Zeitung Heute : Innere Einheit?

IWAN ZINN

Diskussion über Ost und West im Auftrag des BundestagesIWAN ZINNGibt es eine "innere Einheit" zwischen Ost und West? Haben sich die unterschiedlich sozialisierten Menschen nach der Überwindung der 40jährigen Teilung aufeinander zu bewegt - in alltäglichen Dingen, Mentalitäten und Wertorientierungen? Oder existiert sie noch, die Mauer in den Köpfen, treffen "ostalgische Verklärungen" auf westdeutsche Arroganz? Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages forscht zur "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit".Unter Leitung von Rainer Eppelmann und Bernd Faulenbach diskutierten - lebendig und kontrovers - Historiker, Sozialwissenschaftler und Bundestagsabgeordnete am Dienstag in der Stadtbibliothek.Durch empirische Befunde der Demoskopie, wissenschaftliche Interpretationen und Zeitzeugenbefragungen soll untersucht werden, ob sich über die Generationen hinweg gegensätzliche Wertorientierungen und Mentalitäten in den beiden Deutschlands herausgebildet haben, die nun einen inneren Einigungsprozeß behindern könnten. Der methodische Zugriff der Demoskopie ist generell umstritten.Insbesondere sei zweifelhaft, ob den in der DDR vorgenommenen Umfragen und soziologischen Analysen - etwa über Arbeitsmotivation, Erziehungsziele und Moralität - durch den immanenten Zwangscharakter für die Forschung Geltung zukomme, so Heiner Meulemann.Trotzdem seien aus der Fülle der Erhebungen doch zumindest Tendenzen ableitbar.Martin Greiffenhagen ist der Ansicht, daß Ost- und Westdeutsche in vielen Verhaltensweisen und Einstellungen noch weit auseinander liegen, so z.B.im Sprachgebrauch: Während Westdeutsche "die Dinge eher auf den Punkt" brächten, seien Menschen aus dem Osten "von einem zögerlichen Gestus bestimmt".Weiterhin seien Untersuchungen zufolge im Vergleich die "Wessis" narzißtisch, zynisch und arrogant, während die "Ossis" emphatischer und geselliger, aber auch unsicherer und passiver seien.Folge der totalitären Indoktrination sei eine "gewisse Rückständigkeit" im Demokratiebewußtsein.So habe im Osten beispielsweise "Gleichheit" einen höheren Stellenwert als im Westen, wo "Freiheit" und "Selbständigkeit" Priorität hätten.Durch die Suche einer eigenen Identität in der Vergangenheit habe sich zudem eine neue Entfremdung vollzogen.Greiffenhagen sieht darum die Chancen auf eine "innere Einheit" skeptisch.Demgegenüber stellt Hans-Joachim Veen den "Imperativ der Harmonie" in Frage, der mit dem Wunsch nach Homogenisierung und einem überflüssigen Gemeinschaftsmythos verbunden sei.Allein notwendig sei ein normativer Minimalkonsens, worunter etwa Verfassungskonformität falle.Und hier bestehe eine "frappierende Kongruenz" zwischen Ost und West. Ins Schußfeld geriet Wolfgang Bialas mit seinen Ausführungen.Durch "zusammengebrochene Selbstverständlichkeiten" und "zu geringe Einstiegshilfen in die neuen Verhältnisse" sei für die Ostdeutschen ein "Verlust an realen Lebenschancen" und daraus folgend eine nachvollziehbare "posthume Identifikation mit der DDR" eingetreten, die nicht automatisch das politische System rechtfertige, sondern lediglich soziale Sicherheit einfordere.Stefan Kowalczuk bezeichnete dies als "systematische und zynische Verharmlosung" der DDR-Vergangenheit.Manfred Wilke plädierte dafür, die durch die Sowjetisierung begründeten "Restbestände kultureller Deformation" zu beseitigen.Ist es zur "inneren Einheit" also noch ein weiter Weg? 

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben