Zeitung Heute : Internetdienstleister: Daten gegen Golfwochenende

Claudia Wessling

Werbung im Internet - ein rotes Tuch für manchen Surfer und zugleich eine Goldgrube für Verfechter des freien Marktes. Noch vor wenigen Jahren wurde Online-Werbung für unrentabel gehalten. Inzwischen jedoch wächst der Markt unaufhaltsam: Das Online-Werbevolumen deutscher Unternehmen lag im Jahr 2000 bei 850 Millionen Mark, mit steigender Tendenz. Beliebteste Werbeform im Internet ist nach wie vor der Banner, der längst nicht mehr nur als buntes Bildchen die Homepages, Suchmaschinen- und Portalsites verziert. Animierte Banner, HTML-Banner mit Bestellfunkion, Banner, die dem Mauszeiger folgen - die Werbeagenturen geben sich alle Mühe, mit multimedialen Gimmicks den Blick des Nutzers auf ihre Produkte zu lenken.

Im Gegensatz zu klassischen Spots im Radio und Fernsehen, mit denen auch berieselt wird, wer gar nichts davon wissen will, kann Online-Werbung gezielt auf Web-Seiten geschaltet werden, die sich an bestimmte Konsumentengruppen richten. Und - ungeduldige Surfer hin oder her - eine Prognos-Umfrage ergab, dass 70 Prozent der Nutzer sich von Bannern nicht gestört fühlen.

"Banner gehören zur alten Welt der Werbung," sagt Thomas Tyborski. Er ist der Meinung, dass die vorhandenen Werbe-Angebote im Netz das Potenzial des Mediums längst nicht ausnutzen. Bei den "klassischen" Online-Werbeformaten, zu denen neben den Bannern auch Textlinks oder Webseiten-Sponsoring gehören, geht noch zuviel Werbung an die falschen Adressaten, sagt er: "Das Internet ist zu einer Autobahn geworden, die bis in die Haushalte führt. Diesen Kanal muss man besser nutzen." Direktmarketing ist nach Ansicht Tyborskis die Zukunft der Online-Werbung.

Mit seinen Partnern hat er deshalb "All-in-green.com" gegründet, eine Internet-Plattform, auf der die Nutzer sich maßgeschneiderte Werbeinformationen abholen können. Bei der Anmeldung für das Portal gibt der Nutzer ein detailliertes Eigenprofil ein. Auf einer individualisierten Homepage werden dann die passenden Angebote gezeigt. "Der Kunde muss unsere Homepage bewusst besuchen, um seine Angebote einzusehen", sagt Thomas Tyborski.

Direktmarketing im Internet ist eigentlich nichts Neues; dazu gehören zum Beispiel die Werbe-E-Mails, die mitunter als "Spam" den elektronischen Briefkasten verstopfen. In den USA wurde das Spamming zu einem so großen Problem. 1999 wurde mit dem "Inbox Privacy Act" das Verschicken unerwünschter Massenmails verboten. Solche unerwünschte Werbung soll es bei All-in-green nicht geben. "Der Kunde erteilt mit seiner Anmeldung die Erlaubnis, mit Informationen beliefert zu werden", sagt Tyborski. "Permission-based" heißt diese Werbeform in der Marketing-Sprache.

Durch das Datensammeln wird der Nutzer für die Jungunternehmer von All-in-green bald kein unbekanntes Wesen mehr sein. Gezielter als beim Online-Tracking, wo die Wege der Surfer im Netz verfolgt und davon ausgehend ihre Vorlieben bestimmt werden, werden hier freiwillige Angaben verarbeitet. Die gewonnenen Daten werden "auf keinen Fall an Dritte verkauft", sagt Thomas Tyborski. Damit der Kunde möglichst korrekte Informationen angibt, sollen die werbenden Unternehmen mit Proben "für den gehobenen Geschmack" locken. Probefahrten, Probe-Abos oder sogar Golfwochenenden für Manager seien vorstellbar.

Um die Unternehmen zu überzeugen, mit ihren Waren und Proben auf der Plattform zu werben, reist Tyborski von Messe zu Messe. Seit dem Launch im August haben sich knapp dreißig Anbieter und 1000 User bei der Plattform registriert - im Moment wolle eben keiner der Erste sein, sagt Tyborski. Er und seine Kompagnons haben - falls die Werbeplattform zu zögerlich anläuft - noch ein zweites Standbein: Die E-Commerce- und Datenbankfunktionen wurden zum Teil von hauseigenen Entwicklern gestaltet und sollen auch vermarktet werden. "Wir beraten Unternehmen, die unsere Technologie auf der eigenen Website einbinden wollen", sagt Tyborski.

Langfristig wird sich das Permission-Based-Marketing seiner Ansicht nach fest im Online-Werbemix etablieren. All-in-green bereitet deshalb auch schon die Expansion in andere europäische Länder vor. Eines ist auch Tyborski klar: "Den Werbemuffel erreichen wir mit unserem Angebot nicht." Wer keine Werbung mag, kann auch weiterhin ungestört an all-in-green.com vorbei surfen.

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