Zeitung Heute : Internetsurfer kämpfen für niedrigere Telefongebühren

KIMBERLEY A.STRASSEL

Luca Olivetti liebt das Internet.Aber am 3.September hat der spanische Programmierer das Netz gemieden.Denn an diesem Tag hat Olivetti zusammen mit etwa 50 Prozent der spanischen Online-Nutzer das Internet wegen der hohen Telefongebühren in Spanien boykottiert.Überall in Europa haben sich Internetsurfer dem Boykott angeschlossen, um gegen die, wie sie meinen, überhöhten Kosten des Internetsurfens zu wettern."Amerikaner sind nicht schöner, intelligenter oder klüger als wir", schimpft Olivetti, der eine "Graswurzelorganisation" mitaufgebaut hat, die für niedrigere Gebühren kämpft."Aber sie können sich im Gegensatz zu uns leisten, im Internet zu surfen.Das ist ungerecht."

Die europäischen Internetkonsumenten haben die Nase voll.Wegen hoher Telefongebühren müssen sie für das Surfen im Internet doppelt soviel zahlen wie Amerikaner.Folglich nutzen weniger das Internet, der Internethandel ist gänzlich unterentwickelt.Nun üben die Massenproteste Druck auf Telekommunikationsunternehmen, junge Internetfirmen und Internetprovider aus, sich clevere Strategien auszudenken, wie man die Internetpreise erheblich senken kann.Erstaunlich viele Konsumenten, die bislang nie an einen Internetzugang gedacht haben, nutzen diese neuen Angebote."Das ist für die Konsumenten hier vollkommen neu", sagt Mark Danby, Generaldirektor von Freeserve, einem neuen Internetprovider aus Großbritannien, der keine Monatsgebühren nimmt.

Der Streik in Spanien und Proteste in anderen Ländern kamen so unerwartet und so energisch, daß sie einiges erreicht haben: Die spanische Telefonica hat die Gebühren für Großkunden gesenkt und bietet neuerdings pauschale Internetgebühren für kleine Unternehmen an.In Großbritannien hat vor kurzer Zeit die Dixons Gruppe, eine Handelskette für Unterhaltungselektronik, zusammen mit dem privaten Telefonanbieter Energis den Internetprovider Freeserve gegründet.Und in Deutschland hat Mobilcom kürzlich pauschale Telefongebühren für Internetnutzer eingeführt.

Es kann nicht bestritten werden, daß die Kosten für die Internetnutzung in Europa unverschämt hoch sind.Europäische Internetnutzer zahlen in der Regel zwischen ein bis drei Dollar pro Stunde an Telefongebühren zusätzlich zu monatlichen Teilnehmergebühren von 20 bis 25 Dollar.Während europäische Nutzer schnell auf 100 Dollar an monatlichen Telefongebühren kommen, zahlen amerikanische Kunden normalerweise eine pauschale Telefonmonatsgebühr von etwa 25 Dollar und 20 Dollar im Monat für den Internetzugang.

Die hohen Kosten haben das Wachstum des europäischen Internets gehemmt.In Deutschland, dem größten Internetmarkt in Europa, sind 1997 nur 6,6 Prozent der Bevölkerung im Internet gesurft - verglichen mit 22 Prozent in den USA.Das Marktforschungsunternehmen Jupiter Communications machte kürzlich eine Umfrage in Großbritannien, Deutschland und Frankreich unter Menschen, die bislang dem Internet ferngeblieben sind.Armselige elf Prozent erklärten, sie beabsichtigten in der Zukunft, im Web zu surfen; der Anteil der potentiellen Nutzer stiege jedoch auf 40 Prozent, wenn die Ortsgebühren beim Telefonieren wegfielen.

Es wird aber alles andere als leicht sein, die pro Minute berechneten Telefongebühren abzuschaffen.Die früheren nationalen Telekommunikationsmonopole behaupten, daß der Übergang auf eine Pauschalgebühr einen gewaltigen Ansturm auf das Internet auslösen und das Telefonsystem überlasten würde.Viele Telefonunternehmen machen nach eigenen Angaben wegen der Regulierung Verluste mit den Ortsgesprächen; weitere Senkungen der Ortstarife würden den Ruin bedeuten.

