Zeitung Heute : Internet-Adresssystem steht auf der Kippe

SILVIA LIEBRICH (dpa)

Einführung neuer Top-Level-Domains vorläufig gestopptVON SILVIA LIEBRICH (dpa)Die im vergangenen Jahr beschlossene Reform des internationalen Internet-Adresssystems steht auf der Kippe.Die US-Amerikaner wollen ihre Monopolstellung bei der Vergabe von Namen im weltweiten Computernetzwerk nicht kampflos aufgeben.Mit neuen Vorschlägen hat die Regierung der USA die für März 1998 geplante Einführung neuer Adressbereiche, der sogenannten Top-Level-Domains, erst einmal gestoppt.Dagegen haben mittlerweile nicht nur die Europäische Union, sondern auch im Internet operierende Unternehmen Protest eingelegt.Direkt betroffen ist beispielsweise die Eurotel GmbH (Herrenberg/Baden-Württemberg), eines von 88 Unternehmen weltweit, die nach dem Genfer Beschluß vom vergangenen Mai zur Vergabe der neuen Adressen berechtigt sind.Ein eingängiger Name ist für Firmen auf dem unübersichtlichen Datenhighway von großer Bedeutung.Irreführende Adressen setzen den Nutzer auf die falsche Fährte.So verbirgt sich hinter der Adresse "rolex.de" nicht etwa der Uhrenhersteller, sondern eine Privatperson.Entsprechend teuer werden inzwischen prägnante Adressen auf dem freien Markt gehandelt - für mehrere zehntausend Dollar.International hat sich das ".com"-Kürzel durchgesetzt, neben nationalen Kürzeln wie ".de" für Deutschland.Ziel der Genfer Beschlüsse unter Führung des Council of Registrars (CORE) mit Sitz in der Schweiz ist es, das US-Monopol zu brechen und den Internet-Zugang zu liberalisieren.Zugleich soll der drohende Engpaß bei neuen Adressen abgewendet werden.In der Vereinigung CORE haben sich 88 Unternehmen zusammengeschlossen, die sich künftig an der Adressvergabe beteiligen wollen.In dem in Genf ausgearbeiteten System sollen die drei bestehenden internationalen Kürzel durch sieben weitere ergänzt werden - unter anderem mit der Endung ".shop" für Online-Shopping, ".firm" für Unternehmen und ".nom" für Privatpersonen.Bisher werden alle Top-Level-Domains von der Internet Assigned Number Authority (IANA) eingetragen, einer Institution, die zur University of Southern California gehört.Die Adressen werden seit 1995 von der US-Firma Network Solution Inc.registriert und verwaltet.Rund 100 Dollar kostet eine Erstregistrierung.Rund eine Million Adressen vergab die Firma, deren Kunden sich zunehmend über hohe Preise und schlechten Service beschweren, allein im letzten Jahr.Der Umsatz der börsennotierten Gesellschaft dürfte bei 40 Millionen Dollar liegen.Die Regierung in Washington fordert eine Ablösung der IANA durch eine gemeinnützige, in den USA angesiedelte Organisation.Sie soll bis ins Jahr 2000 unter Aufsicht der US-Regierung stehen.Statt der geplanten sieben Bereiche sollen nur fünf eingeführt werden, mit jeweils nur einer Registrierstelle.Dies sei notwendig, damit kein Chaos bei der Namensvergabe entsteht, lautet das Hauptargument der Amerikaner.Damit wären die CORE-Firmen aus dem Rennen."Die US-Regierung will verhindern, daß das Internet fremdbestimmt wird", sagt Informatik-Professor Werner Zorn von der Universität Karlsruhe.Außerdem gehe es darum, ein lukratives Geschäft nicht zu verlieren.Bis Ende April läuft nun eine Einspruchsfrist.Die Vergabe der neuen Adressen ist damit erst einmal aufgeschoben.Die Eintragung der bereits reservierten Internet-Adressen sei in Fragen gestellt, befürchtet Eurotel-Geschäftsführer Heinz Stoll."Dabei ist die Resonanz auf die neuen Domain-Namen überwältigend." Allein bei Eurotel lägen inzwischen 10 000 Voranmeldungen vor."Die Zahl der weltweiten Registrierungen wird auf weit mehr als 100 000 geschätzt."

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