INDIEROCKStephen Malkmus & The Jicks : Anonymer Melancholiker

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Normalerweise wird ja bei jedem halbwegs prominenten Krethi oder Plethi, der seinen Lebensmittelpunkt vorübergehend nach Berlin verlegt, ein mediales Fass aufgemacht. Erst recht im Bereich der Popmusik: Obskure Acts aus Oslo, Melbourne oder São Paulo sind allemal für ein Porträt oder eine Fotostrecke gut, schließlich muss der behauptete Nabel-der-Welt-Status unserer Arm-aber-sexy-Metropole irgendwie untermauert werden. Ist dann aber mal jemand wirklich Bedeutendes in der Stadt, kriegt kaum jemand etwas mit. Was vermutlich genau die Intention war, die Stephen Malkmus (Foto, rechts), ehemaliger Kopf von Pavement, der besten und einflussreichsten US-Indierockband der Neunziger, mit dem Umzug nach Berlin im Sinn hatte: aus Portland, Oregon, wo er bekannt ist wie ein bunter Hund, samt Familie in die Anonymität einer europäischen Millionenstadt zu gehen, um in aller Ruhe künstlerische Positionen zu überprüfen.

Falls das der Plan war, ist er aufgegangen. Auf „Wig Out At Jagbags“, seinem sechsten Post-Pavement-Album (dem vierten mit seiner treuen Begleitband The Jicks), klingt Malkmus so entspannt und so experimentierfreudig wie lange nicht. Vorbei ist die Zeit rustikaler Gitarrenrockismen, die sich im Spätwerk von Pavement andeuteten und die frühen Solojahre dominierten. Eine Berlinplatte ist „Jagbags“ allerdings nicht: Aufgenommen in Belgien, zeigt das Werk die gesammelten Einflüsse des inzwischen nach Portland repatriierten Musikers und funktioniert als Westcoast-Kompendium, das den sonnendurchfluteten L.A.-Yachtrock der Siebziger ebenso spiegelt wie die Drogenepen der Grateful Dead und die lakonische Melancholie seiner eigenen Neunziger-Meisterwerke.Jörg Wunder

Postbahnhof, Mo 27.1., 20 Uhr, 20 €

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