Zeitung Heute : Interaktives Tête-à-Tête mit dem Computerbildschirm

CHRISTINA TILMANN

Die HdK präsentiert neue KunstprojekteCHRISTINA TILMANNDer Ort ist Programm: Nicht von ungefähr hatte der Fachbereich "Gestalten mit digitalen Medien" der Hochschule der Künste sich das Bauhaus-Archiv ausgesucht, um die jüngsten Projekte des Studiengangs zu präsentieren.Die Verknüpfung verschiedener Ausbildungs- und Kunstformen, die zum Credo des Bauhauses gehörte, hält Projektleiter Claudius Lazzeroni für einen frühen Vorläufer des HdK-Studiengangs.38 Studenten zählt der Fachbereich, den Joachim Sauter und Claudius Lazzeroni leiten.18 Arbeiten aus den vergangenen drei Semestern wurden am Mittwoch abend in einem vierstündigen, aufregenden Kunst-Marathon vorgestellt. Die Spannbreite ist erstaunlich weit: Von Grundlagenübungen zu den Themen Typographie, Raum und Zeit über biographisch-narrative Projekte bis hin zu universellen Konzepten reichen die Entwürfe.Was dabei wirkungsvoller ist, läßt sich schwer entscheiden: Verblüffend einfache Ideen stehen neben komplexen Modellen, provokante Projekte neben reduktionistischen Spielereien.Die meisten Entwürfe funktonieren interaktiv: So reagiert etwa Maiko Gublers Plakat mit unterschiedlichen Informationen darauf, wie der Betrachter sich ihm nähert oder sich wieder entfernt. Bezug auf den urbanen Kontext der Stadtlandschaft nehmen mehrere Arbeiten.So sammelt Timm Ringewaldt mit "schaffe, schaffe, häusle baue" einfache Strichhäuser zu einer fiktiven Stadt, die sich als Stadtplan ausdrucken läßt.Florian Thalhofer präsentiert in dem biographischen Versuch "kleine welt" die bayerische Kleinstadt, in der er aufwuchs.Jörg Frank Müller untersucht im Grundlagenprojekt "Raum" die Konstanten einer Schöneberger Telefonzelle: Grafiken demonstrieren die Lage im Stadtbereich, die Bewegungs- und Sichtmöglichkeiten innerhalb und aus der Zelle. Eher mit der Überwindung des Raums beschäftigt sich "collecting movements" von Torsten Haase.Der ausgebildete Tänzer träumt von einer Internet-Bühne, um Ballet-Projekte von der kostenträchtigen Gebundenheit an Probenräume und Aufführungsorte zu lösen.Videoclips, von elf international bekannten Tänzern an zehn verschiedenen Orten aufgezeichnet, werden von ihm zu einer jeweils abwandelbaren Choreographie verknüpft. Dorothee Kaser und Katharina Barth arbeiten eher narrativ.Ihre sehr amüsante "Malzeit" kombiniert Reklametexte zu einem interaktiven Essen mit freier Wahl des Gerichts und des Gegenübers.Während ein in der Tischplatte eingelassener Monitor das gewählte Gericht zusammenstellt, erscheint auf dem Monitor gegenüber der Partner, bereit zu gepflegter Tischkonversation und zum Zuprosten mit dem Weinglas.Wenn auch nicht gesund: Das Richtige für einsame Singles. Ein besonders innovatives Projekt stellt Ralph Ammer mit "tastsinn" vor.Mittels verschiedener Gestaltungen der Bildschirmoberfläche ermöglicht er es, Texte oder Textteile hervorzuheben oder zu verdecken: Da lassen sich Elemente unter eine Decke schieben, ein Wühltisch läßt Begriffe im Index suchen, auf einem Ball rutscht der Cursor an besonders wichtige Punkte, eine abwechselnd glatte und rauhe Oberfläche erleichtert oder erschwert die Fortbewegung, Stacheln zerstören einzelne Elemente, die mit leichtem Plop wie Luftballons zerplatzen. Als politischen Kommentar zum Thema "Großer Lauschangriff" läßt sich Timm Ringewaldts "Prontophot" verstehen, den er anläßlich der Projektpräsentation einsetzte.Mittels Videoshots archiviert er die Zuschauer und entwickelt somit ein Überwachungssystem, das in fortgeschrittenem Zustand auch den Alkoholkonsum, das Bewegungsverhalten oder die Gesprächskontakte innerhalb des Raums festhalten soll.Geplant zum Einsatz bei Ausstellungen, Parties und anderen Kulturevents, soll "Prontophot" die allgegenwärtige Überwachung des einzelnen mittels Kamera, Telefonnetz und Sender reflektieren.Nicht die einzige Arbeit übrigens, die sich durchaus kritisch mit den Möglichkeiten des Mediums beschäftigt.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar