Zeitung Heute : Intershop erobert den virtuellen Marktplatz

SANDRA PRUFER

SAN FRANCISCO ."Die Softwareschlachten werden nicht in Jena, sondern hier geführt", begründet Stephan Schambach die strategische Entscheidung, das Hauptquartier seiner Firma Intershop in Kalifornien aufzuschlagen.Trotz des Kampfvokabulars wirkt der 27jährige Blondschopf keineswegs wie David gegen die Goliaths in Silicon Valley.Eher wie ein "Hans im Online-Glück" blickt Schambach vom Fenster seines schmucken Bürolofts auf die Skyline von San Francisco.Hier haben sich in den letzten Jahren unzählige Start-ups angesiedelt, alle auf der Suche nach dem schnellen Cyber-Dollar.Sein 1992 im ostdeutschen Jena gegründetes Unternehmen gehört zu den wenigen, die es geschafft haben.Noch im Sommer will der E-Kommerz-Softwarehersteller an die Börse gehen.

Laut Firmengründer Schambach erzielte Intershop im vergangenen Jahr einen Umsatz in zweistelliger Millionenhöhe.Mit Niederlassungen in Paris, München, Hamburg, San Francisco und ganz neu in Australien beschäftigt Intershop heute weltweit 250 Mitarbeiter."Erst vor einem Jahr gelang uns der Durchbruch," sagt Schambach."Plötzlich war die Nachfrage für unsere Online-Shopping-Software da.Nun sind wir Marktführer in Europa, haben eine starke Position in Amerika und expandieren nach Asien." Mit dem Börsengang soll die Grundlage für den globalen Wachstumskurs geschaffen werden.

Früh erkannte Schambach das kommerzielle Potential des Internets.Im Jahr des Mauerfalls schmiß der damals 19jährige Physikstudent sein Studium und machte sich mit zwei Freunden selbständig.Mangels Kapitalausstattung hielt sich ihr Unternehmen NetConsult zunächst mit Auftragsarbeiten über Wasser, während parallel am Prototyp für das elektronische Warenhaus Intershop gebastelt wurde."Der Anfang war hart", erinnert sich Schambach an die Pionierzeiten."Wir hatten nicht einmal eine Telefonleitung.Zudem gibt es in Deutschland kein Risikokapital wie in den USA." Schließlich fand der Jenaer Jungunternehmer doch eine Venture-Kapital-Holding, die eine Mill.Dollar in das Start-up steckte.Auf Ratschlag des Investors wurde der Hauptsitz 1996 nach San Francisco verlegt, während die Entwicklungsabteilung in Jena blieb."Alle großen Player sind vor Ort.Wer hier nicht präsent ist, taucht in den Marktanalysen einfach nicht auf.Unsere Kapitalanleger haben ein vehementes Interesse am wirtschaftlichen Erfolg und sind an allen wichtigen Business-Entscheidungen beteiligt." Die in Europa übliche staatliche Technologieförderung "nach dem Gießkannenprinzip" hält der Unternehmer dagegen für uneffektiv.

Intershops Erfolgsrezept ist eine Produktpalette von Software-Lösungen für den elektronischen Handel: "Intershop Online" ist das preisgünstigste, einfach zu installierende Produkt für klein- und mittelständische Unternehmen."Intershop Corporate" eignet sich dagegen für größere Unternehmen und Business-to-Business-Anwendungen."Intershop Mall", Flagschiff und erfolgreichstes Produkt, ermöglicht Internet Service Providern, virtuelle Warenhäuser für ihre Kunden einzurichten.Die Online-Ladenlokale werden an Händler, die nicht selbst das technische Personal und Equipement haben, vermietet.Nicht nur die Software-Auszeichnungen der letzten Monate, sondern auch jüngste Allianzen mit Branchen-Oldies wie Hewlett-Packard und der Deutschen Telekom lassen Schambach als "Goldgräber im Cyberspace" ("Der Spiegel") vor Stolz erblühen.

Laut Prognose von IDG (International Data Corporation) soll der Umsatz im Internet-Handel allein in West-Europa von einer Mrd.Dollar im Jahr 1997 bis 2001 auf 30 Mrd.Dollar steigen.Je mehr Händler ihre Güter online vermarkten, desto größer wird der Markt für Firmen wie Intershop, die Software für den Vertrieb, Kundendienst und Internet-Zahlungssysteme anbieten.Viele wollen dem Erfolg des Online-Buchhändlers Amazon oder des Computerherstellers Dell folgen, der bereits jährlich eine Mrd.Dollar im Netz umsetzt.Der Software-Händler Egghead hat sogar seine US-weite Ladenkette (80 Geschäfte) dicht gemacht, um sich komplett auf den Online-Vertrieb zu konzentrieren.Dennoch meinen Skeptiker, daß der virtuelle Marktplatz überbewertet wird.Viele Kunden haben Bedenken gegen das Online-Shopping aus Angst vor virtuellen Überfällen.

"Die Chance, auf der Straße überfallen zu werden, ist viel höher als von Internet-Piraten der Kreditkarte beraubt zu werden," entgegnet Stephan Schambach triumphierend und zaubert aus seiner Schreibtischschublade eine Smart-Card hervor."Diese mit einem Chip ausgestattete Bankkunden-Karte ist absolut sicher.Wer persönliche Daten und die Kreditkartennummer nicht über das Netz schicken möchte, kann anonymes Bargeld auf die Karte einzahlen und so seine Online-Käufe tätigen." Kritik an der Kommerzialisierung des Internet liegt Schambach fern."Das Internet ist für jedermann frei zugänglich.E-Kommerz ist lediglich eine neue Art der Interaktion zwischen Käufer und Verkäufer." Den Besuch eines Online-Warenhauses vergleicht er mit einem direkten Telefonanruf beim Hersteller.Die Vorteile liegen für Schambach auf der Hand: Dem Konsumenten bietet E-Kommerz mehr Transparenz.Künftige Suchmaschinen werden ihm auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Angebote herausfiltern.Die Kriterien wie Preis, Lieferzeit oder ökologische "correctness" bestimmt allein der Kunde.Der Wegfall von Zwischenhandel und Lagerkosten eröffnet dem Endverbraucher mehr Produktvieltfalt und günstigere Angebote.Nach eigenem Bekunden ist Schambach selbst passionierter Online-Shopper: "Ich bestelle Bücher, CDs, Büromaterial und Software-Produkte, machmal sogar Pizza übers Netz." Das Image des Vorzeige-Ossis ist dem Silicon-Valley-Transplantat eher unangenehm."Die ganze Ost-West-Problematik ist hier weit weg.Menschen aller Herkunft kommen nach Kalifornien, um ihr Glück im Silicon Valley zu versuchen." Der Studienabbrecher, der heute Gastvorlesungen an deutschen Hochschulen hält und Internet-Kommentator der Deutsche Welle ist, sieht sich als moderner globaler Entrepreneur."In Deutschland fehlt es nicht an Geld, sondern an Kreativität und Eigeninitiative.Statt neue Beschäftigungsprogramme zu schaffen, sollte man lieber alte Besitzstände auflösen." Verständnislos berichtet er von Umschülern bei Intershop in Jena, die nach dem Praktikum lieber weiter Arbeitslosengeld kassieren, als zu einem geringen Gehalt einen Job anzunehmen."Bei guter Leistung hätten sie hervorragende Aufstiegschancen gehabt und Optionen für Mitarbeiteraktien erwerben können".

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