Zeitung Heute : Ins Netz gegangen

Nils-Viktor Sorge

Die EU will die Strom- und Gasnetze von den Energiekonzernen abspalten. Wer käme als Käufer für die Netze überhaupt in Frage?


Der kollektive Aufschrei erreichte Brüssel, kurz nachdem EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso mit seinem Vorstoß an die Öffentlichkeit gegangen war: Netze der Strom- und Gasbetreiber sollen künftig nicht mehr von den Produzenten betrieben werden. Der Energiemarkt soll in Schwung kommen – und die Preise sinken. Nun wehrt sich besonders in Hochstrompreisländern wie Deutschland und Frankreich die Energiewirtschaft und zum Teil auch die Politik. Von „Enteignung“ und „gefährlichem Aktionismus“ ist die Rede. Denn in diesen beiden Ländern sind zumindest die langen Überlandleitungen in den Händen der größten Anbieter, in Deutschland sind es Vattenfall, RWE, Eon und EnBW.

Schwierigkeiten, einen Käufer zu finden, hätten sie wohl nicht. In Stellung bringt sich zum Beispiel die australische Bank Macquarie, die in Europa zuletzt mit größeren Übernahmen im Infrastrukturbereich auf sich aufmerksam machte. „Als langfristig orientierter Investor sind wir an Gas-, Strom- und Wassernetzen in Deutschland stark interessiert“, sagte Klaus Thalheimer, der Chef der Deutschland-Zentrale, dem Tagesspiegel.

Macquarie hatte zuletzt die Mehrheit an dem britischen Wasserversorger Thames Water und dem französischen Autobahnbetreiber Autoroutes Paris-RhinRhône (APRR) übernommen – und nach eigenen Angaben jeweils mehr als zehn Milliarden Euro dafür bezahlt. „Dass wir Transaktionen in zweistelliger Milliardenhöhe darstellen können, haben wir in den vergangenen zwölf Monaten bewiesen“, sagte Thalheimer. Auch das von der EU-Kommission als Alternative vorgeschlagene Modell, bei dem die Energieversorger ihre Netze an neue Betreiber quasi verpachten, sei für Macquarie unter Umständen interessant.

Schätzungen, wie viel ein Investor für Strom- oder Gasnetze großer deutscher Betreiber auf den Tisch legen müsste, sind nicht ganz einfach. Letztlich würde diese Frage vermutlich vor Gericht geklärt werden müssen, da in solchen Fällen oft strittig ist, ob es um den reinen Wert der Anlagen geht – oder ob sich im Preis mögliche Erträge der Netze widerspiegeln müssen. Das wiederum hängt stark davon ab, wie streng die staatliche Regulierungsbehörde mit den Netzbetreibern umgeht. Einige Milliarden Euro werden die einzelnen Netze der großen Betreiber nach Ansicht von Branchenkennern wohl wert sein. RWE setzt mit seinem Überland-Stromnetz laut Analysten allein sechs Milliarden Euro im Jahr um.

Außer Investmentbanken samt Partnern für den technischen Betrieb kommen zumindest theoretisch auch Finanzinvestoren aus der Private-Equity-Branche als Käufer infrage. Deren Methode würde auf das Geschäft mit Strom- und Gasnetzen gut passen: Sie stemmen die Deals weitgehend über Kredite und können die Rückzahlung mit den relativ sicher fließenden Durchleitungsgebühren für Strom und Gas bestreiten – und auf diese Weise Eigenkapital anhäufen. Allerdings dürfte die Politik alles tun, um das Engagement der als „Heuschrecken“ verschrienen Investoren auszuschließen. Die Energieversorgung sei einfach zu sensibel, um sie für kurzfristige Kapitalinteressen aufs Spiel zu setzen.

Näher liegend wäre also, dass sich Konzerne für die deutschen Netze interessieren, die bereits Erfahrungen auf dem Gebiet des reinen Netzbetriebs gesammelt haben. Macquarie hat das in Wales und den Niederlanden getan. Denn die Trennung ist in anderen europäischen Ländern längst Realität. „Es kommen daher auch die Netzgesellschaften aus Großbritannien, Italien und Belgien als Käufer deutscher Netze infrage“, sagt Christian Götz, Analyst bei der Landesbank Baden Württemberg. In Großbritannien betreibt beispielsweise der börsennotierte Konzern National Grid Gas- Stromnetze.

Aus der Bundesregierung heißt es nun, im späteren Frühjahr werde sich der nächste Energiegipfel mit dem Vorstoß aus Brüssel beschäftigen. Kommissionspräsident José Manuel Barroso habe ja neben der eigentumsrechtlichen auch die nunmehr organisatorische Aufspaltung der Konzerne vorgeschlagen. Dass im Energiesektor etwas getan werden müsse, sei unbestritten. Die geplante Kartellrechtsnovelle von Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) ziele bereits in eine ähnliche Richtung.

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