Zeitung Heute : Ins Dunkle, ins Nichts

CHRISTOPH FUNKE

Shakespeare von Schauspielstudenten im Studiotheater bat Spiel mit der Phantasie, mit dem Traum, mit der Sprache: Kaum etwas geschieht wirklich in der "Macbeth"-Interpretation, die der Regiestudent Jan Bosse im Studiotheater bat in Prenzlauer Berg erarbeitet hat.Dunkelheit herrscht, ein Schwarz, das von Lichtbahnen durchschnitten wird und wieder zurücksinkt ins Nächtige.Zwei Menschen agieren vor und hinter Spiegeln, suchen ihre wirren Gedanken zu ordnen, ihr unbewußtes nach außen zu bringen, und schrecken vor den eigenen Bildern zurück.Macbeth und die Lady befinden sich um umgrenzten Raum ihrer furchtbaren Vorstellungen.Aus der Gefangenschaft in den spiegelnden Kabinetten ihrer düsteren Visionen gibt es keinen Ausweg.Alle, die ihnen begegnen, ob Adlige, Hexen, Mörder, Boten sind nur Figuren ihres Wahns.Bis der Alptraum einfach abbricht, abgeschaltet wird, ohne Krieg, mit einem akustischen Signal, dem Verlöschen der Scheinwerfer.Macbeth gibt es nicht mehr. In diese unsicher-düstere Welt mit ihren verdoppelnden, verzerrenden, die Seiten vertauschenden Spiegelungen (Bühne: Stéphane Laimé) baut der Regisseur eine zweite und eine dritte Ebene, die sich dem Traumgeschehen entziehen und sich mit ihm zugleich verbinden.Eine Gruppe von drei Zeugen kommentiert sarkastisch, gelangweilt, intellektuell abgebrüht, was da vor sich gegangen sein könnte.Nach dem Königsmord fällt die Aufführung plötzlich in den Probenstatus zurück, und die Einweisung der Mörder wird zum Schelmenstück, zur Präsentation und Zurichtung einer geradezu begeisternd stumpfsinnigen Naivität.Solche Brüche holen die quälerischen Gedanken-Anstrengungen des Macbeth und der Lady auf den Boden zurück, bringen eine kurze, fast fröhliche Entlastung.Macbeth holt sich das Licht eines Scheinwerfers zum Partner grüblerischer Monologe.Kopfunter mit der Lady an der Brücke hängend, versucht er sich an der "Einrichtung" einer diffusen, geheimnisvollen, grausamen Welt.Manche Texte werden, beschwörend, wieder und wieder gesagt, geprüft, gedreht und gewendet, um den Widerstand deutlich zu machen gegenüber dem mörderischen Sog ins Dunkle, ins Nichts.Dazwischen dann bricht komödiantischer Übermut aus, im wispernden Geraun der Hexen, den stotternden Berichten des atemlosen Boten.Und ein raffiniert komponierter Musik- und Geräuschteppich (Arno P.Jiri Kraehahn) hüllt die Szenen magisch ein. Frank Seppeler ist ein drahtiger, rauher, grüblerischer Macbeth, nicht strahlend, kaum einmal überlegen, sondern finster, in sich gekehrt, gehemmt, fremd bleibend.Christiane von Poelnitz spielt die Lady mit ähnlicher Strenge, gierig auf Macht, mühsam beherrscht.Beide zeigen die Anspannung des Planens und Handelns im Gesicht, im maskenhafter Starre, die sich dann schreckhaft löst, die Gesichtsmuskeln arbeiten läßt wie unter einem nicht mehr aushaltbaren Zwang.Jan Bosse gelang mit den sich in viele Rollen lustvoll genau und sehr beweglich fügenden Studenten und Absolventen beider Berliner Hochschulen eine griffige, eigenwillige Studie nach Shakespeares Tragödie (in der Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens) - mit nur sechs Schauspielern und in nicht einmal zwei Stunden. Fast genau vier Wochen vorher hatten Peter Kleinert und Carl-Hermann Risse die Komödie "Was ihr wollt" (deutsch von Frank Günther) mit Studenten des III.Studienjahres im bat inszeniert.Klar, übersichtlich, temporeich, ohne alle Schnörkel, munter vom Blatt - nicht mehr, nicht weniger.Auffallendster Darsteller in einem soliden, ein wenig braven Ensemble war der Malvolio des Hans-Jochen Wagner.Ein ragender, düsterer Kerl mit massiger Würde und einem Hochmut, hinter dem die Angst vor dem Absturz lauerte.Wagner zeigte einen Menschen, der in seiner Aufgabe lebt, sich diese Aufgabe bedeutend macht und doch verletzlich ist.Der Zusammenbruch dieses mühsam Überlegenen war bewegend, das Kind kam zum Vorschein, der tief Gedemütigte, der dann doch tapfer, unbeugsam, die Welt der Falschheiten hinter sich läßt.Shakespeare in Prenzlauer Berg - das Studiotheater bat liefert den "großen" Theatern nicht nur Talente, sondern tritt mit ihnen selbstbewußt in Wettbewerb.CHRISTOPH FUNKE"Macbeth" wieder vom 6.bis 8.und am 21.und 22.Juni; "Was ihr wollt" am 4., 5., 19.und 20.Juni.

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