Zeitung Heute : Inmitten der grandiosen Landschaft locken Luxusunterkünfte

Margot Granitsas

Am frühen Morgen liegt wabernder Nebel über dem waldumringten See. Der melancholische Ruf der Loons, der großen Taucherenten, durchbricht die fast unheimliche Stille.

Ein amerikanischer Autor bedauerte vor hundert Jahren, dass Europäer immer noch glaubten, die einzige grandiose Landschaft in den USA liege westlich des Mississippi. An die Adirondacks denkt niemand. Dabei sind zweieinhalb Millionen Hektar im Norden des Staates New York schwer zu übersehen.

Kaum ein Dutzend asphaltierter Landstraßen durchqueren diese Wildnis, die im Norden an den St. Lawrence und die kanadische Grenze reicht. An das kümmerliche Straßennetz klammern sich ein paar Dörfer, die den Touristen einen gewissen Komfort garantieren, mit Motels, Läden und urigen Kneipen. Alles andere ist unverfälschte Natur, mehr als 2000 Seen, Teiche und Tümpel, 1200 Meilen Flüsse, die von mehr als 3000 Meilen Bächen und Rinnsalen gespeist werden. Und 40 000 Sümpfe und Marschen. Und Wald, soweit das Auge reicht: Tannen, Föhren, Espen, Ahorn, Eichen und Birken.

In den Bergen der Adirondacks liegt die Quelle des mächtigen Hudson Flusses, im höchstgelegenen See, der einen ganz romantischen Namen trägt: Tear-of-the-Clouds, die Träne der Wolken. Sumac und Ahorn leuchten im Licht des Indian Summer, und die letzten warmen Tage entschädigen für die langen Wintermonate, die bevorstehen. Die Adirondacks sind nämlich das "Eisloch" des Staates New York. Auf Mount Marcy, dem mit 5344 Fuß oder fast 1800 Metern höchsten Gipfel (einer von 42 "High Peaks" rund um Lake Placid, bestenfalls Mittelgebirge für europäische Begriffe) werden im Winter bis zu minus 45 Grad Celsius gemessen. Der Sommer misst sich an nur hundert frostfreien Tagen, und auch in den kurzen drei Monaten können die Nächte empfindlich kühl sein.

Mit Landwirtschaft ist in diesem riesigen Gebiet nicht viel zu ernten. Daher verwundert es auch kaum, dass die Zahl der Einwohner, von den Sommerhäuslern abgesehen, höchstens einer Kleinstadt genügt: 130 000 sind es, und sie fristen ein karges Dasein. Nicht viel anders, als ihre Vorfahren, die als Trapper in die Wälder vorstießen, als Hüte aus Biberpelz Mode waren. Erst 1830 wurden die Adirondacks kartografisch erfasst. Jagd und Fischfang ernährten die ersten Familien, und bis in unsere Zeit sind sie ein wichtiger Teil zum Überleben. Tourismus schafft Teilzeitarbeit, und gleichzeitig die Reibungsfläche zwischen Bewohnern und staatlicher Autorität.

Denn das riesige wilde Gebiet wurde vor einem Jahrhundert, als noch kaum von Umweltschutz die Rede war, als Park ausgewiesen und dabei wurde gesetzlich festgelegt, dass es "für immer wild bleiben" und, wo immer möglich, in diesen Zustand zurückgeführt werden soll. Leichter gesagt als getan, denn die Hälfte war schon damals in privaten Händen, großen Holzindustrien. Das Tauziehen zwischen kommerzieller Nutzung - und damit Schaffung von Arbeitsplätzen - und Umweltschutz dauert immer noch an.

Dass mit dem Auto nur ein ganz begrenzter Teil der Wildnis erforschbar ist, wird jedem Besucher klar, wenn er sich nur mal ein paar hundert Meter auf den ausgeschilderten Pfaden von der Asphaltstrecke entfernt. Kaum einem Menschen begegnet man da. Kanurouten führen von einem Gewässer zum anderen, aber es ist ratsam, längere Fahrten nur mit einem ortskundigen Führer zu unternehmen.

In Inlet gibt es ein einziges Ladengeschäft. Der Inhaber ist gerade dabei, ein dickes Sandwich mit Mayonnaise und einem halben Pfund Leberwurst zu belegen, als habe er noch nie was von Cholesterin gehört. Auf meine Frage nach dem Zustand der Straße Richtung Limekiln Lake nach Indian Lake gibt er zu, sie noch nie gefahren zu sein.

Trotz Warnschild, von Oktober an Ketten aufzuziehen und dem Hinweis auf mögliche Begegnungen mit Bären, trage ich mich mit etwas Bangen in das Buch ein, das in einem wetterfesten Kasten ausliegt und in das sich jeder Besucher der Big Moose Wilderness eintragen muss. Ich schwöre umzukehren, wenn mir nur die geringsten Zweifel kämen an meinem Abenteuer. Aber noch ist das schönste Herbstwetter, und von Schneefall kann kaum die Rede sein.

