Zeitung Heute : Indonesisches Urteilsvermögen

Der Prozess gegen den deutschen Al-Qaida-Verdächtigen

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Von Moritz Kleine-Brockhoff,

Jakarta

Der Angeklagte neigt den Kopf zur Seite, damit er seine Übersetzerin besser hören kann. Als sie fertig ist, zieht er den Kopf langsam zurück – kein Nicken, kein Kopfschütteln, kein Wort zum Urteil an den Richter. Er wird jetzt gleich Zettel verteilen. „Ich danke Gott dafür, dass er mir einen langen Urlaub erlaubt“, steht darauf. „Jetzt habe ich Zeit, im Gefängnis das indonesische Gesetz zu studieren. Außerdem kann ich mein Wissen über den heiligen Koran und die islamische Scharia vertiefen.“ Die Zettel hatte er vorbereitet.

Geahnt hatte Reda Seyam es schon vorher. „Schuldig wegen Einwanderungsvergehen. Es ist erwiesen, dass Sie mit einem Touristenvisum als Journalist gearbeitet haben“, liest Richter Effendy seinen handgeschriebenen Text ab. Das Urteil: zehn Monate Gefängnis. In Ägypten ist er geboren, in Deutschland hat er geheiratet und lange gelebt. Als er schon deutscher Staatsbürger war, ging er während des Balkankrieges nach Bosnien, danach nach Saudi-Arabien, in die Konfliktgebiete der Südphilippinen und nach Indonesien. „Als Kameramann“, sagt er. „Als Terrorist“, sagen Ermittler.

Jetzt sitzt er in der Mitte des Raumes auf diesem alten Bürostuhl, der so verrottet ist wie die indonesische Justiz. Das Plastikgestell mit den Rollen am Fuß ist verstaubt, der dunkle Stoffbezug dreckig. Wer mit der Nase an den Stuhl geht, merkt, dass er stinkt.

Es ist Donnerstagvormittag, kurz vor halb elf und der fünfte Verhandlungstag im Prozess gegen Reda Seyam, der fastet, wie jeden Montag und Donnerstag. Eine Farce soll hier möglichst leise zu Ende gehen. Nicht im großen Saal des Distriktgerichts von Südjakarta, sondern im Raum sechs, wo die Hälfte der Leuchtstoffröhren und Ventilatoren kaputt ist. Zweimal fehlte der Staatsanwalt, wenn er da war, vergaß er, Beweismittel mitzubringen. Nur einer der fünf Zeugen erschien, er sagte praktisch nichts. Wenn beisitzende Richter zu finden waren, schliefen sie oft ein. Der Stenograf schrieb kaum. Als Seyam im Zeugenstand war, vergaß der Richter, ihn vereidigen zu lassen.

Ein ganz normales indonesisches Gerichtsverfahren. Und auch wieder nicht. Denn für einen gewöhnlichen Visafall würde sich kein Richter die Robe anziehen. Der eigentliche Fall Reda Seyam wurde nicht verhandelt. Weil die Indonesier nicht ordentlich ermittelten oder weil die Deutschen ihnen klar machten, dass sie den Fall lieber selbst verfolgen wollen?

Kein Wort in Raum Nummer sechs über die Vorwürfe des indonesischen Geheimdienstes BIN: „Seyam ist ein hohes Mitglied der Al Qaida“, sagt ein BIN-Sprecher. Kein Wort über das Ermittlungsverfahren des Generalbundesanwaltes in Karlsruhe. „Ein Al-Qaida-Aktivist hat sie als Person identifiziert, die mit Al Qaida in Verbindung steht“, schrieben die Angestellten der deutschen Botschaft an Reda Seyam, als sie ihm vor zwei Wochen den Reisepass entzogen, damit er nach seinem Indonesienaufenthalt nur noch nach Deutschland kann.

Der Richter Effendy – Mitte 50, rundes Gesicht, Goldgestellbrille – lächelt nach seinem harten Urteil. Väterlich erklärt er, dass Seyam eine Woche Zeit hat, Einspruch einzulegen. Dass es in Indonesien viele Monate dauert, bis die höhere Instanz sich um einen Einspruch kümmert, sagt er nicht. Seit vier Monaten ist Seyam in Haft, ein halbes Jahr muss er noch absitzen, falls er nicht vorher abgeschoben wird. Ein Einspruch lohnt sich also kaum. „Alles klar?“, fragt Effendy den Staatsanwalt, Seyam und seine Verteidiger. Alle nicken, der Hammer fällt, das war’s.

Keiner versteht, was geschehen ist. Eigentlich, hatten sie alles anders, alles „indonesisch“ verabredet, sagen drei Prozessbeteiligte. 2500 US-Dollar für die Anwälte, 1000 für den Richter, 1000 für den Staatsanwalt und 500 für einen Mittelsmann, der den Deal einfädelte. Ein schnelles Verfahren und ein mildes Urteil, das kaum über die bereits abgesessene Gefängniszeit hinausgeht, so war es ausgemacht. „Eigentlich wollte ich nichts bezahlen“, sagt Reda Seyam, „man hat mich überredet.“ Aber jetzt kam alles anders als abgemacht. „Ich will mein Geld zurück.“

„Ich weiß nicht, warum Reda zehn Monate bekommen hat“, sagt der Mittelsmann, „irgendwas ist schief gelaufen.“ Eine halbe Stunde nach Prozessende sitzt Richter Effendy in seinem Büro und tippt eine SMS in sein Handy. „Geld hatte nichts mit dem Urteil zu tun“, sagt er, „der Staatsanwalt hat sich komisch verhalten, als er plötzlich 18 Monate forderte.“ Das war am dritten Verhandlungstag, als das Verfahren kippte und klar wurde, dass andere mitentscheiden. Männer vom indonesischen Geheimdienst tauchten im Gerichtssaal auf. Richter Effendy gibt zu, dass es Druck von außen gab: „Es stimmt, ich habe einen anonymen Brief erhalten.“ Was darin stand, will er nicht sagen. „Ich kann mir denken, wer dahintersteckt und habe den Brief gleich weggeworfen.“ Mit einer Handbewegung beendet er das Thema.

Zu der Zeit ist Reda Seyam wieder auf dem Weg zum Cipinang-Gefängnis in Ostjakarta. Wer dort mit ihm reden will, kann ihn im Besucherbereich treffen, einer Mischung aus Lagerhalle und Vogelkäfig. Mit fünf anderen Häftlingen lebe er in einer versifften Zelle, sagt er. Da sitzt er also an einem langen Holztisch zwischen Mördern, Dieben, Betrügern und vielleicht auch zwischen Unschuldigen. Seine Stimme ist weich, er sieht den Besucher meist direkt an, traurig und ehrlich schauen seine dunklen Augen. „Er ist ein Profi“, sagen die Ermittler, die bei stundenlangen Befragungen nichts aus ihm rausbekommen haben, „verhörgeschult und sehr, sehr gut im Lügen – gefährlich ist er.“ Seyam sagt: „Alles Quatsch, ich habe nichts mit Al Qaida zu tun.“ Zurück nach Deutschland wolle er, das sei seine Heimat. „Deutschland soll mich anklagen, dann kann ich meine Unschuld beweisen.“ Er ist unruhig, zwischen den Fingern hat er einen Papierschnipsel, damit spielt er die ganze Zeit.

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