Zeitung Heute : Innere Sicherheit

Es ist eine seltsame Gleichzeitigkeit der Bilder: Im Herzen des Landes herrscht Ruhe, im Süden und Norden Panik – die Israelis und ihr zweiter Libanon-Krieg

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Guter Rat ist nicht teuer. Er kostet vier Schekel 80, also 85 Cent, so viel, wie in Israel die beiden großen Zeitungen kosten. In denen wimmelt es von Listen mit Tipps, von Ratgebertelefonnummern, von großen Fragezeichen und fettgedruckten Antworten. „Was muss man in den Luftschutzkeller mitnehmen?“, „Wie beruhigt man die Kinder?“, „Das Haus getroffen – wer entschädigt mich?“, „Wohin mit Hund und Katz?“, „Wie sage ich es meinem Kind?“ Und so weiter und so fort.

Letzte Woche hatte Israels Offensive gegen die Hisbollah im Libanon begonnen, bis gestern mittag waren auf libanesischer Seite 176 Menschen tot, auf israelischer 24. Wie eine Reihe Dominosteine kippt, so hat sich dieser Konflikt ausgeweitet. Zuerst hatte die Armee nur einen entführten Soldaten gesucht, in Gaza, aber dann wurden von Hisbollah-Milizen zwei weitere entführt, und aus einer Vergeltungsaktion ist ein Krieg gegen das Nachbarland geworden, der bisher nicht Einsicht oder Aufgabe, sondern noch mehr Gewalt erzeugt. Denn die Artilleristen der Extremisten aus Süden und Norden nehmen Israel in die Zange und tasten sich mit ihren Raketen immer weiter ins Landesinnere vor.

Aus Gaza zischen Raketen der Hamas Richtung Norden und schlagen zum Beispiel in der Kleinstadt Sderot ein – zwei Israelis werden dabei am Montag verletzt – und bedrohen auch das viel größere Aschkelon. Und aus dem Norden, aus dem Libanon, krachen Hisbollah-Geschosse in Tiberias hinunter, in Safed und auch wieder in Haifa, wo schon am Sonntag acht Israelis gestorben sind. Diesmal stürzt ein dreistöckiges Haus in sich zusammen. Sechs Verletzte. Am späten Sonntagabend waren erstmals Raketen sogar in Afula, südlich von Nazareth, eingeschlagen. Rund 50 Kilometer sind sie geflogen, die bisher größte Distanz. Selbst die Tel Aviver wurden nun vor Angriffen gewarnt.

Mehr als eine Million Israelis leben im Bereich der Hisbollah-Raketen im Landesnorden. Sie zwingen die Menschen nun schon sechs Tage lang in die Schutzräume. Ganze Städte sind menschenleer. Und doch ist das, was schon der „Zweite Libanon-Krieg“ genannt wird, anders als alle bisherigen Kriege.

Im Großraum Tel Aviv, in all den großen Vororten, in Jerusalem ist fast nichts vom Krieg zu spüren. Bei früheren Kriegen litt die ganze Nation, war das Gemeinsamkeitsgefühl fast mit den Händen fassbar. Aber diesmal scheint die Mehrheit der Israelis den Alltag unbedingt bewahren zu wollen. Betroffen sind doch nur die im Norden, sagen sich viele trotzig. Wer oben in Haifa wohnt, der hat nur eine Minute Zeit zwischen der Warnung vor einer Rakete aus dem Libanon und dem Einschlag. Aber in Tel Aviv ist es eine ganz andere Sache. Hier beträgt die Vorwarnzeit drei Minuten. Grund genug für viele, ruhig zu bleiben. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Ferienzeit ist. Hunderttausende haben gemacht, dass sie ins Ausland kamen. Urlaub vom Krieg.

Aber auch innerhalb Tel Avivs gibt es so eine Art „Gelassenheitsgefälle“ was den neuen Krieg angeht, der immer weiter vorankriecht. Das Café im modernen Tel Aviver Norden ist fast bis auf den letzten Platz besetzt. Hier hat man für die Zeitungslisten nur ein mitleidiges Lächeln übrig. „Wer braucht das hier schon. Wenn’s brenzlig wird, bin ich ohnehin schon in den Staaten auf Urlaub“, sagt Miriam. Und Nava befindet: „Das ist doch nur für Dummköpfe, die sich selbst nicht zu helfen wissen.“ Denn hier im Norden der Stadt stehen die neuen Appartmenthäuser und fast alle Menschen verfügen über einen eigenen Schutzraum in der Wohnung, umschlossen von Stahlbeton, mit Stahltür und Fensterläden aus Stahl; seit Anfang der 90er Jahre steht das für Neubauten so im Gesetz.

