Zeitung Heute : Interaktives Fernsehen: Großstadt-Channel

Kurt Sagatz

Tita von Hardenberg ist das, was man einen Szenetypen nennt. Bereits das Frühstück nimmt die 32-jährige Moderatorin des ARD-Magazins "Polylux" lieber in einem In-Laden in Mitte ein als daheim. Die Abende gehören in jedem Fall dem Kiez. Dass sie sich wohl dabei fühlt, ist keine Frage. Sonst würde sie darüber nicht vor der Fernsehkamera plaudern. Ungewöhnlich für sie ist eher, wo sie darüber redet: In "planet berlin", das wiederum nicht über das sonst übliche TV-Gerät, sondern über das Internet zu empfangen ist. Als erster Gast wird sie am Dienstag um 17 Uhr 30 darüber berichten, dass es keineswegs ein Zufall ist, wenn sich die Polylux-Produktionsfirma in Berlin Mitte befindet. Denn dort gibt es nicht nur die besten Kneipen, sondern auch die interessantesten Shopping-Mals der Stadt.

Doch wie so vieles, ist sicherlich auch dies Ansichtssache. Und so werden in "planet berlin", einer Gemeinschaftsproduktion von Urban Media (tagesspiegel.de, meinberlin.de, zitty.de) und dem Internet-TV-Anbieter CanalWeb alle zwei Wochen dienstags andere Ansichten des neuen Berlins präsentiert. "Das große Berlin im Kleinen erzählen", darin sieht Tagesspiegel-Redakteur Björn Seeling, der im Wechsel mit seinem Kollegen Matthias Oloew die Sendung moderiert, den Reiz des neuen Formats. Und in den Gästen natürlich, die darüber reden, was sie an ihrem Kiez schätzen oder ablehnen. Spannend ist es für den Internet-begeisterten Seeling nicht nur, bei etwas so Neuem wie einem Stadt-Magazin im Internet mitzumachen.

Auch in der Kombination zwischen klassischem Fernsehen und dem geschriebenen Wort des neuen Mediums sieht er Möglichkeiten. Auf dem einen Teil der Seite, die entweder über www.meinberlin.de/planetberlin oder über www.canalweb.de abgerufen werden kann, läuft der TV-Stream. Auf der anderen Seite können parallel Hintergrund-Informationen zur Sendung abgerufen werden. Zudem werden die Beiträge archiviert.

Für Juliane Schulze, Programmleiterin bei CanalWeb, ist Internet-TV keine Konkurrenzveranstaltung zum klassischen Fernsehen. Während die gewohnten Sendeanstalten mit ihrem Programm in die Breite gehen müssen, um die in sie gesetzten Quotenerwartungen zu erfüllen, liegt die Chance des Internet-TVs im Besonderen. Hier können auch kleinere Zielgruppen mit hochwertigem Inhalten angesprochen werden, die im sonstigen TV-Programm durch den Rost fallen. Wie zum Beispiel mit dem seit dem Start von CanalWeb im November letzten Jahres laufenden Schach-Channel "Schachmatt". Oder mit "Digital Spirits", einem Programm, das über aktuelle Trends in der Medienlandschaft berichtet. Auch wenn das Fernsehfenster auf der Homepage nicht mit einem 90-Zentimeter-Wohnzimmer-Bildschirm zu vergleichen ist, wird auch im Web bei TV-Aufnahmen großer Wert auf Qualität gelegt. Aufgezeichnet wird derzeit vor allem im Studio, weil dort eine optimale Umgebung hergestellt werden kann. In dem 40 Quadratmeter großen Studio stehen vor einem als "Greenbox" gestaltetem Hintergrund drei DV-Kameras , die ihr Videosignal an ein Echtzeit-Trinity-System weitergeben. Dieses System ist in der Lage, den Hintergrund durch beliebige Videosequenzen, Bilder, Grafiken oder Animationen zu ersetzen. Am Ende der Aufzeichnungskette sorgt ein Computersystem dafür, die Videodaten internet-gerecht aufzubereiten. Je nach Internet-Geschwindigkeit des eigenen Anschlusses kann zwischen verschieden großen Bildschirmfenstern gewählt werden, entweder als Real-Video-Stream oder im Microsoft Windows-Media-Format. An Ideen für neue Internet-TV-Formate mangelt es der Belegschaft um CanalWeb-Geschäftsführer Thierry Baujard nicht. Zu den Quotenhits des jungen Senders gehören zwei Sendungen mit Nina Hagen. Zum weiteren Angebot gehört die deutsch-französische Wirtschaftsendung "Apropos" und die interaktive Quizshow "Socialbrain TV", die Mitte Januar ins Programm aufgenommen wurde. Zudem denkt Juliane Schulze an ein spezielles Format für Behinderte.

Während sich der deutsche Ableger noch in der Startphase befindet, kann sich die französische Mutter auf eine zweijährige Tradition berufen. Pro Woche laufen 120 Sendungen. Und auf den Festplatten liegen weitere 7500 Programmstunden zum Abruf bereit. Schwieriger als die Ideenfindung ist die Finanzierung. Derzeit werden für die einzelnen Sendungen Sponsoren gesucht, die sich für spezielle Programme interessieren. Auch Pay-per-View könnte je nach Thema zur Finanzierung beitragen, glaubt Baujard. Weitere Erlöse sollen aus dem Weiterverkauf von Sendungen und der Auftragsproduktion für Firmen kommen. Fest steht, dass die französische Mutter im Geschäftsplanung festgeschrieben hat, dass CanalWeb in Deutschland bis zum Jahr 2003 Gewinne machen soll.

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