Doch die Internetkonsumenten wollen sich nicht gedulden, bis die Regulierungsbehörden tätig werden.In Sorge, die Internetrevolution zu verpassen, die amerikanische Unternehmen wohlhabend macht, gehen viele europäische Unternehmen neue Wege, um Kostensenkungen herauszupressen, die Einnahmen zu erhöhen und letztlich die Ersparnisse an Internetkonsumenten weiterzureichen.Zum Beispiel der Internetprovider Freeserve, der von dem Unterhaltungselektronikhändler Dixons und dem Telefonanbieter Energis gegründet wurde und der keine Teilnehmergebühren erhebt.Die Internetnutzer holen sich einfach die Software in einem Dixons-Laden ab und zahlen dann reguläre Telefonkosten für die Zeit, wo sie online sind.Energis, über das der Großteil des Internetverkehrs von Freeserve läuft, erhält die Telefoneinnahmen pro Minute und subventioniert damit den kostenlosen Internetzugang.Dixons will mit der Kooperation einen großen Kundenkreis schaffen, der später Güter über das Internet kauft.Indem die Rechnungen für die Monatsgebühren entfallen und die Software über vorhandene Dixons-Läden verteilt wird, sind die Kosten von Freeserve sehr viel niedriger als die von anderen Internetprovidern.Und die Geschäftsidee hat sich ausgezahlt: In nur acht Wochen gewann Freeserve etwa 475 000 Kunden und wurde damit zum zweitgrößten Internetprovider nach America Online.Zudem ist der britische Internetmarkt um zehn Prozent gewachsen.

An anderen Orten tauchen Pauschaltelefonangebote auf, wie sie auch in den USA existieren.In Deutschland hat sich Mobilcom mit dem Internetmagazin Tomorrow zusammengetan, um das Telefonieren gegen eine Pauschalgebühr von 77 DM pro Monat möglich zu machen.Dies sei eine "direkte Herausforderung an die Deutsche Telekom, ihre Gebühren zu senken", sagt eine Tomorrow-Sprecherin.Und Druck ist da: Organisierte Internetnutzer wollen erst dann ihre Proteste einstellen, wenn die Telefongesellschaften ihre gesamten Gebühren senken.

Die jüngsten Protestwellen in Spanien und Deutschland beleuchten, wie haarig die Frage der Internetkosten werden kann und wie Konsumentenproteste Veränderungen erzwingen.Bis zum vergangenen Sommer gab es in Spanien mit die niedrigsten Telefongebühren in Europa.Zusammen mit den Bemühungen von Telefonica, sogar abgelegen wohnenden Spaniern den Zugang zum Internet zu Ortstarifen (statt Ferngesprächstarifen) zu ermöglichen, ließen die niedrigen Telefongebühren eine kleine, aber schnell wachsende Internet-Community entstehen.Doch wegen der niedrigen Gebühren sind die Ortsgespräche für Telfonica ein Verlustgeschäft (allein im vergangenen Jahr hatte sie ein Minus von 214 Mill.Dollar), das sie mit Einnahmen der lukrativen Ferngespräche ausglich.Im Zuge der europäischen Deregulierung geriet Telefonica aber in einen harten Wettbewerb im Ferngesprächsmarkt.Das Telekommunikationsunternehmen ersuchte die Regierung um Erlaubnis, die Ortsgebühren anzuheben - was dem spanischen Telefonunternehmen in den vergangenen fünf Jahren untersagt gewesen war.Die Regierung willigte ein und im Juli erhöhte Telefonica die gesamten Ortsgebühren im Durchschnitt um 13,7 Prozent.Diese Gebühren betrafen allerdings nur Gespräche unter drei Minuten.Längere Gespräche unterlagen viel höheren Tarifen.Und da die durchschnittliche Internetnutzung in Spanien zwischen 18 und 20 Minuten liegt, "trugen Internetnutzer fast die Gesamtlast dieser neuen Telefongebühren", sagt Javier Sola, Chef des Spanischen Verbandes der Internetnutzer.

Ein anonymer Internetnutzer rief zu einem Streik auf, und Olivetti setzte sich zusammen mit Kollegen in Aktion.Während des Streiks am 3.September sank der Internetverkehr drastisch.Fast jede Zeitung und jeder Fernsehsender berichtete über den Protest.Telefonica reagierte und machte spezielle Angebote.Als er vom Erfolg in Spanien erfuhr, entschied Thomas von Treichel, dasselbe in Deutschland zu versuchen.Der 23jährige steht einem kleinen Internetklub in Deutschland vor.Über das Internet rief er zu einen 24-Stunden-Streik am 1.November auf und erhielt nahezu 14 000 E-Mail-Nachrichten, die den Streik unterstützten.Viele Unternehmen nahmen an dem Protest teil, indem sie ihre Webseiten an dem Tag schlossen.Deutsche Internetdienstleister stellten eine um 25 Prozent bis 35 Prozent niedrigere Nutzung an diesem Tag fest.Das Magazin Stern führte einen Tag vor dem Streik eine Umfrage unter Internetnutzern durch.Dabei gaben 66 Prozent der Befragten am, sie würden sich dem Protest anschließen.Die Deutsche Telekom hatte bereits eine Woche vorher angekündigt, sie würde neue Preissenkungen für ihren T-Online-Internetdienst einführen.Hans Ehnert, ein Sprecher der Deutschen Telekom, schloß nicht aus, daß das Unternehmen irgendwann ein spezielles, billigeres Angebot für Internetnutzer anbieten würde."Auf diesem Markt passieren Dinge, die man sich vor einem Jahr nicht hätte vorstellen können", sagt Ehnert."Wir werden mit den Entwicklungen schritthalten."

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