie heute.

Die Stimmen, die den Untergang der CD voraussagen, werden jetzt immer lauter."In zehn oder 20 Jahren wird es keine Plattenfirmen mehr geben", prophezeit Alan McGee den Musikmultis."Es wird sehr viel interessanter für Gruppen sein, ihre Musik über das Internet zu vertreiben und die Zwischenhändler zu übergehen." McGees Wort hat in der Musikbranche Gewicht.Der "Oasis"-Produzent ist nicht nur für den Aufstieg der Gruppe zur erfolgreichsten britischen Rockband mitverantwortlich; als Mitglied einer vom britischen Premierminister Tony Blair eingesetzten Arbeitsgruppe zu "kreativen Industrien" zerbricht er sich auch den Kopf über die Zukunft der Branche.

Für McGee sind die ersten Anzeichen einer Revolution bereits sichtbar: "Es werden immer weniger CDs verkauft.Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Lügner".McGees Aussage wird durch Zahlen des Verbandes der britischen Musikindustrie gestützt: Der Verkauf von Musik-CDs und -kassetten ging nach mehreren fetten Jahren 1997 erstmals um 1,7 Prozent zurück.Der "Oasis"-Produzent sieht den Musikmarkt auf eine "weltweite Rezession" zusteuern.

"Es ist klar, daß die Branche eine schwierige Periode durchmacht", meint auch John Mulvey vom Musikfachblatt "New Musical Express".

Der Umsatz des neuen Marktes mit rund 125 Millionen Mark im vergangenen Jahr war im Vergleich zum herkömmlichen CD-Markt zwar noch relativ gering.Doch Experten schätzen, daß der Internet-Vertrieb schon in den kommenden vier Jahren auf ein Volumen von fünf Milliarden Mark klettern könnte.Für Jeremy Silver, zuständig für Multimedia bei EMI in London, ist die Entwicklung des Internet "eine Bedrohung".Vor allem für bereits etablierte Gruppen ist der Direktvertrieb ohne Abgaben an die Plattenfirmen eine Versuchung.

Einen entscheidenden Vorteil bieten die herkömmlichen Vertriebswege noch: "Die Musikindustrie liefert nicht nur ein fertiges Produkt, sie übernimmt auch die Werbung", betont die Sprecherin der Firma BPI, Sarah Roberts."Es ist ja ganz schön, ein Musikstück im Internet zu präsentieren - aber was passiert, wenn nie jemand davon gehört hat?"

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