Zeitung Heute : Internetkloster: Selbstverwirklichung Online

Kurt Sagatz

Be content - sei zufrieden, mit einem Internet ohne E-Commerce, ohne ploppende Werbebanner, ohne steten Aufruf zu Konsum. Dafür mit ausgefallenen Inhalten und einem Design, dass den Besuch beim Augenarzt nach dem Surfen nicht zur Pflicht macht, sondern die Zeit im Netz zum Erlebnis werden läßt. Mit dieser Vorstellung hat Alexander Dill Berlin 1999 den Rücken gekehrt und in Oberbayern die Becontent AG gegründet, um dem kommerziellen Mainstream im Netz entgegen zu wirken.

Dieses Ziel führte Dill auch nach Salzburg, gerade einmal 20 Autokilometer von dem als Stammsitz des Unternehmens genutzten Bauernhof in Teisendorf entfernt. Dort wird der Ex-Berliner das erste Internetkloster im deutschsprachigen Raum betreiben. Das 1617 errichtete Wehrschloss auf dem Kapuzinerberg mitten in Salzburg soll den Internet-Jüngern der Neuzeit jene Ruhe bieten, die einst die Mönche zur Verbreitung des gedruckten Wortes hatten. Allerdings mit modernster Technik. Denn mit Hilfe der Beamer, die die Webprojekte an die Wand werfen, soll hier "Internet in der höchsten Qualitätsstufe" zelebriert werden, wie es auf der Homepage des Schlosses heißt. Nur zwanzig Fußminuten von der Salzburger Altstadt und mit Blick auf die Kulisse der umliegenden Bergwelt, könnten auf dem Kapuzinerberg abseits der Großstadthektik zum Beispiel Internet-Projekte ihren letzten Schliff erhalten oder neue, aufwendige Web-Präsenzen geboren werden, hofft Dill.

Vorausgesetzt, sie entsprechen jenem Geist eines nicht allein vom Kommerz beherrschten Internets, denn Seminare für Versicherungsmakler mit Online-Ambitionen sollen die kontemplative Ruhe des Internetklosters nicht stören. Allenfalls zeitgenössische Wanderer auf der Suche nach einem lauschigen Internet-Anschluss sind an diesem Ort der Konzentration erwünscht. Denn im Internetkloster mit seinen 600 Quadratmetern Platz auf drei Etagen und der angeschlossenen Gastwirtschaft mit Terrasse gehört die multimediale Laufkundschaft mit zum Geschäftsplan, der die Stadtverwaltung immerhin davon überzeugte, die Pacht an Becontent und nicht an einen anderen der 27 Bewerber zu geben.

Die Entscheidung der Salzburger für die interaktive Schlossnutzung hat etwas mit der Offenheit gegenüber den neuen Medien zu tun. In Österreich hat die Internet-Nutzung fast skandinavische Höchstwerte erreicht. Die für Fremdenverkehr zuständigen Stellen in Salzburg denken sogar darüber nach, in jedem Bauernhof der Region einen Internet-Raum einzurichten. Nicht zuletzt, um die Attraktivität des bei Deutschen schon jetzt sehr beliebten Urlaubsgebietes weiter zu steigern.

Überhaupt hat es wohl mehr mit großstädtischer Überheblichkeit zu tun, wenn angenommen wird, das Internet sei allein die Domäne von Städten wie Berlin, München oder Hamburg. So wie die Motorisierung auf dem Land früher für Jugendliche eine Notwendigkeit für den Freitagabend-Besuch in der nächsten Diskothek darstellte, so wird heute die räumliche Distanz via Internet überbrückt. "Pentium III-Rechner mit 700 Megahertz, 21-Zoll-Bildschirm und ISDN-Anschluss sind in den oberbayerischen Kinderzimmern keine Seltenheit", weiss Dill, Vater zweier Söhne.

Leben auf dem Lande und arbeiten im Netz, also die Umsetzung alternativer Lebensentwürfe mit Hilfe der neuen Techniken, ist ein aus den USA bereits bekanntes Phänomen. Auch hierzulande geht ein Teil der digitalen Elite diesen Weg. Wie zum Beispiel die Webdesignerin Claudia Klinger, die von Berlin auf einen Hof in Mecklenburg-Vorpommern zog und bei Becontent für die Optik der Webseiten zuständig ist. Ihr Projekt Nichtfrau.de ist übrigens das beste Beispiel, wie eine werbebetriebene Seite ohne Banner auskommen kann. Vielmehr wollen Dill und Klinger die Werbekunden davon überzeugen, dass in der Zurückhaltung die Zukunft liegt. An die Stelle der bunten Advertising-Flächen tritt daher das dezente "heute präsentiert von".

Um dem Einheitsbrei der datenbank-gestützten Allerweltsseiten des Netzes aktuelle und interessante Themenseiten mit ausgefallenem Layout entgegen zu setzen, hat Becontent zudem einen Wettbewerb mit einem Preisgeld von insgesamt 500 000 DM für intelligente Webseiten ins Leben gerufen. Bis zum 17. Oktober können Sites zu diversen vorgegebenen Themen unter anderem aus dem Feld der Literatur, aber auch zu ausgesuchten Orten und Epochen eingereicht werden. Auch eigene Ideen sind willkommen. Immerhin 50 000 Mark warten auf den Sieger. Eine Bedingung des Wettbewerbs ist, dass die Einreichungen ein halbes Jahr in der Themenwelt von Becontent stehen bleiben. Denn auch Becontent muss schließlich finanziert werden, auch wenn dort nicht der Profit im Vordergrund steht. Der Ort für die Preisverleihung stand übrigens schnell fest: Das Internetkloster in Salzburg.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben