Zeitung Heute : Internet-Firmennamen: E.ON, Telekom und SAP verpassen den Netz-Anschluss

Holger Schlösser

Viele deutsche Unternehmen haben ihre weltweite Präsenz im Internet bislang völlig unzureichend organisiert. Das ist das Fazit einer bundesweiten Studie der 1GlobalPlace AG aus Wiesbaden zur "globalen Internet-Gesundheit deutscher Aktiengesellschaften". Der Spezialist für Internet-Namen hat untersucht, wie weit die Dax 30-Unternehmen die Rechte an ihren internationalen Internet-Domainnamen (www.firma.länderkürzel) besitzen oder sich diese im Fremdbesitz befinden.

Das Ergebnis: Die Top 5 der Studie haben ihren Internet-Firmennamen in mindestens 50 Ländern geschützt, der Automobilkonzern BMW bringt es sogar auf 73 Länder. Ebenfalls auf der Liste der zehn weltweit am besten gesicherten Dax 30-Unternehmen stehen Siemens, Volkswagen, Adidas, Bayer, Daimler-Chrysler, BASF und die Deutsche Bank. Klarer Verlierer im Vergleich ist der Energiekonzern E.ON. Fast drei Viertel der weltweiten Domains gehören nicht E.ON selbst, sondern anderen Unternehmen. Der Konzern hält im globalen Datennetz nicht einmal fünf Prozent seiner Internet-Namen. Wer beispielsweise www.eon.fr ansteuert, landet auf den Seiten einer französischen Schreinerei, hinter www.eon.es steckt eine spanische IT-Firma.

Ein Umstand, der Tobias Wann, Europa-Vorstand der 1GlobalPlace, besonders erstaunt. "Der Energiekonzern gehört zu den jüngsten Firmenamen auf der Dax 30-Liste, man könnte meinen, hier gäbe es ein Bewusstsein für die Chancen des globalen Internetmarktes." Bei der Kreation des neuen Firmennamens hätte die beste Möglichkeit bestanden, einen internationalen Namen zu wählen, der im Internet noch nicht besetzt gewesen wäre, moniert Wann.

Während Unternehmen wie MAN oder Metro aufgrund ihrer auch in anderen Sprachen geläufigen Namen unverschuldet auf die hinteren Ränge der Domain-Studie abfielen, sei es unverständlich, warum auch große Software- und Telekommunikationsunternehmen die Registrierung ihrer weltweiten Domainnamen weitgehend versäumten. So besitzt etwa die Deutsche Telekom nur die Rechte an rund drei Prozent ihrer weltweiten Domains. Beinahe 40 Prozent der Webnamen sind laut Studie im Besitz anderer Unternehmen, die frei darüber verfügen können.

Selbst die Adresse www.deutsche-telekom.ag gehört nicht dem rosa Riesen, sondern dem Unternehmen von Tobias Wann. "Wir haben die AG-Domain aber für die Deutsche Telekom vorsorglich gesichert und schon an die Sommer-Company übertragen", beeilt sich der 1GlobalPlace-Manager zu erklären. Im Februar hatte sein Unternehmen recherchiert, dass die AG-Domains - eigentlich das Länderkürzel von Antigua - vieler deutscher Top-Unternehmen nicht gesichert wurden. Vorsorglich erledigte 1GlobalPlace das kostenfrei für diese Firmen - ein Marketing-Trick, um das junge Unternehmen in der Branche bekannter zu machen.

Ebenfalls auf den hinteren Rängen der Domain-Hitliste findet sich die deutsche Softwareschmiede SAP aus Walldorf. Mehr als ein Drittel der weltweiten Domains des Marktführers für betriebliche Standardsoftware gehören anderen Unternehmen. Wie viele davon im Besitz von Wettbewerbern wie Oracle oder Siebel sind, hat die Studie nicht überprüft.

Von Problembewusstsein ist in diesen Unternehmen offensichtlich keine Spur. Dabei ist unrechtmäßige Registrieren von Internet-Adressen, sogenanntes Domain-Grabbing, nach wie vor ein aktuelles Thema. Für Aufsehen hatte vor kurzem der Streit zwischen dem Web-Auktionshaus eBay und dem nationalen Konkurrenten iBazar in Frankreich gesorgt. Dieser hatte sich frühzeitig die Domain www.ebay.fr geschnappt. Steuerte ein Internet-Surfer diese Adresse an, wurde er kurzerhand auf das Angebot von www.ibazar.fr verwiesen.

Das Problem hat sich mittlerweile erledigt. Der Internet-Händler eBay hat insgesamt 112 Millionen Dollar für den iBazar auf den Tisch gelegt und die Firma übernommen. "Preiswerter wäre es allemal gewesen, die Domain rechtzeitig zu sichern", sagt Tobias Wann. Für ihn sind Domains eine finanzwirtschaftliche Option, die einmal viel wert sein kann. Egal, ob man schon konkrete Ambitionen in den betreffenden Ländern hat, müsse man sich frühzeitig um die entsprechenden Adressen kümmern. Tobias Wann: "Ein Unternehmer kann heute einfach nicht wissen, in welchen Märkten er in Zukunft tätig ist".

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