Zeitung Heute : In zwei Kulturen zu Hause

Arbeitgeber wünschen sich mehr Azubis mit nicht-deutschen Wurzeln. Auch für viele Kunden sind sie ein Glücksfall

Diversity – Vielfalt heißt das Zauberwort. Eine bunt gemischte Belegschaft mit Männern und Frauen, Jung und Alt und Menschen aus verschiedenen Kulturen ist kreativer und produktiver. Foto: picture alliance/Golden Pixels
Diversity – Vielfalt heißt das Zauberwort. Eine bunt gemischte Belegschaft mit Männern und Frauen, Jung und Alt und Menschen aus...Foto: picture alliance / Golden Pixels

Erhan Ercel aktualisiert noch schnell seinen Kalender, gleich geht es zum nächsten Kundentermin. „Hier ist kein Tag wie der andere“, sagt der 23-Jährige, der seit 2009 eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann macht – in einer Allianz-Filiale in Berlin-Grunewald. Erhan sieht kurz aus dem Fenster auf die Autos, die mit leisem Rauschen die Hubertusallee entlangfahren. Besonders viele Türken würde man in diesem Stadtteil nicht vermuten. „Ich habe hier zwar türkischsprachige Kunden, aber auch viele aus Deutschland und anderen Ländern“, sagt Erhan. „Für mich ist die Arbeit immer interessant, ganz egal, wen ich berate.“

Für viele türkische Einwanderer der ersten Generation ist der Azubi hingegen ein Glücksfall – weil er sie in ihrer Muttersprache beraten kann. „Viele loben mich für mein gutes Türkisch“, sagt er. Auch von deutschen Kunden bekommt er Anerkennung für seine Sprachkenntnisse. In der Tat kann man sich den jungen Azubi gut in der Kundenberatung vorstellen: Er ist redegewandt und höflich, wirkt kompetent und zuverlässig. Negative Reaktionen hat er bislang nicht erlebt.

Ferat Kocak hingegen weiß davon schon zu berichten. Zum Beispiel von der älteren Frau, die ihre Handtasche versteckte, als er bei ihr im Türrahmen stand. Beruhigt sei sie erst gewesen, als sie erfuhr, dass er studiert hatte. Der 31-Jährige ist in Berlin als Projektmanager für das Allianz-Programm „We speak your language“ zuständig, mit dem der Konzern insbesondere um türkisch- und russischsprachige Azubis, Mitarbeiter und Führungskräfte im Vertrieb wirbt. Entstanden ist das Programm vor drei Jahren in München; mittlerweile hat die Allianz es auf alle größeren Ballungsräume in Deutschland ausgeweitet.

„In der Beratung sprechen die jüngeren Kunden mit den türkischsprachigen Versicherungskaufleuten und Vertretern meist eine Mischung aus Deutsch und Türkisch“, erzählt Ferat Kocak. Ansonsten gibt es eigentlich kaum Unterschiede zur Beratung „Einheimischer“ – vielleicht abgesehen vom Warm-Up. „Das dauert ein bisschen länger, weil am Anfang gerne noch über Fußball, Politik, die Türkei und die kalten Temperaturen in Deutschland gesprochen wird.“

Auch der öffentliche Dienst will Schülern mit Migrationshintergrund Lust auf eine Ausbildung in den eigenen Reihen machen – mit der Kampagne „Berlin braucht Dich“. Initiiert hat das Projekt der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening. Koordiniert wird es seit 2006 vom BQN Berlin – dem beruflichen Qualifizierungsnetzwerk für Migrantinnen und Migranten.

„Die Kampagne hat das Ziel, den Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in allen Ausbildungsbereichen, in denen die Politik als Arbeitgeber Verantwortung trägt, auf 25 Prozent zu erhöhen“, sagt Annemie Burkhardt vom BQN. Behörden und Betriebe mit Landesbeteiligung übernähmen eine Vorreiterrolle, um den Zugang Jugendlicher mit Migrationshintergrund zur Ausbildung zu verbessern und damit Nachwuchskräfte für sich und das Land zu gewinnen.

Auf den Seiten www.berlin- braucht-dich.de können sich interessierte Schüler über Berufsbeschreibungen und Bewerbungstipps informieren. Außerdem gehen ältere Jugendliche, die den Bewerbungsprozess erfolgreich abgeschlossen haben, zu Infoveranstaltungen in Schulen. „Die Präsentation der Ausbildungsberufe durch Auszubildende mit Migrationshintergrund kommt sehr gut an“, sagt Annemie Burkhardt. Der Anteil von Jugendlichen mit nicht-deutschen Wurzeln, die in Berlin eine Ausbildung im öffentlichen Dienst machen, hat sich seit 2006 mehr als verdoppelt: von 8,6 Prozent im ersten Kampagnen-Jahr auf 19,5 Prozent 2009.

Im vergangenen Jahr hat die Berliner Wirtschaft nachgezogen: IHK, Handwerkskammer und Senat haben die Kampagne „Berlins Wirtschaft braucht dich“ gestartet, die ebenfalls um Auszubildende mit Migrationshintergrund wirbt (www.berlins-wirtschaft- braucht-dich.de).

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben