Zeitung Heute : Indiens Computerzentren im Aufwind

MARGRET BREHM

Via Datenautobahn exportiert das Land mehr Software als jeder europäische KonkurrentVON MARGRET BREHMHupende Autos, Motorroller und Lkws verstopfen den einzigen Nationalen Highway im südindischen Bundesstaat Kerala.Links und rechts kleine Läden, Teestuben, Frauen in bunten Saris, Männer, Kinder, Ziegen, Kühe und Abfall.Steineklopferinnen kauern am Straßenrand und zerkleinern Felsbrocken zu Splitt für den Straßenbau. Zehn Kilometer nördlich von Trivandrum, der Hauptstadt Keralas, biegen wir links ab und tauchen in eine andere Welt ein - machen einen Zeitsprung."Technopark" kündigen Schilder an.Hinter Absperrungen und Wachpersonal verteilen sich moderne Gebäudekomplexe auf sechs Quadratkilometern gepflegter Grünanlage.1991 wurde der Grundstein für diesen elektronischen Gewerbepark gelegt.Er ist einer von sechs Computerzentren in Indien.Verkehrswege, also die klassische Infrastruktur einer Volkswirtschaft, spielen für die Softwareindustrie keine Rolle.Via Datenautobahn exportiert Indien jährlich mehr Software als jedes Land in Europa. Im November 1994 nahm im Technopark die erste Firma ihren Betrieb auf.Innerhalb von 18 Monaten war die gesamte Bürofläche vermietet.Ende 1997 waren 21 Firmen aus Europa, USA und dem Mittleren Osten als Joint-venture oder direkt hier angesiedelt.Von den 1800 Mitarbeitern sind 60 Prozent Frauen.Ein noch größerer, achtstöckiger Bürokomplex mit 40 000 Quadratmetern Bürofläche, ist in Bälde bezugsfertig. Der Technopark bietet den interessierten Computerfirmen aus aller Welt Bürofläche, die gekauft, gemietet oder bis zu 25 Jahre geleast werden kann.Durchschnittsmiete für eine 200 Quadratmeter Büroeinheit: Einmalzahlung von 100 000 DM und jährliche Leasingrate von 250 DM.Im Hauptgebäude stehen verschiedene technisch erstklassig ausgestattete Konferenz- und Seminarräume zur Verfügung.Eine eigene Satelitenstation für die Datenübertragung sowie eine vom übrigen Land abgekoppelte Stromversorgung ist selbstverständlich.Der Campus bietet seinen Kunden ein eigenes Club- und Gästehaus, Restaurant, Tennisplatz und ein Open-Air-Theater. Das Gelände ist eine Freihandelszone, die den Investoren zollfreie Importe und steuerermäßigte Exporte ermöglichet.Betrieben wird der Elektronikpark von einer Gesellschaft, die aus Industrie, Universität und Regierung des Bundesstaates Kerala besteht. Jung, billig, kompetent und hochmotiviert, so preisen die Betreiber des Technopark ihre wichtigstes Kapital, die Softwarespezialisten, an.Der Public Relation Manager legt eine Liste aller Colleges und Universitäten in Kerala auf den Tisch, die allein in diesem Bundesland 990 Studienplätze für Informatiker aufweist.In ganz Indien werden jährlich 15 000 Informatiker graduiert.Das allgemeine Bildungsniveau in Kerala ist sehr hoch.Die Alphabetisierung liegt bei hundert Prozent in diesem südlichen Bundesstaat, im Vergleich zum übrigen Indien, wo schätzungsweise die Hälfte der Menschen nicht lesen und schreiben kann." Es gibt kein Nachschubproblem für Arbeitskräfte" meint der PR-Mann mit leicht geneigtem Kopf, und fügt noch hinzu: "Außer dem Technopark gibt es praktisch keine Arbeitsplätze hier für Softwarespezialisten." In der deutschen Joint-venture Firma Informationsverarbeitung Leverkusen (IVL) treffen wir Madhavi, 24 Jahre alt.Es ist ihre erste Stelle nach dem sechsjährigen Unistudium, das sie als graduierte Informatikerin abgeschlossen hat.Sie ist glücklich über ihren Arbeitsplatz, den sie seit sieben Monaten hat.Bis zum Studium hatte die noch unverheiratete junge Frau keinerlei Berührung mit einem Computer.Heute entwickelt sie für die deutsche Firma Programme für alle Bereiche der kommunalen Verwaltung einer deutschen Großstadt.Von der Hausverwaltung städtischer Gebäude, über Steuerwesen, Schülerbeförderung, Friedhofsverwaltung bis zur Abrechnung des Parksystem.Anna, 27 Jahre, ist verheiratet und hat ein Kind, das die Mutter versorgt.Sie hat zweieinhalb Jahre Berufserfahrung in Bombay gesammelt.Ihre Kolleginnen und Kollegen im Großraumbüro erledigen bereits mit den in Indien entwickelten Programmen einen Teil der Buchhaltung online für die Städte Leverkusen und Essen.Andere im Technopark ansässige Firmen arbeiten für Siemens, Philips, Ikea und eine Reihe großer europäischer und amerikanischer Airlines. 300 DM umgerechnet beträgt der Monatslohn Madhavis.Damit ist sie eine Spitzenverdienerin in Kerala, wo ein Kellner rund 80 DM pro Monat erhält und das Einkommen eines Lehrers 150 DM je Monat beträgt.In Bangalore, dem Silicon Valley Indiens, sind die Arbeitslöhne der hochqualifizierten Spezialisten bereits viel höher.Seit kurzem kursiert ein Witz über die dortige Lohnpolitik, erklärt der PR-Manager: Ein Softwareingenieur fängt morgens bei der Firma A an, nach dem Mittagessen ist er bereits bei Firma B und für den nächsten Tag hat er einen noch besser dotierten Vertrag für Firma C in der Tasche, wenn er am Abend das Haus verläßt."Dem beugen wir in Kerala vor.Die Gehälter der Informatiker sind bei uns im Technopark zwischen den einzelnen Firmen abgesprochen", lächelt er wissend.So verspricht der Werbeprospekt der Betreiber den Kunden lebenslängliche Firmentreue der Angestellten.Ob das wohl auf Dauer haltbar ist in Kerala, das seit der Unabhängigkeit Indiens kontinuierlich eine demokratisch gewählte, kommunistische Landesregierung hat? Das Gewerkschaftsleben ist vielfältig und lebendig wie nirgends sonst auf dem Subkontinent.15 Tage gibt es Lohnfortzahlung und 20 Tage Urlaub im Jahr. Trotz der neu gefundenen Nische auf dem Weltmarkt, die Indien durch die Softwareproduktion und Onlinedienstangebote gefunden hat, wird sich für das Gros der Bevölkerung wenig ändern.Die Fischer an der palmengesäumten Malabarküste, auf die man vom Technopark Kerala blickt, ziehen wie vor Jahrhunderten in gleichmäßigem Rhythmus ihre Netze an Land.Auch die Tagelöhnerinnen auf den Baustellen und im Straßenbau werden weiterhin für Minimallöhne schuften.

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