Zeitung Heute : Insel der Hoffnung

BERNHARD SCHULZ

An einem schlüssigen Gesamtkonzept für die Museumsinsel mangelt es ebenso wie an den Mitteln für die UmsetzungVON BERNHARD SCHULZDie Museumsinsel liegt im Herzen Berlins; aber so, wie sie zugleich in der Mitte gelegen ist und doch am Rande des innerstädtischen Trubels, so sind auch ihre Probleme im öffentlichen Bewußtsein eher an den Rand gerückt.Gleich nach der Wiedervereinigung war die Euphorie groß, nun werde auf der Insel ein "deutscher Louvre" zusammenwachsen.Doch in demselben Maße, wie die enormen baulichen Probleme zutage traten und mit ihnen die Kostenschätzungen ins Unermeßliche wuchsen, breitete sich Kleinmut aus.Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Träger der Museen hängt von den Zuwendungen Berlins, in erster Linie aber denjenigen des Bundes ab - und der ist zur Bereitstellung der erforderlichen Mittel von insgesamt weit über einer Milliarde Mark bislang nicht zu bewegen. Dies liegt allerdings auch daran, daß es an einem überzeugenden Gesamtkonzept für die Museumsinsel mangelt.Das Konzept für die zukünftige Aufstellung der bis dahin nach Ost und West geteilten Sammlungen auf der Insel als Grundlage der Bauplanung hat wahre Proteststürme auf Seiten von Museumsleuten und Denkmalpflegern hervorgerufen, gilt doch als Ziel der Staatlichen Museen, die Museumsinsel für die Bedienung eines nach Millionen zählenden Touristenansturms reif zu machen. Zwei Vorwürfe stehen im Raum.Der eine zielt auf die befürchtete Vernachlässigung des Bildungsauftrages der Museen zugunsten eines auf highlights ausgerichteten "Schnelldurchgangs".Darüber kann und muß gestritten werden.Gewiß liegen die Interessen von bildungsbeflissenen Einzelbesuchern und eiligen Touristengruppen weit auseinander; beide aber müssen in der öffentlichen Einrichtung Museum zu ihrem Recht kommen.Der andere Vorwurf zielt auf den Umgang mit den kostbaren Altbauten.Die bisherigen Vorhaben der Staatlichen Museen nehmen die Zerstörung der noch vorhandenen und ohnedies arg in Mitleidenschaft gezogenen Substanz in Kauf, ja lassen überhaupt Respekt für das baukünstlerische Denkmal Museumsinsel vermissen.Dies meint insbesondere das Neue Museum, das seit dem Krieg als Ruine in der Mitte zwischen Schinkels Altem Museum als dem Gründungsbau des Ensembles und dem Pergamonmuseum als dessen Abschluß daniederliegt.Sein Wiederaufbau ist beschlossene Sache; am Wie indessen scheiden sich die Geister.Die Museumsdirektoren haben sich auf die räumliche Verbindung aller Museen und ihre Herrichtung zu wahren Schaukästen der Sammlungs-Schmuckstücke versteift.Dem steht die im Zuge der Bauuntersuchung sichtbar gewordene, unter allen Umständen schützenswerte Originalsubstanz im Wege. Die Generaldirektion fand keinen Ausweg, wollte wohl auch nicht.Die anhaltende Kritik aber zeigte Wirkung.Die Überarbeitung der seinerzeit prämierten Entwürfe ergab jetzt eine klare Alternative zwischen dem ebenso phantasievollen wie rücksichtslosen Entwurf des Amerikaners Frank Gehry - dem Favoriten der Museumsdirektoren - und dem des Engländers David Chipperfield, dessen behutsamem Vorgehen die Stiftungsleitung den Vorzug gibt.In der Tat gibt es für die Bewahrung des kostbaren Erbes keinen anderen Weg als den von Chipperfield eingeschlagenen.Die Museumsinsel als Ganzes ist ein Denkmal von Weltrang.Sie wäre auch mit der Entscheidung für Chipperfield noch nicht auf dem sicheren Weg.Denn nach wie vor fehlt es am Gesamtkonzept, das den heutigen Anforderungen an die Museen als Dienstleistungsbetrieb ebenso Rechnung trägt wie den Sorgen um die Erhaltung des Erbes.Und noch mangelt es am politischen Willen, die Gelder für die Sanierung der Insel zügig fließen zu lassen, damit die Insel im Herzen der Stadt endlich wieder in der Mitte des Berliner Bewußtseins Platz finden kann.

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