Zeitung Heute : Ins Blaue fahren

Brigitte Grunert

Wie eine Rentnerin die Stadt erleben kann

Vor einer Woche waren sie noch zu spüren, die feinen Spinnenfäden, die einem an warmen Herbsttagen um die Nase fliegen. Doch plötzlich wurde es kühl, vorbei das Schönwettergespinst des Altweibersommers. Wir merkten es beim Ausflug zum Schloss Köpenick.

Wenn vom Kunstgewerbemuseum die Rede ist, denkt man ja im Westen an den nicht gerade ansehnlichen Gutbrod-Bau am Kulturforum, im Osten an das lichte Barockschloss an der Dahme. Das hat mit den Mauerzeiten zu tun, als es nicht nur dieses Museum doppelt gab. Nun gehören die Bestände zwar zusammen, doch es bleibt bei zwei Standorten. Zehn Jahre wurde das Schloss restauriert, erst 2004 wieder eröffnet.

Der Große Kurfürst ließ es bauen. Sein Sohn, der spätere Kurfürst Friedrich III. und König Friedrich I., bewohnte es. Doch der verlor die Lust an Köpenick, angeblich, weil seine erste Gemahlin Elisabeth-Henriette dort starb. Die zweite, Sophie-Charlotte, hielt im Schloss Charlottenburg Hof. Auch Friedrich der Große mied Köpenick, wo er 1730 als Kronprinz mit seinem Freund Katte vor dem Kriegsgericht gestanden hatte, keine schöne Erinnerung. Mit Sanssouci schuf er sich sein Refugium nach eigenem Geschmack.

Schloss Köpenick steht also abseits. Aber ein Kleinod ist es doch. Die Museumsschätze geben Einblick in das Kunsthandwerk der Renaissance, des Barock und Rokoko. Es ist eine prächtige Sammlung von Möbeln, Wandvertäfelungen, Silberzeug, Porzellan, Leder- und Seidentapeten, mit denen Fürsten in ihren Schlössern Staat machten. Wir erfahren, wie das denkwürdige Bleu mourant aussah, das sterbende oder matte Blau. Die Königliche Porzellanmanufaktur, die KPM, hat lange an dem Farbton getüftelt, ehe sie 1784 ein Service für den König damit bemalte. Der Volksmund sagte in Milch gekochte Vergissmeinnicht und machte blümerant aus Bleu mourant, was flau oder gar sterbenselend bedeutet. Wirklich, der Sonntagsausflug lohnte sich. Nur waren wir ziemlich einsame Gäste. Seltsam, wie wenig Beachtung Museen finden, obwohl das Publikum stundenlang ansteht, wenn sie mit spektakulären Ausstellungen locken.

Kunstgewerbemuseum im Schloss Köpenick, geöffnet täglich außermontagsvon10bis18 Uhr.

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