Zeitung Heute : Internet-Regierung: Basis an die Macht

Markus Ehrenberg

Am Freitag stehen sie endgültig fest: die zwei deutschen Kandidaten, die sich zur Wahl als europäischer Direktor der Icann stellen, der sogenannten Internet-Regierung (der Tagesspiegel berichtete). An den Siegern scheint es keinen Zweifel zu geben. Die europäischen Internet-Nutzer favorisieren zwei Berliner Kandidaten: Andy Müller-Maguhn vom Computer Chaos Club (2545 Stimmen) und die Politologin Jeanette Hofmann (1118 Stimmen).

Ob es für die beiden nach der Vorwahl bei der Direktoriumswahl Anfang Oktober reichen wird, ist fraglich. Die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (Icann), die sich vor allem um die Streitigkeiten bei Domain-Namen kümmert, hat schon fünf weitere Europäer nominiert - darunter den deutschen Telekom-Manager Winfried Schüller. Und der 19köpfige Icann-Vorstand möchte lieber einen Direktor, der der Industrie nahe steht. Von einem potenziellen Kandidaten wird technischer Sachverstand, finanzielle Unabhängigkeit und genügend freie Zeit gefordert.

Finanzielle Unabhängigkeit, genügend freie Zeit? Das träfe auf die deutschen Kandidaten nicht unbedingt zu. Auch nicht für den Dritten im Bunde: Lutz Donnerhacke, Softwareentwickler für eine Firma in Jena (838 Stimmen). Ihre Stimmen haben Hofmann, Müller-Maguhn und Donnerhacke nicht nur aus Deutschland erhalten. Internet-User aus dem deutschsprachigen Raum (Deutschland, Schweiz, Österreich) waren die größte Gruppe unter allen Online-Wählern. Müller-Maguhn und Hofmann werden der "freien" Webszene zugeordnet. Das mögen die User, aber nicht die Icann. Der "Internet-Regierung" wird es nicht gefallen, das Ergebnis der Netz-Wahl: Da liegen die Kandidaten weit hinten, die von verschiedenen Industrielobby-Organisationen gestützt werden, wie zum Beispiel der Telekom.

Auch aus einer anderen Richtung weht den deutschen "At-Large"-Kandidaten Gegenwind entgegen. In Amerika wird vor allem die Person Müller-Maguhn kritisch beäugt. Der CCC gilt nicht gerade als Hort der Rechtsstaatlichkeit, eher als Hacker-Organisation. Der Journalist Kevin Murphy fragte im "Computer Wire": "Hackers Hijacking Icann Elections? Es scheint sicher zu sein, dass eine deutsche Hackergruppe einen Sitz im Direktorium der Icann gewinnen wird und sich damit Befürchtungen, dass die umstrittene Wahlprozedur von Gruppen mit Partikularinteressen gehijacked werden könnte, bestätigen."

Wie auch immer: Das Ergebnis der europäischen Internet-Vorwahl muss Icann akzeptieren. Jetzt beginnt der Wahlkampf der sieben Europäer. Und, wer weiß, vielleicht kann sich CCC-Sprecher Müller-Maguhn schon mal ein paar Reisetermine im Jahr freinehmen, wenn er als Direktor zu Icann-Tagungen fliegen muss. Das könnte auch die Bundesregierung interessieren. Die soll bis vor kurzem erwogen haben, Kandidaten finanziell zu unterstützen. Das wäre doch was: Bundeskanzler Schröder gibt Geld für Hacker.

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