Der Lohn ist ein Nachmittag in völliger Einsamkeit, hier und da ein Spaziergang zu einem Teich, nie allzuweit - immer an die Bären denkend - vom Auto entfernt, über samtig weiche Moosdecken, wie in einem Märchenwald, durch Unterholz und saftiggrüne Farnhaine, ans Ufer des Big Moose River, einem von Tausenden von Gewässern.

Dass die Warnungen begründet und Ausflüge, vor allem alleine, nicht ungefährlich sind, daran erinnert Santanoni, eines der großen Landhäuser, das seit den siebziger Jahren verschlossen ist. Eine persönliche Tragödie traf die damaligen Besitzer: Der achtjährige Enkel ging im Wald spazieren und kehrte nie wieder zurück. Auch wurde seine Leiche nie gefunden. Seitdem blieb das Anwesen, ursprünglich für eine im Bankwesen und in der Holzindustrie prominente Familie gebaut und für dessen Bau 1500 Bäume gefällt wurden, verschlossen. 4000 Hektar gehörten zu dem Besitz, die nach der Tragödie dem Staat New York als Geschenk vermacht wurden. Eine Bürgerinitiative erwirkte, dass wenigstens minimale Sanierungsarbeiten vorgenommen wurden, um das historische Landhaus vor dem völligen Zerfall zu retten. Aber eine Straße gibt es nicht nach Santanoni am Newcomb Lake, nördlich der Route 2 N, fünf Meilen Fußmarsch trennen es von der nächsten Fahrpiste.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Romantik blühte, kamen die ersten Außenseiter, gehobener Mittelstand aus den Städten, in größeren Scharen als Touristen. Ein Priester aus Boston, der Reverend William Henry Harrison Murray, später respektlos Adirondack-Murray genannt, veröffentlichte ein Buch "Adventures in the Wilderness, or Camp Life in the Adirondacks", das zum großen Erstaunen vieler ein Bestseller wurde.

Den Touristen, die damals kamen, wurde es nicht leicht gemacht, ehe sie in den Genuss der Erholung kamen. Zwar entstanden bald Gästehäuser und große Hotels, die genügend Komfort boten. Aber zum Transport geeignet war nur das Fluss- und Seensystem. Selbst als die Eisenbahn 1888 bis nach North Creek fuhr, brauchten die Pferdefuhrwerke, die die Gäste nach Blue Mountain Lake transportierten, 38 Meilen entfernt, mehr als sieben Stunden, auf Straßen, die prägnant "Kordsamtstraßen" genannt wurden, auch wenn von samtenem Reisen über die quer dicht aneinanderliegenden Baumstämme kaum die Rede sein konnte. Erst 1920 wurde die erste Straße in den Adirondacks asphaltiert und die Zeit des Automobils brach an.

Den Romantikern folgten ein paar exklusive Klubs. Sie bauten einfache Jagdhütten für ihre Mitglieder, Männerrefugien, klammkalt im Winter, ungemütlich. Jagd und Fischfang waren der einzige Anreiz. Sehr zum Ärger der Einwohner, die bisher ungegrenzten Zugang zu Wäldern und Gewässern hatten. Allein die Mitglieder des Lake Piseco Clubs, dem prominente Bankiers und Industrielle angehörten, fischten in den ersten neun Jahren 6356 Pfund Forellen. Auch heute noch gibt es diese Klubs, der Adirondack League Club herrscht über ein Gebiet von fast 40 000 Hektar.

Schließlich begannen wohlhabende Familien, riesige Grundstücke zu erwerben und dort ihre "Retreats", ihre Einsiedeleien, zu bauen. Es wurde damals "in", außer den Stadthäusern auch etwas Rustikales zu haben. So entstanden die "Great Camps", eine nur den Adirondacks eigene Architektur. Bei der Primitivität blieb es nicht lange, auch nicht mit der Einsiedelei. Und von einem "Roughing it", Natur pur zu genießen, konnte kaum die Rede sein. Die "Camps" waren komfortable und luxuriöse Anlagen.

