Zeitung Heute : Internet-Adressen: coca-cola.com auf kyrillisch

Alexandra Stark

Was macht ein Russe, der sich die in kyrillisch verfasste Homepage des Kreml-Museums anschauen will? Er tippt www.kreml.ru in den Adressbalken. Kennt er das lateinische Alphabet nicht, oder weiß er nicht, wie man das kyrillische Kreml oder eine der rund 35 Millionen Internet-Seiten in kyrillischer Schrift ins Lateinische transkribiert, ist er aufgeschmissen.

Das soll sich nun ändern. Seit kurzem können bei verschiedenen Anbietern im Netz Domain-Namen in 90 Sprachen mit den Endungen .com, .net und .org reserviert werden, auch auf kyrillisch. Angewendet werden können die Adressen allerdings erst irgendwann in der Zukunft, verbindliche Standards müssen von den zuständigen Organisationen erst noch abgesegnet werden. Mehrere Verfahren stehen zur Auswahl und es ist noch nicht klar, welches das Rennen machen wird. Das heißt: Eine Reservation bedeutet noch lange nicht, dass einem die Adresse nach der offiziellen Standardisierung auch gehört.

Die Sache hat einen weiteren Haken. Der Name muss für jede Sprache registriert werden. Der Brause-Gigant Coca-Cola, der das Recht auf coca-cola.com hat, hat nicht automatisch das Recht auf das kyrillische coca-cola.com. Was das bedeuten kann, zeigt nun das Beispiel Russland. Als die Reservierung der kyrillischen Domain-Namen am 26. Februar 2000 um vier Uhr morgens im Internet startete, schliefen die meisten Unternehmen noch.

Coca-Cola, Kodak und Nestlé sind nur einige der Geprellten, deren Namen schon weg waren, als sie sich meldeten. Das Chaos bei der Vergabe und das Vorpreschen der Anbieter hat zu Protesten der zuständigen Gremien wie ICANN geführt. Abgesehen von der Tatsache, dass zum Beispiel auch Seiten mit Umlauten wie Möchtegern.com auffindbar werden, geht es letztlich um die noch ungeklärte Frage, welcher Standard im Netz verwendet werden soll. Die Anbieter von Domain-Namen kümmern diese Proteste wenig. Sie versprechen den Interessenten gegen 30 Dollar pro Adresse ein neues Publikum, das sich viele, die sich schon registriert haben, nicht entgehen lassen wollen: All diejenigen, die der englischen Sprache nicht mächtig sind und deshalb das Internet nicht nutzen.

Während Domain-Namen in Landessprache für national tätige Unternehmen Sinn machen könnten, sind die Multis skeptisch. Nestlé zum Beispiel hat sich noch nicht entschieden, ob sie die kyrillische Adresse effektiv nutzen würden. Klar ist aber, dass sie, auch wenn sie die Seite nicht brauchen würden, doch gerne das Recht darauf hätten. Und sei es auch nur, um die Surfer, die die kyrillische Adresse anwählen, auf die Hauptseite des großen Unternehmens umzuleiten.

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