Zeitung Heute : Intellektueller Skandal

Antje Vollmer

TRIALOG

Richard Schröder hat zu Recht vor einem „historischen Waschzwang“ gewarnt, der letztlich eine illiberale Grundhaltung offenbare. Fast das Gleiche lässt sich über den Zwang zu historischen Vergleichen sagen, die in Deutschland ach so beliebt sind. Man möchte gern zu einem Moratorium aufrufen: Ein Jahr lang bitte keine historischen Vergleiche mehr!

Das solche Vergleiche ungefähr so treffsicher sind wie Schrotflinten, wurde bei der neusten Stilblüte deutlich, Gerhard Schröder mit Kaiser Wilhelm II. zu vergleichen. Dankbar darf man schon sein, dass diesmal nicht Hitler bemüht wurde, der entweder direkt oder über den Umweg des Vergleichs mit München seine Existenz als Untoter in deutschen Politkommentaren ständig erneuert. Aber auch Wilhelm II. eignet sich gut für Attacken des in allem immer mitschwingenden deutschen Selbsthasses. Wilhelm II. stand bisher für lächerliche Großmannssucht, schlechten Geschmack und die Vorbereitung einer Ära welthistorischer Niederlagen der Deutschen. Diesmal aber zielt der Vergleich auf den Vorwurf, der Kanzler gebe der Versuchung nach, „Stimmungen in der Bevölkerung einfach nur für kurzfristige Zwecke zu nutzen“ (Wolfgang Schäuble). So verhöhnt der Vergleich zwar den Kanzler, zielt aber eigentlich auf die Kriegskritik im Lande. „Stimmung“ sei das – im Gegensatz zu staatsbürgerlicher Vernunft und Führungsfähigkeit, für die selbstverständlich die Opposition und die Mehrzahl der deutschen Medien steht. Weil es „Stimmung“ ist und nicht Klugheit, darf eine Regierung dieser Mehrheitsmeinung nicht folgen. Folgt sie ihr so ist sie entweder feige und unentschlossen, wie Rumsfeld meint, oder sie folgt niedrigen Instinkten, so unsere Politkommentatoren.

Die Bürger der Bundesrepublik nach einem gelungenen Prozess der Demokratisierung, der Westeinbindung, der europäischen Partnerschaften, der Wiedervereinigung unterschwellig mit den nationalistischen und populistischen Grundströmungen der Deutschen zu Beginn des letzten Jahrhunderts zu vergleichen, das ist schon ein intellektueller Skandal, bei dem sich historische Kenntnis und Redlichkeit verabschiedet haben. So dröhnt der Geist einer oligarchischen Elite, die es besser weiß als das gemeine Volk, der Geist eines intellektuellen Ordens, der als einziger den Weltgeist mit Löffeln gefressen hat.

Ja, die Zeiten sind so gefährlich wie nie. Ja, die alten Weltordnungen zerbrechen. Ja, wir haben neue Formen von Kriegen, von Terror, von Unübersichtlichkeit. Es ist das Vernünftigste von der Welt, wenn die Völker in solchen Zeiten Vorsicht, Friedenspolitik, Revidierbarkeit von politischen Entscheidungen einfordern. Es ist selbstverständlich, dass sie überzeugt werden wollen, noch bevor sie geführt werden wollen. Vielleicht ist das nicht das schlechteste Ergebnis der langen Friedenszeiten, die wir hatten, dass die Völker endlich gelernt haben, in Kategorien des Friedens zu denken. Niemand hat das Recht, sie dafür zu beleidigen, schon gar nicht mit historischem Vergleichsblödsinn.

Die Autorin ist Vizepräsidentin des Bundestags und Grüne.

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