Sagamore wurde 1892 für eine Viertelmillion Dollar für Alfred Gwynne Vanderbilt am Ufer des Sagamore Sees gebaut. Sechsundzwanzig Gebäude gehörten dazu, eine architektonische Kreuzung zwischen uramerikanischen Blockhütten - auch wenn die Baumstämme nur außen an einem Holzrahmenhaus festgemacht waren - und Schweizer Chalets. Tochter Gloria und die Söhne Georg und Alfred konnten sich mit ihren Freunden in ihre eigenen Häuser zurückziehen, wenn sie sich in der Gesellschaft der Erwachsenen langweilten. Einsam war es nie, denn Gäste gehörten zum rustikalen Aufenthalt. Im Esszimmer in einer separaten "Hütte" konnten bis zu 75 Personen speisen, ohne sich gegenseitig in den Weg zu kommen. Eine Armee von Bediensteten kümmerte sich um das Wohl der Herrschaften. Ihre Unterkünfte waren außer Sicht, hinter einem kleinen Hügel versteckt, um nur ja nicht zu stören. Es war eine autarke Siedlung, mit Sekretär, Küchenchef und SousChef, Butler, Zimmermädchen, Waschfrauen, Pferdeknechte und Krankenschwester, und ein Helfer, der nur dafür zu sorgen hatte, dass in den sechsundzwanzig Kaminen nie das Brennholz ausging.

In den Namen der Camps erinnerte man sich gern der indianischen Urbewohner des Landstrichs. Der Dekor im Innern war phantasie-rustikal-indianisch. Decken aus dicken Balken, Kamine aus mordsdicken Feldsteinen, Bärenfelle mit aufgerissenem Gebiss lagen auf dem Boden, an den Wänden hingen die Jagdtrophäen, erlegte und ausgestopfte Tiere und Geweihe. Handwerker fertigten Möbel aus Ästen und Stämmen, und so entstand ein ganz eigener sogenannter Adirondack-Stil, dessen selten gewordene Exemplare heute als wertvolle Antiquitäten gehandelt werden. Ein paar junge Leute, Aussteiger in den Sechziger und Siebziger Jahren, ließen die Tradition wieder aufleben.

Fast fünfzig dieser "Great Camps" gab es zu ihrer Blütezeit um die Jahrhundertwende. Nur noch ganz wenige überdauerten, denn die Zeit der großen Dienstboten-Heerschar ist längst vorüber. Unterhalt und Erbschaftssteuer taten das ihrige, und manche wurden dem Staat für einen Dollar "geschenkt", um sie loszuwerden. Baufällige wurden abgerissen, andere neuen Zwecken zugeführt.

Wer heute nach Sagamore kommt, fährt erst mal sechs Meilen Schotterstraße abseits von der Hauptstraße. Das war früher der Lieferantenzugang. Sagamore fristet heute eine prekäre Existenz als Schulzentrum mit Veranstaltungen und Handwerkskursen, mit organisierten Führungen zu anderen Camps, und mit Elderhostels, eine populäre Einrichtung für Senioren, die eine Woche Unterricht mit Erholung verbindet.

Andere Camps, wie Minnowbrook am Blue Mountain Lake und Pine Knot am Raquette Lake, wurden Konferenzzentren oder gehören zu Universitäten. Camp Wonundra am Upper Saranac Lake, für einen Rockefeller gebaut, ist heute unter seinem neuen Namen The Point ein Luxushotel, mit nur elf Zimmern in drei separaten Gebäuden, so exklusiv, dass es erst nach der Voranmeldung die Fahrtanweisung an seine Gäste gibt.



Anreise: Flug nach New York City oder Newark. Weiterreise am sinnvollsten, wie meistens in den USA, mit dem Mietwagen. Oder bis Albany fliegen und dort ein Auto mieten.

Unterkunft: Hotels und Motels findet man in ausreichender Zahl in den kleinen Orten wie Lake Placid, Saranac Lake, Warrensburg, Indian Lake.

Wandern: Der Adirondack Mountain Club (RR3 Box 3055, Lake George, NY 12845, Telefonnummer mit Vorwahl ab Deutschland: 001 / 518 / 668 44 47) vertreibt ausgezeichnete Wanderkarten. Die Wanderwege und Kanurouten sind vom Park Service gut markiert.

Führungen in die zugänglichen "Great Camps" werden sowohl von Sagamore als auch anderen Organisationen am Ort angeboten (Sagamore, Telefonnummer mit Vorwahl 001 / 315 / 354 53 11).

Reisezeit: Die beste Zeit für einen Besuch ist Ende Mai/Anfang Juni oder September bis Anfang Oktober zur Laubfärbung.

Einen guten Überblick über die Geschichte gibt es im Museum of the Adirondacks in Blue Mountain Lake (Telefonnummer mit Vorwahl: 001 / 518 / 352 73 11), täglich geöffnet von 9 Uhr 30 bis 17 Uhr 30 von Ende Mai bis Mitte Oktober.

Auskunft: Aktuelle Ereignisse und weitere Information zu der Region erhält man unter verschiedenen Adressen im Internet. Am besten in einer "Suchmaschine" - etwa Altavista - den Begriff Adirondacks eingeben und die Ergebnisse auswerten.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben