Zeitung Heute : Info-Krieg oder Dummer-Jungen-Streich?

Kurt Sagatz

Seit Tagen werden Internet-Anbieter lahm gelegt. Die Attacken zeigen die SicherheitsmängelKurt Sagatz

Die Situation eskaliert: Zwei Tage hintereinander wurden mehrere der weltweit größten Internet-Dienste lahmgelegt. Zuerst war am Montag Yahoo mehr als drei Stunden nicht zu erreichen, später ging bei CNN, eBay und Amazon über Stunden nichts mehr. Alle Seiten brachen vor Überlastung zusammen, nachdem die Internet-Rechner mit riesigen Mengen automatisch erzeugter Anfragen bombardiert worden waren. Über die Angreifer ist bislang nichts bekannt, die US-Bundespolizei FBI wurde eingeschaltet.

Alle Ziele der Angriffe haben eine Gemeinsamkeit: Ausnahmslos handelt es sich um die ganz Großen der Dot-Com-Wirtschaft. Yahoo ist eine der Top-Einstiegsseiten für Internet-Nutzer. CNN gehört zu den bedeutendsten US-Informationsquellen, Amazon ist der größte Online-Buchhändler, und eBay gehört zu den ganz großen Internet-Auktionshäusern. Welche Schäden entstanden sind, lässt sich schwer abschätzen, da die Dienste werbefinanziert arbeiten.

Die Hackerszene geht auf Distanz zu den Attacken. Es sei Konsens, dass Hacker zwar auf Sicherheitslücken hinweisen, aber keine Angriffe auf die Infrastruktur billigten, sagte Frank Rieger vom deutschen Chaos Computer Club dem Tagesspiegel. Für ihn sind die Aktionen "rücksichtslos und dumm". Ungeachtet dessen ist deutlich geworden, dass Internet und E-Commerce bei weitem nicht so sicher sind wie bislang angenommen. "Das Internet kommt nicht an die Zuverlässigkeit des Telefons heran", urteilt Rieger.

Während der E-Commerce in den USA bereits ein bedeutender Wirtschaftsfaktor ist, beginnt der elektronische Handel in Deutschland grade erst zu greifen. Ohne Schutz vor unidentifizierbaren Angriffen könnte der Gang ins Netz zum unkalkulierbaren Risiko werden. Nach Ansicht von Klaus Berens, Internet-Experte des Deutschen Industrie- und Handelstages, liegt es nun an den Providern, Sicherheitsmechanismen anzubieten, die solche Angriffe erkennen und abwehren können. Es wäre falsch, nun das Internet-Engagement in Frage zu stellen, dafür sei der Markt zu groß.

Doch den Schwarzen Peter wollen die Provider nicht haben. Für Michael Rotert vom Branchenverband eco zeigt sich jetzt, dass viele Firmen auch in Deutschland zu wenig in die Sicherheit investiert hätten. Rotert vermutet übrigens hinter den Attacken nur einen "Dummen-Jungen-Streich", der jedoch weitreichende Folgen haben könnte. Es werde sicherlich Nachahmer geben. Rotert: "Es ist eigentlich nur die Frage, wer das nächste Ziel ist."

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