Zeitung Heute : Industriepolitik?Aber nicht doch ...

GERD APPENZELLER

...beteuern die großen deutschen Banken.Doch das Gegenteil ist wahr, wie das Beispiel Krupp-Thyssen lehrtVON GERD APPENZELLERWer glaubt, mit dem Verzicht des Krupp-Konzerns auf eine "feindliche Übernahme" des Stahl-Mitbewerbers Thyssen kehre in den Unternehmen an Rhein und Ruhr Ruhe ein, der irrt.Das Drama wird, etwas anders als geplant, seinen Lauf nehmen.Aber viel stärker als das Geschehen auf der offenen Bühne springt die kaum verhohlene Heuchelei um ein Exempel praktizierter Einflußnahme der Geldinstitute ins Auge.Das beginnt bei der Deutschen Bank und ihrer Erklärung, sie treibe keine eigenständige Industriepolitik.Das Gegenteil ist wahr und wurde gerade gestern erst durch das Engagement in der Bauwirtschaft bewiesen.Wenn sich die Strategie der Bank als betriebs- und volkswirtschaftlich sinnvoll erweist und nicht in Schaden für die Kunden umschlägt, ist dagegen wenig zu sagen.Speziell die nur auf den ersten Blick geplatzte Stahlfusion zwischen Krupp-Hoesch und Thyssen ist ein Musterbeispiel dafür, wie langfristig die Großbanken denken.Bereits 1978 hat der ermordete Vorstandsprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, ein ähnliches Zusammengehen angemahnt. Sinnvoll ist es auch noch heute.Die enge Kooperation mehrerer Unternehmen einer Branche stärkt im internationalen Vergleich die Konkurrenzfähigkeit.Solche Synergie-Effekte zu suchen, ist Kernaufgabe der Industriepolitik.Das weiß natürlich auch, und damit sind wir bei einer weiteren Heuchelei, die Westdeutsche Landesbank.Krupp-Hoesch und Thyssen haben ihren Sitz in Nordrhein-Westfalen.Dieses Bundesland betreibt mit Hilfe der Landesbank, in deren Gremien es gewichtigen Einfluß hat, sehr erfolgreich Industrie-, Struktur- und Ansiedlungspolitik.Der Vorstandsvorsitzende der WestLB ist Mitglied des Aufsichtsrates von Krupp-Hoesch - und will über den Fischzug, den Gerhard Cromme plant, weder den Ministerpräsidenten oder den Wirtschaftsminister informiert, noch gar von der ganzen Sachen gewußt haben? Dies zu glauben, wäre denn doch ein bißchen viel der Blauäugigkeit ... Die Deutsche Bank hat sich, wieder einmal, als unfähig erwiesen, Reaktionen der Öffentlichkeit auf ihre Geschäftspolitik richtig einzuschätzen und professionell darauf zu reagieren.Die gesellschaftspolitische Dimension einer Übernahme von Thyssen durch Krupp-Hoesch angesichts einer verheerenden Arbeitsmarktlage im Ruhrgebiet hätte jeder Student der Nationalökonomie im ersten Semester darlegen können.In der Frankfurter Zentrale des mächtigen Geldinstitutes hat sie niemand bedacht - oder, wenn doch, verschwiegen.Der Auftritt des künftigen Vorstandssprechers vor den Kameras des öffentlich-rechtlichen Fernsehens am Montagabend gab wenig Anlaß zu der Hoffnung, daß sich da künftig etwas bessern wird.In seiner Mischung aus Trotzigkeit und Beleidigtsein hat Rolf Breuer zudem den ganzen Konflikt seines Unternehmens verkörpert.Auf der einen Seite will die Deutsche Bank im Investment Banking weltweit dabeisein und strategische Entscheidungen fällen.Auf der anderen Seite ist sie das klassische Kreditinstitut, dessen Kunden aus der Unternehmerschaft beginnen, sich Sorgen zu machen, wie weit sie ihrer Hausbank noch über den Weg trauen können.Ohne eine strikte Trennung der Geschäftsfelder wird das auch künftig nicht konfliktfrei verlaufen. Sollten die Chefs von Krupp-Hoesch und Thyssen glauben, sie hätten mit ihrer Kooperationsabrede unterhalb der Firmenverschmelzung die Deutsche und die Dresdner Bank zwar als Vehikel benutzen, sich ansonsten aber schadlos halten können, dürften sie nur in einem Punkt Recht behalten: Die Landesregierung könnte, um das Unternehmen von schweren Lasten zu befreien, die Last der Pensionen für 50 000 Alt-Kruppianer befreien.Ansonsten aber irren die beiden Manager.Die Spekulation an der Börse wäre ohne Bankgelder nicht möglich gewesen.Nach dem Scheitern der Pläne brachen die Kurse massiv ein.Die Geldinstitute werden nun an anderer Stelle die Hand aufhalten, wenn Krupp und Thyssen in der kommenden Zeit auf neuen Geschäftsfeldern zusammengehen.Wer die finanziert, sollte man genauso beobachten wie die Geldgeber der kommenden Stahlgesellschaft.Es wäre schon erstaunlich, wenn die Deutsche und die Dresdner nicht direkt oder über Töchter beteiligt wären.Industriepolitik? Ih, bewahre!

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