Zeitung Heute : Intel will nun auch die letzte Bastion stürmen

JOACHIM ZEPELIN

Mit preiswerten Pentium-II-Chips als neuem Standard will der Konzern der Konkurrenz von AMD und Cyrix Paroli bietenVON JOACHIM ZEPELINBei Intel war Bescherung am 29.Dezember.Um ein Drittel sollen die Pentium-II-Chips, das derzeitige Spitzenprodukt des Computer-Konzerns, billiger werden, verkündete an dem nachweihnachtlichen Tag Intel-Chef Andy Grove, den das amerikanische Magazin Time kürzlich zum Mann des Jahres kürte.Die Branche hatte mit dem Preisgeschenk gerechnet ­ doch turnusgemäß erst Ende Januar.Weil die Hersteller von Personalcomputern ihrerseits die Preise weiter senken wollen, sei Intel ihnen schon ein wenig früher als gewöhnlich entgegen gekommen, heißt es offiziell. Ganz so selbstlos ist Intel doch nicht.Die Preissenkungen sind Teil einer neuen Strategie des Quasi-Monopolisten, dessen Chips weltweit in etwa 90 Prozent aller Personalcomputer stecken.Bisher überließ Intel das untere und weniger profitable Marktsegment (Codename "Zero" im Firmen-Jargon) den beiden einzigen noch verbliebenen Konkurrenten von AMD und Cyrix.Doch weil immer mehr Rechner als Billigcomputer für weniger als 1000 Dollar angeboten werden, hat Intel nun zum Angriff auf die letzte Bastion des Wettbewerbs geblasen.Ende 1998 soll der Pentium II zum Standard für alle Personalcomputer geworden sein.Mit größeren Stückzahlen hofft Intel, die kleineren Gewinnmargen auszugleichen. Traumrenditen von bis zu 80 Prozent bei einzelnen Chips sind für das Erfolgsunternehmen immer seltener und nur noch für kurze Zeit zu erzielen.1996 brachte Intel es bei einem Jahresumsatz von 20,8 Milliarden Dollar auf einen Ertrag von 5,2 Millarden Dollar.Für das vergangene Jahr sind 6,8 Milliarden Dollar Gewinn vorhergesagt bei 25 Millarden Dollar Umsatz.Das wäre ein bescheidenes Plus von 31 Prozent, so wenig wie noch nie in den neunziger Jahren.1998 rechnen Analysten gar nur noch mit elf Prozent Gewinn. Intels Problem ist der eigene Erfolg.Der Marktanteil läßt sich kaum mehr steigern, und die Wachstumsraten beim PC-Verkauf reichen für üppige Gewinnzuwächse von um die 50 Prozent nicht mehr hin.Andy Grove sucht darum nach neuen Märkten.In seinem Buch "Nur der Paranoide überlebt" hat der Manager, der als einer der aggressivsten seines Standes gilt, solche Wendemarken als überlebenswichtige Entscheidungssituationen für Unternehmen gekennzeichnet.Vor allem die einträgliche Partnerschaft mit Microsoft wird unter diesen neuen Vorzeichen zu leiden haben. Im Dezember brach etwa eine exklusive Allianz aus Microsoft, Intel und dem Hersteller Compaq auseinander, die den PC zum Fernseher der Zukunft machen wollte.Nun kooperiert Intel auch mit den Fernsehgesellschaften, die planen, neue TV-Geräte tauglich fürs Internet zu machen.Bei diesem Markt geht es um annähernd alle amerikanischen Haushalte, da will Intel auf jeden Fall in der ersten Reihe stehen.Gemeinsam mit den Computer-Firmen Cisco, Oracle und Netscape ­ alle drei gehören zu einer Anti-Microsoft-Gemeinschaft ­ arbeitet das Unternehmen darum auch an einer neuen Settop-box für das digitale Fernsehen. Intel-Chips soll es zukünftig auch in elektronischen Kleingeräten wie Kameras, Telefonen oder Minirechnern geben.Netzcomputer, bislang von den "Wintel"-Partnern weitgehend mißachtet, wollen die Kalifornier nun mit ausrangierten Pentium-Chips ausstatten.Angepeilt ist dabei ein Preis von unter 500 Dollar für diese Rechner. Für Hochleistungsrechner entwickeln Intel-Ingenieure zusammen mit Hewlett Paêkard den neuen 64 Bit-Chip mit dem Codenamen Merced.Mit diesem superschnellen Baustein, der 1999 auf den Markt kommen soll, will die Chip-Fabrik im Server-Geschäft und bei den Workstations Anteile dazugewinnen.Bitter für Bill Gates war da, daß sich Intel Mitte Dezember mit dem Microsoft-Erzfeind Sun Microsystems über eine gegenseitige Lizensierung einigte.Mikroprozessoren mit dem Merced-Chip sollen das Sun-Betriebssystem Solaris verarbeiten können, eine direkte Konkurrenz zu Windows NT. Viel leiser als Microsoft, aber ebenso forsch baut Intel seine Allianzen, um das Umfeld für den künftigen Chip-Verkauf zu bereiten.Insgesamt hat Andy Grove inzwischen in 100 Firmen investiert.Aus Angst vor den Kartellwächtern, die derzeit Ermittlungen gegen Intel führen, handelt es sich meist um Minderheitsbeteiligungen.Typisches Beispiel ist etwa die Kooperation mit Ticketmaster, einem Kartenverkäufer in den Vereinigten Staaten. Unterhaltung und Medien stehen auf der Intel-Einkaufsliste ganz oben.Kürzlich bekam etwa die erst knapp zwei Jahre alte Schweizer Firma Fantastic Geld.Die Eidgenossen bauen Settop-boxen, mit denen die riesigen Datenmengen, die bewegte Bilder erzeugen, komprimiert werden können.Der neue Markt machte Andy Grove auch schon zum Kino-Star.Beim Film-Festival in Cannes bekam er den " Cinema Digital Technologies Award" für die Multimedia-Chips von Intel.

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