Zeitung Heute : Internetfähige Handys machen das Datenschnüffeln noch einfacher (Kommentar)

Alexander S. Kekulé

Handy-Benutzer leben gefährlich. Zwar ist die Beteiligung an Hirntumoren und Flugzeugabstürzen noch nicht erwiesen. Dafür mehren sich die Übergriffe gegen laute Dauerquasseler in Kneipen und U-Bahnen. In den USA wurde bereits der cell phone rage ausgerufen. Wer sein digitales Handgerät am Steuer benutzt, kann handfesten Ärger mit der Polizei bekommen. Und selbst der Rücksitz ist nur scheinbar sicher: Weil das Supermodell Laetitia Casta einen Pariser Taxifahrer mit pausenlosen Handy-Telefonaten nervte, sprühte er ihr kurzerhand eine Ladung Tränengas ins Gesicht.

Jetzt droht eine neue Gefahr: nach den Plänen der Mobilfunk-Industrie soll das Handy binnen kurzem zum wichtigsten Instrument für den elektronischen Handel per Internet (e-commerce) werden. Die handlichen Helfer sind dann wertvoll wie Goldbarren. Die Idee ist einfach: Das größte Problem beim Internethandel ist bisher die Überprüfung des Käufers. Da sich jeder mehr oder minder anonym ins weltweite Netz einklicken kann, muss der Kauf meist durch Übertragung einer Kreditkartennummer bestätigt werden. Das wirft Sicherheitsprobleme auf und verschreckt viele Kunden. Deshalb wird ein Großteil der elektronischen Deals vorzeitig abgebrochen.

Das Handy hat jedoch meist einen eindeutigen Besitzer, für den obendrein bereits eine Bankvollmacht vorliegt. Daher könnten die weltweit über 215 Millionen Geräte gemeinsam mit einer Code-Nummer wie eine Kreditkarte als relativ sicheres, personalisiertes Zahlungsmittel genutzt werden: Das Handy hat gute Chancen, zum Füllfederhalter des elektronischen Zeitalters zu werden.

Wer sich dabei allerdings unbeobachtet fühlt, irrt gewaltig. Seit der spektakulären Handy-Ortung des in Buenos Aires abgetauchten Reemtsma-Entführers Thomas Drach ist klar, dass Handys auch unerwünschte Nebenwirkungen haben können.

Das kriminaltechnische Prinzip lässt sich sogar für den Hausgebrauch einsetzen, sozusagen als light Version: Wer auf dem heimlichen Romantik-Trip mit der Geliebten in Italien sein Handy dabei hat, darf sich nicht wundern, wenn die Ehefrau wegen der italienischen Version von "Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar" misstrauisch wird. Wenn sie dann eine Kurznachricht (SMS) abschickt - zum Beispiel: "Guten morgen, Schatz!" -, kann sie an der Statusmeldung auf die Minute ablesen, um wieviel Uhr er morgens nach dem Aufstehen sein Handy wieder eingeschaltet hat.

Die bevorstehende Verknüpfung mit dem Internet macht die Mini-Spione keineswegs diskreter. Die relative Sicherheit der bisherigen SMS- und E-Mail-Funktionen beruht im wesentlichen auf ihrer eingeschränkten Einsetzbarkeit. Hacker-Hilfsmittel wie versteckte HTML-Befehle, Word-Makros und Cookies, die unter Windows bereits das Öffnen von E-Mails zum Nervenkitzel machen, können auf den simplen Betriebssystemen von Mobiltelefonen nichts ausrichten. Das trifft auch für den gerade eingeführten WAP-Standard (Wireless Application Protocol) zu, der den Handy-Besitzer mit kläglichen 9600 Bit pro Sekunde sozusagen durchs Schlüsselloch in das Internet gucken lässt.

Derzeit werden jedoch bereits die Frequenzen für die nächste Generation "UMTS" (Universal Mobile Telecommunication System) versteigert. Mit bis zu zwei Millionen Bit pro Sekunde kommen dann echte Multimedia-Anwendungen aufs Handy - und mit ihnen die elektronischen Helfer der Hacker und Daten-Schnüffler.

Natürlich arbeiten die Mobiltelefon-Hersteller intensiv an Abwehrstrategien. Seit das Kopieren der Identifizierungs-Codes ("Klonen") von Handys kaum noch gelingt, ist der Schwarzmarkt-Preis von 25 auf 5 Dollar gesunken, die Zahl der Diebstähle hat deutlich abgenommen.

Das dürfte sich mit den neuen e-commerce-Funktionen wieder ändern, zumal im Dezember der "A5/1 Algorithmus", der wichtigste Verschlüsselungs-Code des Mobilfunkstandards GSM, von israelischen Informatikern geknackt wurde. Damit können, zumindest im Prinzip, Daten und Gespräche wie bei einer Telefonleitung abgehört werden.

Viel ändern wird sich dadurch jedoch ohnehin nicht: Ein Viertel der US-amerikanischen Großunternehmen überwacht bereits heute die E-Mails seiner Mitarbeiter, per direktem Server-Zugriff - ganz legal. Im elektronischen Zeitalter ist "Privatsphäre" eben ein relativer Begriff. Daran werden sich zumindest die Handy-Benutzer gewöhnen müssen.Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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