Interview : „Alkoholsucht wird noch immer tabuisiert“

15.07.2011 19:08 Uhr
Prof. Dr. Götz Mundle, Chefarzt der Oberbergklinik Berlin/Brandenburg und Experte für Suchterkrankungen
Prof. Dr. Götz Mundle, Chefarzt der Oberbergklinik Berlin/Brandenburg und Experte für Suchterkrankungen

Herr Mundle, der CDU-Politiker Schockenhoff hat sich als alkoholkrank geoutet. Wie wichtig ist solch ein Bekenntnis – für die Betroffenen und für die Gesellschaft?

Es hat eine ganz wichtige Signalfunktion. Wenn sich jemand, der in einem so wichtigen öffentlichen Amt steht, zu seiner Alkoholkrankheit bekennt, löst er das Stigma auf, dass die Abhängigkeit eine Schande ist. Er setzt das Zeichen: Darüber kann gesprochen werden.

Offenbar braucht es dafür besonderen Mut.

Leider ist es immer noch so in unserer Gesellschaft, dass psychische Erkrankungen – auch Depressionen und Burnout, insbesondere aber Suchterkrankungen – tabuisiert sind. Man unterstellt Fehlverhalten, eine Schwäche der individuellen Person. Tatsächlich handelt es sich um eine Krankheit, wie Diabetes oder ein Herzleiden.

Natürlich trägt jeder Verantwortung, wie er damit umgeht. Aber er ist nicht schuld daran. Bei mehr als einem Drittel ist die Sucht etwa genetisch mitbedingt.

Beim Thema Depressionen gab es vergleichbare Outings, etwa von Spitzenfußballern. Haben die etwas gebracht?

Ja, das hat durchaus zu Veränderungen geführt. Die Betroffenheit der Gesellschaft hat auch gezeigt, was wir noch tun müssen und wie wichtig es ist, aufzuklären. Die beste Aufklärung ist es, wenn Menschen Gesicht zeigen. Gerade Prominente. Das ermutigt viele Betroffene, sich selber in Behandlung zu begeben. Nach dem Motto: Wenn der das zugeben kann, kann ich das auch. Die Oberberg-Stiftung führt daher die Gesprächsreihe „Menschen am Gendarmenmarkt“ durch. Prominente sprechen über ihre persönliche Geschichte und sind so Vorbild für andere.

Sind Politiker besonders gefährdet?

Politiker stehen unter besonders hohem Druck. Sie spüren die Erwartungen der Bevölkerung und der Medien. Sie haben volle Terminkalender. Und meist handelt es sich um Menschen mit sehr hohen Erwartungen an sich selber, die etwas verändern möchten und dafür viel Zeit und Herzblut investieren. Dies kann zu einem extrem hohen Stresslevel führen. Und dann in eine Falle: Kurzfristig löst Alkohol diese Spannung. Langfristig aber ist das Gegenteil der Fall. Es kommt zu noch mehr Stress und zur Abhängigkeit.

Man hört, dass jüngere Politiker inzwischen lieber Marathon laufen als in der Kneipe versacken. Aber unter Strom scheinen sie alle zu stehen ...

Es gibt, in der ganzen Gesellschaft, eine Entwicklung zu immer mehr Suchtstrukturen. Das hängt mit den Ansprüchen zusammen: Immer schneller, immer flexibler, immer mehr Arbeit vollbringen. Die Bereitschaft der Bürger hat zugenommen, Substanzen einzunehmen, damit es einem besser geht, um leistungsfähiger zu sein. Früher war es mehr Alkohol, heute sind es auch zunehmend Medikamente.

Wie kommt man denn klar mit dem gestiegenen Erwartungsdruck?

Zunächst, indem man ihn sich bewusst macht. Welche Anforderungen gibt es von außen, was kommt von mir selber, mit welchen inneren Werten begegne ich den Erwartungen? Wir haben eine Arbeitswelt, die den Menschen, wenn er nicht aufpasst, zur „Maschine“ macht, zum bloßen Funktionsträger. Die zentrale Frage ist, wie können wir darin als Mensch, als Persönlichkeit lebendig bleiben, mit unseren Gefühlen, unseren Potenzialen, unseren Schwächen? Oft findet eine Entfremdung statt. Man distanziert sich innerlich. Das führt zu Resignation und dann nicht selten zu Suchterkrankungen.

Ein Alkoholkranker muss zeitlebens abstinent bleiben. Hat er im harten politischen Geschäft überhaupt eine Chance, wieder auf die Beine zu kommen?

Ja natürlich. Es gibt durchaus Beispiele von Politikern, die mit ihrer psychischen Erkrankung, um es neutral auszudrücken, anders umzugehen gelernt haben und wieder mitten im Politikbetrieb stehen. Natürlich stellt die Politik sehr hohe Anforderungen. Aber ihnen lässt sich mit einem Wertewandel und dem Bewusstsein dafür begegnen. Wir müssen unsere Erwartungshaltung hinterfragen, uns klarmachen, dass wir Menschen als Politiker wollen. Und die Politik selber sollte darauf achten, dass sie in den Botschaften, die sie nach draußen schickt, realistisch bleibt.

Ist ein Politiker, der seine Sucht offenbart, bei den Wählern nicht abgeschrieben?

Wenn einer offen damit umgeht, kann er Vorbild sein. Ehrlichkeit wird meistens akzeptiert und belohnt. Probleme entstehen mit dem Versuch, die Krankheit zu verbergen. Das spüren die Menschen, sie merken, da stimmt was nicht. Ich kann nur raten, ganz offensiv damit umzugehen. Und sich rechtzeitig Hilfe zu suchen.

Das Gespräch führte Rainer Woratschka.

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