Aber im Süden von Tel Aviv sieht das anders aus. Hier sind die Häuser mehrheitlich alt und baufällig, hier würden Raketen großen Schaden anrichten. Und deshalb sind die Menschen auch vorsichtiger. Rama, die Putzfrau, reinigt ihren Schutzraum nun. Nein, sie glaubt nicht, dass „die Raketen bis hierher kommen, doch man weiß nie“. Sie verfügt über eine einzigartige Informationsquelle sowohl aus dem Norden, wo die libanesischen Katjuschas einschlagen, und dem Süden, wo die Kassams aus dem Gazastreifen explodieren. Ihr Mann ist Busfahrer auf Überlandbussen, normalerweise für Touristen, jetzt jedoch auch für Soldatentransporte. Er kennt jeden Winkel im Land, hat überall Bekannte. „Er sagt, es sieht immer schlimmer aus, die Raketen kommen immer näher, der Norden wird immer leerer, der Frust immer größer.“

Der Schrecken hier im Herzen des Landes wird zunächst nur mittelbar wahrgenommen, zum Beispiel dann, wenn die Flüchtlinge ankommen. Ruthi, die Arztsekretärin, hatte ein paar Tage lang die zwei größeren Kinder ihres grenznah wohnenden Bruders zu Gast. „Jetzt sind sie weitergezogen, mitsamt den Eltern, zu Freunden“, sagt sie. Aber dafür ist nun die Familie ihrer Schwägerin da: „Aus Haifa. Flüchtlinge aus Haifa! Unglaublich.“

Es ist eine seltsame Gleichzeitigkeit der Bilder. Ruhe im Herzen des Landes, Panik, Flüchtlinge, Tod im Süden und Norden. In Carmiel im Norden Israels sitzt am Montagmorgen ein Mann in seiner zerstörten Wohnung und weint hilflos. Eine Katjuscha hat sein Haus getroffen, hat Löcher gerissen, Scherben hinterlassen und eine dicke Schicht Staub auf alles im Rest der Wohnung gelegt. Sein Gesicht ist noch verzerrt vom Schrecken, Sanitäter und Polizisten müssen ihn beruhigen. Der Krieg ruiniert aber nicht nur Leben, Nerven, Eigentum. Er wirkt sich auch wieder verheerend für ganz Israel als Tourismusland aus. Hier, inmitten von Galiläa, waren in den letzten Jahren tausende Zimmer für Touristen entstanden. Vor allem verarmte Moschav-Bauern nahmen Riesendarlehen auf und versuchten, sich als Bauernhofgastgeber über Wasser zu halten. Gerade war das Geschäft wieder ein wenig besser geworden. Doch nun sind alle Touristen abgereist, alle Buchungen annulliert.

Geisterstädte hinterlässt dieser Konflikt. Die 200 Einwohner von Margaliot zum Beispiel – näher an der libanesischen Grenze geht’s nicht – haben wohl mehr Terrorattacken überlebt als alle anderen Galiläer, aber auch sie haben nun genug. Sie ziehen gemeinsam in den Moschav Neve Hadassah bei Netania um, der sich bereit erklärt hatte, alle aufzunehmen. Und entleert hat sich auch der Kibbuz Zevon. Schon mehrmals zuvor sollte er geräumt werden, die Mitglieder in die nahe gelegenen älteren Kibbuzim integriert werden. Ein Minikibbuz ist das, der kleinste und jüngste im gesamten Landesnorden, nicht lebensfähig sei er, hieß es oft, zu angreifbar. Erst 1988 gegründet, lebten hier bis Mitte letzter Woche 20 Familien. Apfelplantagen, Schafe, Blumentöpfe, ach ja, auch ein Kameramann, Rami Chakma. Jetzt hält er allein die Stellung. Jeden Morgen schließt er sein Häuschen ab und das Schloss am Kibbuztor, fährt zur Arbeit, dorthin, wo Katjuschas eingeschlagen sind. Er verlässt die Front nie. Ein paar zurückgelassene Hunde und Katzen sind seine einzige Gesellschaft. Die Hühner sind alle tot, erschlagen von der Druckwelle nach einer Rakete.

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