Zeitung Heute : Internet-Nutzung: Anonymität ist ein Trugschluss

Venio Piero Quinque

Für viele ist gerade die Anonymität des Internets verlockend. Der brave Familienvater kann sich Erotik-Seiten anschauen, die Hausfrau im Chat-Raum flirten, und die lieben Kinder haben Zugriff auf alles, was ihnen die Eltern sonst verbieten. Im Netz ist jeder unbeobachtet - glauben zumindest viele. Stefan Jaeger, Rechtsanwalt in Wiesbaden ist da anderer Auffassung: "Alle Bewegungen die man im Internet macht, können grundsätzlich nachvollzogen werden."

"Und die meisten Logfiles, die bei der Internet-Nutzung auf Webservern, Mailsystemen und bei Internet-Providern entstehen, lassen einen Rückschluss zu, wer wann welche Seite aufgerufen und was er dort getrieben hat." Die Sache ist juristisch verzwickt, die entsprechenden Gesetze sind nicht ganz eindeutig - sofern sie überhaupt beachtet werden: "Manche Diensteanbieter scheinen die einschlägigen Gesetze nicht zu kennen, missverstehen oder ignorieren sie schlicht", sagt Jaeger.

Viele Webanbieter führten detaillierte Logfiles zur Analyse des Besucherverhaltens inklusive IP-Nummern, das sind gewissermaßen die Adressen von Rechnern, die gerade online sind, und DNS-Namen - für Domain Name Server. Jeder Provider verfügt dabei über eine mehr oder minder große Zahl von eindeutigen IP-Adressen. Wählt sich nun ein Kunde des Providers beim Verbindungsrechner ein, wird ihm automatisch aus diesem Nummerfundus eine Adresse zugeteilt, die dafür sorgt, dass die von seinem Browser "bestellten" Internet-Adressen tatsächlich auf seinem Monitor erscheinen. Wird die Verbindung zwischen dem Surfer und dem Providerrechner getrennt, wird die Nummer an den nächsten, sich einwählenden Kunden gekoppelt. Die genauen Angaben, wann wer wie lange mit welcher IP-Adresse im Netz war, werden wiederum in den Logfiles des Providers gespeichert - und sorgen im Ernstfall für eine eindeutige Identifizierung.

Auf diese Weise werden die Web-Adressen der Homepages mit den IP-Adressen verknüpft. Dass sich bei den so genannten Access-Providern, den Unternehmen, die den Internet-Zugang ermöglichen, detaillierte Datensammlungen anhäufen, bestätigt auch Lukas Gundermann, Referent für das Recht der Neuen Medien beim schleswig-holsteinischen Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz in Kiel.

Auch eine Verknüpfung zu den Nutzern sei möglich: "Jedes Unternehmen möchte abrechnen, und insofern ist zumindest die Telefonnummer, wenn nicht sogar die Anschrift bekannt." Diese Datensammlungen sollen nach dem Willen der Innenministerkonferenz nun noch größer werden: Die Innenminister des Bundes und der Länder haben gefordert, für Zwecke der Strafverfolgung "den Providern und Betreibern von Servern eine Protokollierungspflicht hinsichtlich der IP-Adresse und des Nutzungszeitraums sowie eine angemessene Aufbewahrungszeit der Daten" vorzuschreiben.

Dagegen wehren sich die Datenschutzbeauftragten der Länder - Thüringen ausgenommen - mit dem Vorwurf, dies sei verfassungswidrig. In einer gemeinsamen Erklärung verglichen sie das Datensammlungs-Begehren der Innenminister mit "einer Verpflichtung der Post, sämtliche Absender- und Empfängerangaben im Briefverkehr für Zwecke einer möglichen späteren Strafverfolgung zu speichern und für den Zugriff der Sicherheitsbehörden bereitzuhalten".

Die deutschen Internet-Provider halten sich in ihren Stellungnahmen zu diesem Vorstoß zurück: "Bei uns werden die Daten nur zu Abrechungszwecken gespeichert und das auch nur für 90 Tage anstatt der gesetzlich erlaubten 180", sagt Stefan Arlt, Pressesprecher von MobilCom im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf. "Solange es nur bei der Absichtserklärung der Innenminister bleibt, können wir dazu weiter nichts sagen."

Auch bei T-Online sind "Benutzerdaten nur so lange vorhanden, bis die Rechnungen gestellt sind", versichert Götz Lachmann, T-Online-Pressesprecher in Darmstadt. "Wir helfen den Strafverfolgungsbehörden gegebenenfalls, wo wir können, allerdings nur auf der Basis rechtlicher Grundlagen."

Rechtsanwalt Stefan Jaeger sieht schon eine weitere, in Hinsicht auf den Datenschutz bedenkliche Entwicklung auf die Internet-Nutzer zukommen: "Bisher ist es ja so, dass die IP-Adressen sich mit jeder neuen Einwahl ändern. Wenn aber die Flatrate weiteren Zulauf erfährt, dann wird sich auch dies ändern. Dann werden viele User über einen längeren Zeitraum eine feste IP-Adresse haben, und es wird noch leichter herauszufinden sein, wie sie sich im Netz verhalten haben." Der gläserne Surfer ist dann keine Zukunftsvision mehr.

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