Zeitung Heute : Internet-Wettbewerb: Harry-Potter-Fanclub als beste Netz-Adresse

Cay Dobberke

Der von zwei Berliner Schülerinnen gegründete "inoffizielle Harry-Potter-Fanclub" ist zu einer der besten Internet-Adressen gekürt worden. Die Jury des weltweiten Gestaltungswettbewerbs "ThinkQuest" verlieh der 15-jährigen Saskia Preissner aus Prenzlauer Berg den mit den 15 000 Dollar dotierten Hauptpreis in der Kategorie "Kunst und Literatur".

Dabei wurden zwei erste Preise vergeben. Weitere 15 000 Dollar gehen an eine niederländische Schule für Netzseiten über Vincent van Gogh. Insgesamt gab es sechs Kategorien. ThinkQuest ist nach eigenen Angaben der größte Internet-Wettbewerb mit tausenden Teilnehmern aus mehr als 80 Staaten. 120 Finalisten kamen jetzt im Schweizer Forschungszentrum CERN zusammen, das als Geburtsstätte des World Wide Web (WWW) gilt.

Zauberschule Hogwarts

Saskia Preissner betreibt den Fanclub zusammen ihrer elfjährigen Schwester Sarah, die zu jung war, um an dem Wettbewerb teilzunehmen. Beide organisieren seit Januar 2000 einen virtuellen Unterricht in der Zauberschule Hogwarts. Die Mitgliederzahl des allein im Netz existierenden Clubs ist auf rund 100 000 gestiegen. Wer beitreten möchte, muss ein Potter-Quiz absolvieren. Aufgerufen wurden die Seiten schon mehr als 1,7 Millionen Mal.

"Entscheidend für die Jury war wohl die Interaktivität", sagt Saskia Preissner. Wie in einer echten Schule gibt es Hausarbeiten und Prüfungen in "Zauberkräuterkunde" und anderen magischen Fächern. Komplettiert wird das Angebot durch Zeichnungen aus den Federn von Fans, ein Zaubersprüche-Lexikon und viele weitere Informationen rund um Joanne K. Rowlings Bestseller.

Im Computerspiel "Snape explodiert" kann man auf den unsympathischen Zauberlehrer schießen. Alle Seiten liegen auch auf Englisch vor, Teile davon gibt es dank engagierter Unterstützer in acht weiteren Sprachen. Das ThinkQuest-Preisgeld ist zweckgebunden für Anschaffungen, die beantragt werden müssen. Saskia Preissner will ihren Computer besser ausstatten und Software kaufen. Was sie mit dem Restbetrag machen wird, weiß sie noch nicht.

Unterdessen lassen sich die vier Bände der deutschen Harry-Potter-Ausgabe immer noch als Raubkopien von einer Internetseite herunterladen, die ein Unbekannter bei der US-Firma Geocities angelegt hat. Die Gesamtzahl der Seitenaufrufe ist auf mehr als 6000 gewachsen. Der Carlsen-Verlag leitete anhand von Tagesspiegel-Recherchen juristische Schritte ein. Aber laut Sprecherin Katrin Hogrebe dürfte die Sperrung durch Geocities "noch ein paar Tage" dauern.

"Nicht lustig" findet es der Verlag, dass eine Boulevardzeitung die Netzadresse der Raubkopien veröffentlichte. Das Blatt meldete irrtümlich, die Seiten seien schon gesperrt. Ärger mit dem Urheberrecht hatte auch schon der Fanclub. Auf Druck des US-Kinostudios Warner Bros., das gerade den ersten Potter-Band verfilmt, mussten die Gründerinnen ihre ehemalige Netzadresse www.harry-potter-fanclub.de abtreten.

Und der Carlsen-Verlag verlangte ultimativ, die Titel-Illustrationen der deutschen Buchausgabe nicht mehr abzubilden. Anders als Warner gibt sich Carlsen neuerdings ein bisschen kompromissbereiter. Den Berlinerinnen wurde signalisiert, sie könnten die Titelbilder wieder präsentieren. Aber Saskia Preissner hat gar kein Interesse: "Jetzt brauche ich das nicht mehr."

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