Zeitung Heute : Inspiration von Himmel und Engeln

Tilmann Warnecke

Als Johann Sebastian Bach seine berühmte h-Moll-Messe komponierte, hielt er sich an das Regelwerk des lutherischen Gottesdienstes. Liebhaber müssen in ein gesondertes Konzert gehen, denn für einen Gottesdienst ist die Messe schlicht zu lang. Bach selbst hatte die Absicht, mit der Messe sein kirchenmusikalisches Schaffen zu krönen und der Nachwelt ein künstlerisches Testament zu hinterlassen. Das Spannungsverhältnis von Kunst und Kirche steht im Mittelpunkt der HU- Vorlesungsreihe "Guardini-Lectures", die nach dem katholischen Theologen Romano Guardini (1885-1968) benannt ist.

"Wenn Theatermenschen Kirche hören, schreien sie Hilfe", zitierte der Münchner Historiker Hans Maier einen befreundeten Regisseur. Maier, bekannt als langjähriger bayerischer Kultusminister und Chef des Zentralkommitees der deutschen Katholiken, hält die vierteilige Vorlesungsreihe. "Spiel vor Gott - Liturgik als Kunstimpuls" lautete des erste Thema. Maier machte von Beginn seines Vortages an klar, dass die Kirche nicht nur erschreckte Hilferufe von Künstlern provoziert, sondern die Entwicklung der Künste entscheidend geprägt hat: "Jahrhundertelang waren die Künste in der Kirche heimisch."

In den Mittelpunkt stellte Maier die Frage, inwieweit das Regelgerüst des christlichen Glaubens, die Liturgik, Künstler inspiriert habe. Die Liturgik umfasst neben den in der h-Moll-Messe vorkommenden Bestandteilen des Gottesdienstes wie dem Gloria oder Glaubensbekenntnis auch Kirchenbau und Kirchenmalerei. Maier zeichnete zwei Wege nach, die die christlichen Kirchen gegangen sind. Im Westen (also dem heutigen Raum des katholischen und protestantischen Glaubens) hat sich die Kirche früh anderen Künsten neben dem Wort geöffnet. Die christliche Liturgik gibt so zunächst den Künsten wichtige Impulse. An christlichen Regeln und Motiven entwickelten sich Malerei und Musik, an den Bedürfnissen des Kirchenbaus die Architektur. Ein "Quantensprung" sieht Maier in der Entstehung der mehrstimmigen Musik ab dem späten Mittelalter: "Da kam die Liturgie an ihre Grenzen, und die Kunst begann autonom zu werden." Eine Entwicklung, die die Kirche bereits damals erkannte: Eine Zusammenkunft von hochrangigen Geistlichen in Trient erließ das Verbot der mehrstimmigen Musik. Die Künste, jahrhundertelang von der Kirche gefördert,wandten sich von der Religion ab.

Ganz anders im orthodoxen Osten: Dort konzentrierte sich die Liturgik von Anfang an auf das Wort. Baukunst und Musik wurden in seinen Dienst gestellt. Die russische Literatur ist bis heute christlicher geprägt als etwa die deutsche. Prunkvolle Kirchenbauten finden sich aber selten - von Repräsentationsbauten wie der Istanbuler Hagia Sophia oder der Moskauer Basilius-Kathedrale abgesehen. Kirchenlieder sind überwiegend nur einstimmig.

Für die Gegenwart sieht Maier nach einer langen "diffusen" Haltung wieder Hoffnung in einer Annäherung der Künste an die Kirche. Schließlich haben auch avantgardistische Architekten wie Le Corbusier Kirchen entworfen. Es fehle gegenwärtig nicht an Motiven des Glaubens, an der Suche nach Tugenden wie Demut und Sehsucht. Auch neuere Medien geben Anlass zur Hoffnung: "Mit dem Himmel und Engeln kommen viele Menschen heute durch Kinofilme in Berührung. Und Regisseure wie Wim Wenders sind auch eine Inspiration für Theologen gewesen."Nächster Termin: Dienstag, 9.5., 18.15 Uhr, Humboldt-Universität, Unter den Linden 6, Raum 2002. Thema: Bibel, Wort und Ton.

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