Zeitung Heute : "Internet-Kriminalität": "Wie ein Auto vor 60 Jahren" - Interview mit Hannes Federrath

Sie haben eine virtuelle Tarnkappe für das In

Hannes Federrath ist Informatik-Experte und Gastprofessor an der FU Berlin. Er hat eine virtuelle Tarnkappe für das Internet erfunden.

Sie haben eine virtuelle Tarnkappe für das Internet erfunden: mit dem Java Anon Proxy hinterlässt der Surfer keine Datenspur mehr. Wozu braucht man das, wenn man nichts zu verbergen hat?

Wenn man merkt, wieviel von einem bekannt ist, ändert man diese Meinung sehr schnell. Die Möglichkeit, flächendeckend zu überwachen und Bewegungsprofile zu erstellen, ist durch das Internet viel größer geworden. Stellen sie sich vor, sie suchen zufällig nach medizinischen Informationen im Internet, weil Freunde von ihnen an einer schweren Krankheit leiden. Gleichzeitig informieren sie sich auf der Website einer Lebensversicherung nach günstigen Tarifen. Beides ergibt ein Profil, das ausgewertet und an Interessenten verkauft wird. Vielleicht wird ihnen dann nur ein ungünstiger Tarif angeboten.

Der Bundesinnenminister will den Kampf gegen Kriminalität im Internet verstärken. Wie verträgt sich das mit Ihrer Idee?

Wir werden vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert. Gleichzeitig fordert die Telekommunikations-Überwachungsverordnung mehr Kontrolle der Surfer. Das macht die Sache kurios. Wir brauchen aber eine breite Diskussion darüber, wie die Zukunft der Gesellschaft aussieht, wenn es um Datenschutz und Sicherheit geht. Ich möchte nicht der Gesetzgeber sein, wenn ich über etwas entscheiden muss, von dem ich keine Ahnung habe. Gleichzeitig wollen wir natürlich zu der Diskussion, wieviel Privatheit die Bürger im Internet haben sollten, etwas beitragen. Wir wissen nicht, wie die Situation in fünf Jahren ist. Wer sich mit unserer Methode schützt, ist vor Überwachung sicher. Das nutzen natürlich auch Kriminelle.

Wenn die Surfer keine Daten mehr hinterlassen, ist das nicht ein Alptraum für die E-Commerce-Firmen, die davon leben, dass sie Kundenprofile erstellen und verkaufen?

Die werden Probleme bekommen. Ich erwarte ohnehin in naher Zukunft eine Rebellion der Kunden. Marketing auf der Basis eines nicht vorhandenen Agreements, dass die Daten der Surfer verknüpft werden, ist unhaltbar. Da helfen auch keine Datenschutz-Klauseln auf der Website. Die Leute haben begriffen, dass man die PIN-Nummer der EC-Karte nicht zusammen mit der Karte aufbewahren sollte. Beim Surfen jedoch verhalten sie sich oft grob fahrlässig. Das Internet ist heute so sicher wie ein Auto vor 60 Jahren.

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