Zeitung Heute : Informationsgesellschaft auf Spendenbasis

KURT SAGATZ

Kaum öffentliche Internet-Zugänge / AGB kämpft um Telekom-GebührenVON KURT SAGATZ

Berlin ist auf die Informationsgesellschaft mehr schlecht als recht vorbereitet.Außer für Studenten, die an den Unis mit Internet-Accounts versorgt werden, gibt es in der Hauptstadt kaum öffentliche Zugänge zur vernetzten Informationswelt.Die wenigen frei zugänglichen Internet-PCs werden überdies aus Kommerzgründen überwiegend von fortschrittlichen Kaufhausunternehmen betrieben, die öffentliche Hand hält sich erschreckend zurück. Auch die vier Internet-PCs in der Amerika Gedenkbibliothek (AGB) in Kreuzberg stammen aus der Wirtschaft.Anfang Dezember konnten sie durch eine Spende des BB Data Systemhauses in der Jugendbibliothek "Hallescher Komet" aufgestellt werden.Andere Firmen wie Hewlett Packard, BB Jugend und Computer, der Cornelsen Verlag oder Hertie taten das ihrige zur medialen Ausstattung des Jugendbereiches, erläutert Bibliotheksleiterin Charlotta Flodell.Doch die Freude über die neue Gerätschaft, die bereits im ersten Monat rund 800 Jugendlichen eine Auffahrt auf den Information-Highway bot, währt möglicherweise nur kurz.Denn der Anschluß ans Internet erfordert nicht nur einen Rechner mit Modem, sondern auch eine Telefonleitung und einen Zugangs-Provider.Und dies wurde der AGB nur befristet bis Ende Februar gespendet, weitere Mittel fehlen. Sicherlich würde sich Bibliothekschefin Flodell über eine weitere Spende, die den Betrieb der Internet-Zugänge über Februar hinaus sichert, genauso freuen wie über eine Telekom, die der Bibliothek eventuell Sonderkonditionen einräumt.Doch damit wäre das eigentliche Problem nicht gelöst."Es ist eine politische Fragestellung, ob der Bürger Zugang zu den neuen Informationsquellen und somit die Schlüsselkompetenz der Zukunft erhalten soll und wer dafür finanziell geradesteht", meint die Bibliotheksleiterin, die sich wegen ihres Internet-Problemes demnächst an Kultursenator Radunski wenden wird.Ob der ihr allerdings helfen kann, ist fraglich.Ein Posten für den Betrieb von öffentlichen Internet-Zugängen fehlt bislang im Haushalt der Kulturverwaltung.Doch zum Nulltarif ist die Informationsgesellschaft nicht zu haben.Die laufenden Kosten für die vier Terminals in der AGB belaufen sich auf geschätzte 55 000 DM pro Jahr. Der Bedarf nach öffentlichen Internet-Zugängen, so viel hat die Erfahrung in der AGB bereits gezeigt, ist groß.Zum engen Kreis der "Stammkunden" gehören hier auch einige Mädchen, die ebenfalls in den geplanten Internet-Club eintreten wollen.Aber auch "ältere Semester" nutzen vormittags, wenn die Jugendlichen noch in der Schule sind, das kostenlose Internet-Angebot der AGB.Um Streitigkeiten vorzubeugen, sorgt eine verbindliche Liste für eine geregelte Nutzung der Geräte.Es ist möglich, sich dort telefonisch (690 82 13) anzumelden.Die Wartezeit war bislang nicht länger als ein Tag. Die Terminals werden, und das hat die AGB-Bibliothekare anfangs überrascht, keineswegs nur zum Netzsurfen genutzt.Ganz weit oben auf der Interessensskala steht Online-Kommunikation, das sogenannte "Chatten".Da jedoch im Internet auch reichlich Gefahren gerade für Jugendliche lauern, die sich mit dem Begriff Sexualität auseinandersetzen, müssen die AGBler dennoch ein wachsames Auge auf den Terminals behalten. Der Umgang mit den neuen Medien kostet allerdings nicht nur, mit Internet & Co läßt sich vielmehr auch Geld verdienen.Auch für Bibliotheken.Nach den Plänen der umtriebigen AGB-Chefin soll ihr Haus künftig nicht nur die Möglichkeit zur selbständigen Recherche im Netz für Bürger anbieten, sondern selbst als Info-Broker in Erscheinung treten, wie dies für vergleichbare Einrichtungen in den USA und Großbritannien längst üblich ist.Die Nachfrage ist nach Flodells Einschätzung da, vor allem bei kleinen Unternehmen, die sich keine Research-Abteilung leisten können. Weitere Impulse aus Brüssel
Auf ihrem zweiten Treffen hat die auf Initiative von EU-Kommissar Martin Bangemann gegründete Beratergruppe zu Fragen der Informationsgesellschaft in dieser Woche in Potsdam ein 11-Punkte-Papier vorgestellt.Besonderen Wert legten die Manager, darunter BDI-Präsident Henkel, Bertelsmann-Vorstand Middelhoff und Olivetti-Chef Benedetti, dabei auf die Durchsetzung der Liberalisierungsbestimmungen im Telekommunikationsmarkt, der vom kommenden Jahr von den letzten staatlichen Monopolen befreit wird.Zu den wichtigen Punkten auf der Prioritätenliste gehört aber auch die rechtliche Ausgestaltung der neu entstehenden Bereiche wie Electronic Commerce sowie die Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen auf dem Weg in die Informationsgesellschaft.Im Bereich der satellitengestützten Kommunikation müsse zudem das gegenüber den USA verloren gegangene Terrain wieder gutgemacht werden.Um dies zu erreichen, will die Europäische Kommission in den einzelnen Staaten für die notwendigen Impulse sorgen.Unter anderem soll erreicht werden, daß alle Schulen, Bibliotheken und Ämter den Bürgern Zugang zu den den neuen Informationsmedien bereitstellen.Auf neue Fördertöpfe wie für die Landwirtschaft oder die Industrie solle dabei aber verzichtet werden, meinte der EU-Kommissar.

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