Zeitung Heute : Initiative "sichere Musik" - Ein Standard für Copyright-geschützte Musikdownloads liegt in weiter Ferne

Stefan Krempl

MP3 hat das Netz zum Klingen gebracht: Das Kompressionsverfahren, mit dem sich Audiodateien auf bis zu ein Zwölftel ihrer ursprünglichen Größe schrumpfen und so leichter durch die Datenleitungen schicken lassen, hat längst eine Kulturrevolution ausgelöst und die Musikindustrie erschüttert. Vor allem, seit immer mehr Surfer über populäre Dienste wie Napster ( www.napster.com ) Musiktitel direkt von einer Festplatte zur nächsten verschieben, fürchten die großen Plattenlabels um Rechte und Rendite. Die amerikanische Firma muss sich deswegen demnächst vor Gericht wegen Copyright-Verletzungen verteidigen.

Ehrgeizige Ziele

Die Musikindustrie überzieht aber nicht nur Anbieter innovativer MP3-Sites wie Napster oder MP3.com mit Klagen. Um das Internet selbst als Distributionsweg nutzen zu können und MP3 gleichzeitig den Stachel zu ziehen, haben sich unter Führung der wichtigsten Plattenfirmen im Dezember 1998 die wichtigsten Firmen aus der Elektronik-, Computer- und Telekommunikationsindustrie zur Secure Digital Music Initiative ( www.sdmi.org ) zusammengeschlossen. Das Konsortium hatte sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis zum Weihnachtsgeschäft 1999 einen Standard für die "sichere" Übertragung von Musik über das Netz zu schaffen.

Doch im vergangenen Herbst nörgelte die Hardware-Industrie, dass die Schutztechniken für das vergangene Weihnachtsgeschäft noch nicht einsetzbar waren. Die vorläufige Spezifikation für den Schutz von Urheberrechten auf tragbaren MP3-Playern hatte das Konsortium zwar im Juni 1999 aufgestellt. Seitdem kam der Implementierungsprozess wegen interner Streitereien zwischen den SDMI-Mitgliedern aber ins Stocken.

Vor allem Sony hatte sich im September beklagt, dass die Gerätehersteller ihre Hardware bis zur Weihnachtssaison noch nicht mit den SDMI-Regeln in Übereinstimmung bringen konnten. Erst im Februar lieferte das SDMI-Konsortium die technischen Regelbeschreibungen für die "zweite Phase" der Copyright-Schutzmechanismen nach. Mit ihrer Hilfe sollen auf SDMI ausgerichtete MP3-Player nun so nachgerüstet werden können, dass sie das Abspielen geschützter Dateien verhindern.

Abgekupferte Technik?

Just ein Patentstreit, bei dem es wie beim Urheberrecht um den Schutz von Ideen geht, droht nun SDMI erneut zu gefährden. Für die Erkennung illegal kopierter Titel hat sich das Konsortium für die Wasserzeichen-Technologie ( www.musicode.com ) des kalifornischen Unternehmens Verance entschieden. Doch Digimarc (www.digimarc.com), eine zweite US-Firma, beschuldigt den begünstigten Rivalen, die Schutztechnik größtenteils abgekupfert zu haben. Bruce Davis, Geschäftsführer von Digimarc, stellte jüngst empört klar: "Wir können anderen Unternehmen nicht erlauben, uns unsere Technologie wegzunehmen."

Die Lösung von Verance ist einer der zentralen Bestandteile des SDMI-Konzepts. Wasserzeichen sind eine Art Stempel. Sie werden in den Datensalat von Musik-Files oder Computer-Bildern eingefügt. Mit der entsprechenden Scann- und Filtersoftware, die im Fall von SDMI in die Abspielgeräte implementiert ist, können die Veränderungen an den Wasserzeichen erkannt werden, die sich beim Kopieren von derart geschützten Dateien ergeben. Sollte Digimarc mit der Klage gegen Verance erfolgreich sein, könnte das die Zeitplanung von SDMI erneut verzögern.

Wann und ob das Projekt erfolgreich beendet wird, steht damit in den Sternen. Selbst den großen Labels dauert inzwischen alles zu lange, sie setzen wie etwa die Bertelsmanns Media Group ( www.bmg.com ) beim Vertrieb digitaler Musik über das Internet auf Partnerschaften mit Firmen wie Intertrust ( www.intertrust.com ).

Dabei werden Musikfiles verschlüsselt in einen "digitalen Umschlag" gepackt. Von Wasserzeichen ist diese Technik nicht abhängig. "SDMI war eh nicht die schlaueste Anwendung für Wasserzeichen", urteilt Karlheinz Brandenburg, der am Erlanger Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen ( www.iis.fhg.de ) MP3 maßgeblich mitentwickelt hat. Schließlich lasse die Robustheit dieser Tracking-Technologie noch zu wünschen übrig.

Die an SDMI beteiligten Unternehmen und Organisationen, zu denen auch die Fraunhofer-Gesellschaft gehört, haben inzwischen selbst die Pläne revidiert, mit denen sie einst an den Start gingen. Das offizielle Ziel lautet nun, "ein freiwilliges, offenes Rahmenwerk für das Abspielen, Speichern und die Distribution digitaler Musik in geschützter Form zu entwickeln". Obwohl SDMI weiterhin der Ansicht ist, dass Urheberrechte respektiert werden sollten, will man auch die Verwendung ungesicherter Distributionsmöglichkeiten nicht verhindern. Ein alle selig machendes Format könne man nicht von SDMI erwarten, macht auch Leonardo Chiariglione, Chef des Konsortiums, inzwischen klar.

Programme wie Gnutella ( http://gnutella.wega.com ) oder FreeNet ( http://freenet.sourceforge.net ), glaubt Brandenburg, zeigen zudem, dass ein absoluter Kopierschutz eine Illusion und dem Verbraucher auch kaum zu vermitteln sei. Über beide Dienste können Nutzer ohne Zugriff auf einen zentralen Server und damit weitgehend unkontrollierbar Dateien austauschen.

Für das 1997 standardisierte und MP3 technisch überlegene Komprimierungsverfahren AAC (Advanced Audio Coding) hat sich das IIS daher einen Schachzug überlegt, um den Angriffen der Phonoverbände zu entgehen: AAC selbst enthält keine Vorrichtungen zum Urheberschutz. Die Fraunhofer-Gesellschaft lizensiert das Verfahren aber nur an Firmen, die es mit Copyright-Vorkehrungen vermarkten.

Die sehr rigiden Lizenzbedingungen und das Fehlen freier Encoder oder Player verhindern aber gleichzeitig, dass sich AAC genauso virushaft im Netz ausbreitet wie MP3, und etablieren den Standard bisher nur als MP3-Alternative für den professionellen Markt.Das Thema im Internet

www.sdmi.org

www.musicode.com

www.napster.com

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