Zeitung Heute : Ins pralle Nachtleben

ANDREAS OSWALD

Die Stars gehen natürlich auf offizielle Empfänge und hippe Filmparties der großen Verleihfirmen.Zutritt haben dort nur Gäste mit einer Einladung; die anderen müssen in Kneipen und Bars hoffen, daß ihnen Quentin Tarantino über den Weg läuft.VON ANDREAS OSWALDWichtige Termine, wichtige Gesprächspartner, an allen wichtigen Spots gleichzeitig sein und dann noch alle wichtigen Filme ansehen - viele Gäste der Filmfestspiele sind den ganzen Tag beschäftigt, haben, wenn man sie fragt, gerade überhaupt keine Zeit und eilen von Ort zu Ort.Gegen 23 Uhr droht dann die Krise.Wohin jetzt? Wo sind die vielen anderen plötzlich alle hingegangen? Dreht sich das Rad etwa ohne mich weiter? Wer nicht rechtzeitig für den Abend plant, droht ins einsame Nichts zu stürzen, abgehängt vom weiterfahrenden Zirkus. Das muß nicht sein.Die meisten Stars werden auf den offiziellen Empfängen und vor allem den Filmparties der großen Verleihfirmen zu sehen sein, die mit großem Aufwand an hippen Orten wie beispielsweise der Arena organisiert werden.Zutritt haben nur Gäste mit einer Einladung.Wer keine hat, kann sich dennoch ins Rampenlicht des Berlinale-Nachtlebens stellen.Vor allem im Florian wird es wieder hoch hergehen.Das legendäre Restaurant in der Charlottenburger Grolmannstraße 52 zieht abends viele Prominente, Halbprominente und solche, die einmal prominent sein werden, an.Die meisten, die keinen Tisch mehr bekommen, ballen sich bis spät in die Nacht um die Bar, die viel zu klein für ihren Zweck ist.Aber gerade die Enge macht in solchen Nächten den Reiz aus.Nicht weit entfernt in der Kantstraße 152 ist die Paris Bar der zweite abendliche Haupttreffpunkt in der Nähe der wichtigsten Berlinale-Kinos.Erfahrungsgemäß geht hier ohne vorherige Tischreservierung und gut gefüllten Geldbeutel gar nichts.Das Café Einstein in der Kurfürstenstraße 51 ist vor allem ein Anlaufpunkt für Medienleute. Viele jüngere Leute sind tagsüber und abends in den beiden nahegelegenen Spots Arc in der Kantstraße155 und dem Quasimodo-Café anzutreffen.Ersteres ist eigentlich ein Schwulentreffpunkt, an dem extrovertierte Leute verkehren.Er zieht aber gerade während der Berlinale auch eitlere Hetero-Paare an, die am Ball sein wollen.Das Quasimodo-Café liegt im Delphi-Kino, einem der wichtigsten Berlinale-Orte, in dem die Forum-Filme gespielt werden.In der Kantstraße12a sind viele Cineasten anzutreffen und wer das Film-Vorspiel "Sehen und Gesehen werden" im Foyer gerne noch fortsetzen möchte, geht einfach ins Café nebenan. Das Kumpelnest, einer der wildesten Szene-Läden, ist in der Nacht zum Sonnabend und zum Sonntag in jedem Fall ein sicherer Tip.Nach zwei Uhr ist in der Lützowstraße 23 die Hölle los, um vier gibt es keine Chance mehr hineinzukommen.Als der Schauspieler Ethan Hawke auf der Berlinale war, trieb er sich eine ganze Nacht im Kumpelnest herum und war hinterher so fertig, daß er nur schlechte Interviews geben konnte.Ob auch diesmal Stars kommen, kann zwar nicht versprochen werden, aber wenn Quentin Tarantino irgendwohin geht, dann kann es nur das Kumpelnest sein.Aber auch ohne ihn ist der Laden auf jeden Fall eines der wichtigsten nächtlichen Ziele, das keiner so schnell vergißt, der einmal bis morgens dort durchgemacht hat: Achtung Filmriß - Gefahr! Viele Stars und Gäste der Filmfestspiele werden in die legendären Nightlife-Spots im Ostteil der Stadt strömen.Die Kellergewölbe und Abbruchetagen sind auf der ganzen Welt bekannt.Der angesagteste Club der Stadt und unangefochtene Nummer 1 im letzten Tagesspiegel-Club-Ranking, das WMF in der Johannisstraße, ist ein weiterer sicherer Tip für die, die während der Berlinale vorne sein wollen.Das 70er-Jahre-Interieur der großen Bar des früheren Gästehauses des Ministerrates der DDR wurde original belassen.Die Macher haben dadurch eine Trend-Inneneinrichtung, wie man sie nur schwer nachmachen könnte.Wer aus dem schönsten Kino der Berlinale, dem "International" mit seiner original DDR-Architektur in den 60er Jahren gebaut, ins WMF geht, bleibt in der Atmosphäre.Dieser derzeit wichtigste Anlaufpunkt für Party-People am Wochenende liegt nahe dem Friedrichstadtpalast und ist nur durch einen Bauzaun zu erreichen: Besucher dürfen sich nicht entmutigen lassen und folgen dem richtigen Scheinwerferlicht.Aufwendige Designerklamotten sind in diesem Club nicht angesagt, die Leute, die kommen, haben das nicht nötig. Wer, aus welchen Gründen auch immer, die reizende Türsteherin nicht passiert, sollte es schräg gegenüber in der Kalkscheune versuchen.Das Publikum hier ist gemischter und jünger, die Türpolitik offener.Viele Filmleute gehen in das Restaurant Blue Gout in der Anklamer Straße 38.Einer der Besitzer ist der Schauspieler Klaus Behrend ("Tatort").Erst kürzlich wurden die Gäste dort von zahlreichen Filmstars, die Kellner spielten, bedient. Im Gegensatz zu Cannes hat Berlin keinen festen Platz, wo die Festivalbesucher flanieren und sich begutachten können.Das ist im Grunde nur eine Frage der Verabredung.Es könnte vereinbart werden, daß alle zur Oranienburger Straße in Mitte kommen und sich dort zum Flanieren treffen.Das hängt auch vom Wetter ab.Aber es darf als sicher gelten, daß zahlreiche Gäste sich in jedem Fall vornehmen, dort spazierenzugehen, sich die Neue Synagoge anzuschauen und den Cafés und Restaurants einen Besuch abzustatten.Sie können dann auch einen Blick auf die langen Beine der Huren werfen, deren geringer Umsatz den Verdacht aufwirft, sie seien vom Senat bezahlt, damit die Ausgeh- und Vergnügungsgegend ihren verruchten Charme behält, den viele Besucher so reizvoll finden.Das Treiben auf der Straße vor und in den Hackeschen Höfen - eine ideale Filmkulisse - wird wohl durch die Berlinale noch bunter sein, als es sonst schon ist.An den Wochenenden ist hier die Hölle los, in jedem Eingang eine andere Kundschaft, Menschenmengen drängen sich durch die Höfe und bevölkern Cafés, Restaurants, Bars, Clubs und Imbißstuben.Als besonderer Tip sei das Oxymoron genannt, ein Lokal mit angeschlossenem Dancefloor im ersten Hof der Rosenthaler Straße 40.Touristen sind hier im Gegensatz zu vielen anderen Läden in diesem Karree kaum zu sehen, hier verkehren anspruchsvolle Nachtschwärmer, die auch für manchen Gag gut sind.So gibt es dienstags "Pasta Opera", Nudeln also zur Arie.Da fühlt sich der Gast wie im Film.

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