Zeitung Heute : Internet-Klebstoff und nummerierte Socken

Alva Gehrmann

Für Internet-Nutzer ist Online-Werbung in erster Linie nervig. Banner, die immer wie wild aufblinken, Popup-Fenster, die sich unaufgefordert auf dem Bildschrim breit machen, aber auch wenig nutzerfreundlich gestaltete Unternehmensseiten - so das sattsam bekannte Bild, das die Besucher kommerzieller Websites verschreckt. Es gibt jedoch auch Konzepte von Werbeagenturen, die unterhaltsam sein können.

So zum Beispiel die Website der dänischen Firma 10socks.com, die nur ein Produkt im Angebot hat: eine Packung mit zehn nummerierten Sockenpaaren, Verwechslung ausgeschlossen. Einfach und knapp wird das Produkt vorgestellt und erklärt, wie die Socken bestellt werden können. Denn das E-Commerce-Unternehmen mit der ansprechend gestalteten Website, konzentriert sich auf die weltweite Auslieferung der Ware. Idee und Gestaltung von www. 10socks.com gefiel auch den Juroren der Web-Cannes-Rolle so gut, dass die Website einen Goldenen Löwen gewonnen hat. Das internationale Werbefestival hatte 2001 erstmals auch Online-Preise verliehen.

Mitglied der 16-köpfigen Jury war unter anderem Christian Schwarm, Geschäftsführer der Stuttgarter Werbegagentur AGI, der vor wenigen Tagen in Berlin einige der prämierten Websites von Unternehmen und E-Commerce-Lösungen vorstellte. Bei den prämierten Werbespots fällt auf, dass vor allem witzige Ideen gut ankommen. Darauf hat auch das brasilianische Klebstoffunternehmen Loctite gesetzt. Die Firma hat einen ganz besonderen Banner für ihre Webseite entwickeln lassen. Klickt man ihn an, bleibt er unentrinnbar am Mauszeiger kleben. Nur durch Schließen der Homepage lässt sich der angeheftete Banner wieder lösen. Ob diese Werbung, die von der Agentur DM9 gestaltet wurde ( www.dm9. com.br/cannes 2001/loctite_onedrop ), wirklich eingesetzt wurde, weiß Christian Schwarm allerdings nicht. Schließlich ist die Frage, welche kommerzielle Website solche Anzeigen annehmen, noch ungeklärt.

Nicht alle der rund 100 Teilnehmer, waren bei der Vorstellung der Gewinner auf der Veranstaltung des NewMediaNets Berlin von der Auswahl der prämierten Spots überzeugt. n-tv-Moderator Lars Brandau, der die anschließende Diskussionsrunde zum Thema "Kreative Konzepte im Internet" führte, fragt dann auch: "Wenn das die prämierten Websites waren, wie sahen dann erst die anderen Beiträge aus?" Auch Sebastian Turner von der Werbeagentur Scholz & Friends war längst nicht mit allen Spots zufrieden. Warum gerade die Nike ID-Site (http:// nikeid.nike.com ), den Grand Prix, also die höchste Auszeichnung, erhielt, erschloss sich dem n-tv-Mann nicht. Auf der Homepage kann sich der User einen Nike-Schuh individuell zusammenstellen - Spaß komt dabei jedoch nicht auf. Schwarm rechtfertigte die Prämierung damit, dass es unterschiedliche Zielgruppen gäbe und Funktionalität ebenfalls eine große Rolle spiele.

Sicher ist: Das Internet als Werbeplattform wird für Unternehmen immer wichtiger. Große Markenartikler wie Nike nutzen das Internet als Begleitmedium, und E-Commerce-Unternehmen wie 10socks.com setzen allein auf den Absatzkanal Internet. Damit die Website den gewünschten Erfolg bringt, muss jede Firma ihre Zielgruppe finden. Grundsätzlich unterscheidet die Werbebranche dabei zwischen zwei Arten von Usern: jenen, die schnell auf den Punkt kommen wollen, und allen anderen, die sich treiben lassen.

Auch wenn die Nutzer schon systematisiert wurden, sehen sich die Agenturen doch noch am Anfang der Internet-Werbung. Das hängt zum einen mit den neuen Technologien, aber auch mit einer zunehmenden Userzahl zusammen. Für Sebastian Turner ist die Kreativität im Internet vergleichbar mit einer Aktie: "Die Chancen sind immer anders." Eine Besonderheit des Internets, die Interaktivität, wird aber schon genutzt.

Dass die Zukunft der Kommunikation im Internet liegt, darin war sich die Werbebranche, an diesem Abend vertreten durch AGI, Scholz & Friends und Metadesign, einig. Doch das neue Werbe-Medium stehe immer noch an seinen Anfängen. Sebastian Turner von Scholz & Friends vergleicht es mit der Entwicklung von Fernsehwerbung: "Die erste Generation, die vor dem Fernseher groß geworden ist, kann auch erst gut dafür werben. So wird das mit dem Internet auch sein." Die Kids von heute werden also die Werbemacher von morgen sein. Bis das Internet in der Zukunft angekommen ist, vergehen nach dieser Einschätzung noch mindestens zehn Jahre.

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