Zeitung Heute : Internet-Explorer völlig losgelöst

VLAD GEORGESCU

Bill liebt alle Menschen, aber am allermeisten die, die Microsofts Internet Explorer (IE) benutzen, scherzen die Kenner der Szene.So gesehen dürfte der Microsoft-Chef des Imperiums alle Anwender von Windows 98 mögen.Der Explorer dient nicht nur dem Surfspaß im Internet, er ist ein fester Bestandteil des Betriebsystems und kann - laut Firmenangaben - nicht einfach so entfernt werden.In Zukunft wird es für Bill Gates wohl manch eine Computerseele weniger zum Lieben geben.Denn gleich zwei Amerikaner demonstrieren nun, wie sich der IE einfach vom Computer-Desktop und darunterliegendem Betriebssystem entfernen läßt.Da tüftelte doch ausgerechnet ein Biologe, Wissenschaftler an der University of Maryland, und fand das scheinbar Unmögliche heraus.

Weil Windows 98 auf seinen Pentium 133-MHz-Computer zu langsam lief, war Shane Brooks auf die Idee gekommen, das Betriebssystem "schlanker" zu gestalten.Unter dem Projektnamen 98 Lite startetet der Wissenschaftler die Extraktion des Explorers.Dazu versuchte Brooks, die weniger speicherfressende Vorgängerversion Windows 95 Explorer auf das Windows 98 Betriebssystem zu installieren.Dazu entfernte er nur einige wenige Dateien.Die Übertragung der Win 95 Internet-Explorer-Dateien von der Installations-CD übernahm ein von Brooks persönlich geschriebenes Miniprogramm.Mit dem Ergebnis war Forscher Brooks zufrieden.Um ganze 32 MB reduzierte sich Windows 98, und der Explorer browste mit einem Mal doppelt so schnell durch die Weiten des globalen Computernetzes.

Sogar amerikanische Gerichte beschäftigt die Frage nach der Ersetzbarkeit des Explorers unter Windows.Denn die automatische Auslieferung des Browsers bringt nach Auffassung der Kritiker Microsoft entscheidende Marktvorteile gegenüber anderen Browserherstellern wie Netscape.Das jedoch, kontert der Softwareproduzent, sei keine Absicht, sondern betriebssystembedingt und argumentiert mit der automatischen Anbindung des IE im Windows-Betriebssystem.

Doch schon bei der Vorgängerversion des aktuellen Windows 98, Windows 95, scheint die Eingliederung ins System nicht ganz so ehern zu sein.So konnte Computerwissenschaftler Edward Felten von der Princeton University vor einem US-Gericht bezeugen, daß er zusammen mit seinen Studenten den IE 3.0 und IE 4.0 durch einen anderen Browser, nämlich Microsofts Rivalen Netscape Navigator, ersetzen konnte.Um die entscheidenden Files aus dem Operating System zu entfernen, programmierte das Felten-Team 600 Zeilen - und schon war der Explorer entschwunden.

Doch selbst wenn der IE nicht mehr da ist, bleibt er nicht wirklich verschwunden, setzen Bill Gates` Mannen dagegen.Nach Ansicht von Charles Rule, einem der gesetzlichen Berater von Microsoft, seien die für den IE "lebensnotwendigen" Files gleichzeitig für das gesamte Betriebssystem verantwortlich.Damit aber sei - auch wenn gar nicht mehr auf der Festplatte vorhanden - der IE einfach nicht abtrennbar.Mark Murray, ein Sprecher von Microsoft in Redmond, Washington, sieht es noch etwas anders: Niemand hätte jemals behauptet, daß der IE nicht abzukoppeln wäre.

Doch die darunterliegende Softwareebene, die den Explorer de facto erst zum Laufen bringt, sei die gleiche wie für das gesamte System.Und daher ließe sich diese nicht einfach entfernen.

Noch im Sommer bestätigte ein amerikanisches Gericht Microsofts Behauptungen und bezeugte dem Explorer die ewige Anbindung an das System.Doch dank Brooks und Felten ist das schon wieder Schnee von gestern.Der Professor aus Princeton zumindest sieht es pragmatisch: "Was uns mit wenigen Studenten gelang, kann Microsoft schließlich auch schaffen."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben