Zeitung Heute : Internetjahre sind Hundejahre - nur siebenmal so schnell

REINHART BÜNGER

Im Internet geht es zu wie auf dem Rummelplatz.Das Flair wird von Besuchern wie von den Betreibern bestimmt und kostenloses Vergnügen ist zu haben wie der kommerzielle Konsum.Fragt man nach dem Sinn des Ganzen, fallen die Antworten unterschiedlich aus: Die reale Welt des schönen Seins ist immer auch eine Vorstellungswelt des schönen Scheins, ist immer auch eine Frage des großen Scheins.Die Ökonomie des Internets ist in der Bundesrepublik jetzt erstmals von einer Gruppe unabhängiger Kommunikationswissenschaftler aus Europa und den USA thematisiert worden.

Am Montagabend stellte der "European Communication Council" (ECC) seine jüngsten Forschungsergebnisse zur perspektivischen Entwicklung des Internets vor.Fernab der im World Wide Web verlorenen "Chat-rooms" und Internetcafés hatte Gruppensprecher Axel Zerdick (Freie Universität Berlin) auf einen Rummelplatz des Geistes gebeten: Die Denkveranstaltung fand in der Bibliothek des Grandhotel Esplanade statt.Zerdick hatte sich mit seinen europäischen Kommunikationsexperten im vergangenen Jahr auf jenen "relativ kleinen Ast" begeben, "der die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des Internet untersucht".Sie legten zehn neue Blätter mit Thesen und Strategien für Manager sowie umfangreiches Datenmaterial zu ausgewählten Medienmärkten vor.Einer der zentralen Befunde: Europa liegt in der Internetnutzung natürlich hinter den Amerikanern zurück.Das Defizit liegt dabei aber nicht allein auf den Seiten der Nutzer, sondern auch bei den Providern der neuen Technik.Solange die Internetnutzung so langsam, so teuer und so kompliziert ist, kann man ruhigen Gewissens nicht zur Achterbahnfahrt über die Informations-Highways aufrufen.

Gleichwohl steht fest, daß sich das Internet in der Bundesrepublik trotz eines noch recht niedrigen allgemeinen Nutzungsgrades in einer Phase starken Wachstums befindet.Die Zahl der Haushalte mit Multimedia-PC wuchs hierzulande von 127 000 im Jahre 1993 auf 5 763 000 im Jahr 1997.In Europa ist der Anteil der Haushalte mit Multimedia-Computer von 0 auf über 10 Prozent gewachsen (in den USA ist der Ausstattungsgrad doppelt so hoch).Anders als sonst im täglichen Leben, rechnet sich das Internet so: nicht Knappheit, sondern der Überfluß bestimmen den Wert des Gutes.

"Wir sind noch nicht in einer Multimediawelt", erklärte Ulrich T.Lange (FU Berlin), doch die Realität verändere sich: "Wir bewegen uns in einer Phase der Transmedialität".Mit der Versendung von elektronischen Nachrichten ("E-Mails") verändere sich etwa die Kommunikationskultur.Ein rapider Prozeß, wie Klaus Goldhammer (FU Berlin) ergänzte: "Internetjahre sind wie Hundejahre - sie vergehen siebenmal so schnell".Wirtschaftlich betrachtet erfaßt die Internet-Ökonomie mehr und mehr Bereiche der Volkswirtschaft: So rechnen sich finanzielle Transaktionen am Bankschalter kaum noch, wenn Buchungen via Internet eingetastet werden können.Der EC-Schalter um die Ecke wird spätestens entbehrlich, wenn fälschungssicheres Bargeld aus dem heimischen PC-Drucker quillt.Eine Kernthese des ECC lautet daher: "Kein Bereich der Wirtschaft kann sich dem Sog der Vernetzung entziehen - kein Land, keine Branche, kein Unternehmen, kein Beruf, kein Arbeitsplatz".

Die traditionellen Wertschöpfungsketten werden durch die zunehmende Vernetzung der Medien- und Kommunikationssektoren ausgehöhlt, so der ECC: "Kannibalisiere Dich selbst, bevor es ein anderer tut" lautet daher die Botschaft an die Wirtschaft.Die Forscher selbst lieferten das beste Beispiel mit der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse: Stünden sie kostenlos im Internet, wäre die Arbeit tatsächlich umsonst gewesen, wäre im WWW gar nichts zu finden, wäre das Thema verfehlt - neben dem erheblichen Promotioneffekt für das soeben erschienene Buch, den die Teilveröffentlichung über die Homepage der MGM Media Gruppe München hervorruft."Versioning" heißt diese neue Form der Vermarktung.Ein weiteres Beispiel dafür liefert ein US-amerikanisches Unternehmen, das Börseninformationen für 50 US Dollar im Monat in Echtzeit anbietet.Falls Kunden zwanzig Minuten Verzögerung der Informationen in Kauf nehmen, kostet der Dienst glatt die Hälfte.Die Individualisierbarkeit von (Dienst-)Leistungen geht im Netz einher mit der Individualisierbarkeit des Marketing: die im Netz verfügbaren Grunddaten der Surfer erlauben zielgenaue Eins-zu-Eins-Werbung.

Die "papierlose Verwaltung", das "virtuelle Unternehmen" und der private telekommunikative "Cocoon", in den sich Menschen nach dem Motto "my Internet-TV is my castle" einspinnen, bleiben Visionen aus der Internet-Geisterbahn, die mit der Realität von Arbeitnehmern oder Mietern wenig zu tun haben.Gleichwohl sind diese Visionen zugleich Versionen des Internets als Rummelplatz: Das Online-Leben muß das Offline-Leben nicht verändern - es sei denn, es hat mehr Flair.

Die Forschungsergebnisse des "European Communication Council" liegen inzwischen auch in gedruckter Form vor: Ein Report über "Die Internet-Ökonomie - Strategien für die digitale Wirtschaft" (335 S., DM 79,-) erschien soeben im Springer-Verlag und ist überdies ab heute kostenlos in Auszügen über folgende Internet-Adresse abrufbar: www.mgmuc.de

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