Zeitung Heute : Intelligenz-Bestien zähmen

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Rechtzeitig zum Einstein-Jahr haben wir eine wichtige Entdeckung gemacht: Unsere Tochter ist hochbegabt. Natürlich gibt es heutzutage viele Eltern, die ihre Kinder für hochbegabt halten, meistens deshalb, weil sie sich von einem Wunderkind Ruhm und Reichtum erhoffen, nachdem sie einsehen mussten, dass ihre eigenen Talente und Leistungen nicht dazu ausreichen, die Anerkennung von Millionen zu finden. In unserem Fall ist das glücklicherweise anders, weil meine Frau und ich dank dieser Kolumne längst berühmt sind – und Geld für uns gar keine Rolle spielt.

Als verantwortungsvolle Eltern stützen wir uns nur auf Fakten. Doch urteilen Sie selbst: Emma ist jetzt zwei, aber sie legt Puzzle für Dreijährige. Sie kann schon das ganze Alphabet, und sie singt auswendig etwa zwei Dutzend mehrstrophige Lieder, deutsche und italienische. Aber der untrüglichste Hinweis auf ihre außergewöhnliche Intelligenz ist die Tatsache, dass unsere Tochter klar unterfordert ist. Hochbegabte Kinder fühlen sich immer unterfordert, und das zeigt sich dann in typischen Symptomen wie Langeweile, Aggressivität und Einzelgängertum. Ja, und tatsächlich: In letzter Zeit will Emma immer häufiger fernsehen – ein klares Zeichen für Langeweile. Und wehe, ich will die Glotze abschalten, dann wird sie aggressiv. Sie schlägt Mutter wie Vater, nennt mich „blöder Mann“ oder „Du Kacka“. Und einsam ist das Kind! In der Kita sitzt sie oft allein in der Ecke und vertieft sich in ein Buch, statt mit den anderen Kindern zu spielen.

Emma zieht es zu geistig Ebenbürtigen – wie den Sohn unserer Kreuzberger Nachbarn. Er ist zweieinhalb und spricht fließend Persisch, Französisch, Deutsch und dazu noch ein paar Brocken Englisch. Und in all diesen Sprachen bringt diese Intelligenz-Bestie unserem Kind bei, neue Dummheiten zu sagen. Es ist eben extrem schwierig, hohe Begabungen in die richtige Richtung zu lenken.

Und wie begabt ist Ihr Kind? Der „IQ-Test für Kinder“ von 8 bis 10 Jahren von Son Tyberg und Günter Neidinger (Favorit Verlag, 5 Euro) testet mit 400 Fragen Allgemeinwissen, Sprachfertigkeit, Rechentalent, räumliches Vorstellungs- und logisches Denkvermögen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben