Zeitung Heute : Internet-Literatur wird zur Kunstform

BRITA JANSSEN

Ihr Text treibt ein ironisches Spiel mit den Lesern, verführt sie zu eigener Aktivität per Mausklick, um sie dann auf Irrpfade und in erzählerische Sackgassen zu locken.Mit "Zeit für die Bombe" gewann Susanne Berkenheger 1997 den ersten Preis im Internet-Literaturwettbewerb, den die Wochenzeitung "Die Zeit", der Computerkonzern IBM sowie Radio Bremen und ARD online in diesem Jahr zum dritten Mal ausschreiben.

"Internet-Literatur steckt ebenso im Anfangsstadium wie das Medium selbst.Die Autoren sind so ungeübt wie ihre Leser, und es bieten sich kaum Lese- oder Schreibgewohnheiten an", meint die erste Preisträgerin Berkenheger.Der bislang einzige deutsche Wettbewerb für Web-Literatur will da Abhilfe schaffen und dazu beitragen, eine eigenständige Kunstform zu fördern, die in den neuen Medien entsteht.

Die Jury setzt sich aus Literaturkritikern, Autoren und Medienexperten zusammen, die die literarischen und internet-spezifischen Qualitäten der Beiträge bewerten.Am 22.November wird im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe der Preis vergeben.Doch zuvor können die Leser von Ende September an unter rund 300 Beiträgen ihren Favoriten wählen (Adresse im Internet: www.pegasus98.de ).

"Multimediale World-Wide-Web-Kunstwerke mit Anteilen von Text, Bild, Animation und Audio sind noch immer selten unter den Beiträgen.Meist ist es so, daß entweder der Text anspruchsvoll ist, aber die technischen Einfälle dünn oder umgekehrt", sagt "Zeit"-Redakteurin Parvin Sadigh, die den Wettbewerb mitbetreut.

Kooperativität, Interaktivität und Multimedia sind Stichworte, die Literatur im Web kennzeichnen.Der Leser hat heute die Wahl zwischen Büchern mit Texten auf Papier oder dem elektronischen Text auf dem Computer-Bildschirm.Dieser sogenannte E-Text wird allerdings erst durch eine besondere Gestaltung zum neuartigen Kunstwerk, zur Web-Literatur.Text, Ton und bewegte Bilder lassen sich im Computer zusammenführen, und während einer schreibt, können unzählige Menschen weltweit den Text lesen.Mit digitalen Querverweisen, den Links, können zusätzliche Informationen herbeigeklickt werden, so daß collagenartige, multimediale Texte entstehen.Oder Leser können sich interaktiv mit Bemerkungen einbringen und kreativ den Verlauf einer Erzählung verändern und mitgestalten.

Für Olivia Adler, die sich in diesem Jahr mit ihrem interaktiven Romanprojekt "Cafe Nirvana" am Wettbewerb beteiligt und E-Texte anfangs vor allem als Möglichkeit zur Veröffentlichung ihrer Werke sah, liegt der Reiz von Web-Literatur im Verwirrspiel: "Als Autor ist man wie ein Puppenspieler, der die Leser an Fäden führt, bis sie nicht mehr wissen, was ist Wirklichkeit und was Fiktion", meint die 32jährige aus Fürstenfeldbruck.Ihre Geschichte wird nicht mehr erzählt, sondern findet statt.Der Leser wird zum Detektiv auf Spurensuche.Die Figuren haben sich verselbständigt, schreiben elektronische Post (E-Mails) und haben eigene Seiten im Netz (Homepages).Abgefragt werden sie per Suchmaschine, die selber nur getürkt ist.

Das Spiel um Sein und Schein sowie den Kontakt mit vielen Menschen findet Adler spannend."Das ist für mich Aktionskunst.Allerdings habe ich schon mal in dem Mitschreibeprojekt die Kontrolle über meine Geschichte verloren." Genau das will Berkenheger in ihren Arbeiten verhindern: "Man darf als Autor die Zügel nicht abgeben, sonst gibt es keine Struktur mehr.Wenn jeder mitmischt, droht alles zu zerfallen, und dann hat niemand mehr Lust, das als Ganzes zu lesen."

Die 35jährige liebt nichtlineare Texte, die rhythmisch strukturiert sind: "Die Leser sollen sich wie durch einen Dschungel hindurchbewegen und immer nur Teilaspekte wahrnehmen." Ungeduldig macht sie allerdings die technische Umsetzung ihrer Ideen, die viel Tüftelei erfordert.

Neben aller Technikbesessenheit übt auf viele Web-Autoren aber auch ein geistig-philosophischer Aspekt Faszination aus.Olivia Adler meint: "Mit jedem Mausklick öffnet sich ein neuer Raum - für mich hat das etwas Metaphysisches, und ich frage mich, was dabei mit den Menschen passiert."

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