Interview : Arthur Abraham: ''Ich bin ein Mann und kein Christbaum“

Er hat sich in nur vier Jahren eine Villa, einen Ferrari und ein dickes Konto erboxt. Stolz ist Arthur Abraham auf seine Hände, die picobello sind wie bei einem Pianisten.

Interview: Michael Rosentritt,Norbert Thomma Foto: Mike Wolff
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Arthur AbrahamFoto: Mike Wolff

Hallo! Ich hab ’ne Tüte Bananen mitgebracht. Greifen Sie zu, nicht dass ich die alleine essen muss.

Danke, sehr freundlich, Herr Abraham. Eigentlich sind Sie ein schrecklicher Mensch.

Ich? Warum? Weil ich Boxer bin und andere Leute k.o. schlage? Ich bin brutal im Ring, doch das kann man nicht mit der Freizeit vergleichen. Ich bin ein sehr lieber Kerl. Wahrscheinlich seid ihr beide frecher als ich.

Die Leute begegnen Ihnen ganz ohne Furcht?

Jeder Weltmeister im Boxen hat eine Aura, oder? Normale Menschen haben keine Angst vor mir, das hat mehr mit Respekt zu tun. Sie kommen nicht und legen mir einfach so den Arm um die Schulter, sie fragen ganz höflich: Darf ich ein Foto? Ich mache sie dann locker, zeig ihnen, komm, mach mal so ’ne Faust, und jetzt stellen wir uns nebeneinander.

Ihre Fäuste haben eine beeindruckende Bilanz: Als Profi alle 31 Kämpfe gewonnen, davon 25 durch k.o. Ist das Talent?

Das kann man nicht nur trainieren, denn andere trainieren ja auch und können es nicht. Die Power steckt in meinem Körper drin. Gott hat manche Menschen dünn gemacht, sie können nichts dafür, mir hat Gott Kraft geschenkt. Aber das reicht nicht aus. Ein Traktor kann Tausende von Kilos ziehen. Trotzdem ist ein Auto schneller. Ich will damit sagen, Schlagkraft alleine hilft nicht. Man muss die richtige Technik haben, hart zu schlagen.

Können Sie das erklären?

Das Wichtigste ist, man muss beim Schlag vom Fußzeh bis zur Haarspitze alles mitnehmen, Beine, Hüfte, Schulter … Ich muss Ihnen das zeigen.

(Abraham steht auf, zieht das Jacket seines silbergrauen Anzugs aus. Das enge T-Shirt zeigt ein Relief gewaltiger Muskeln. Dann nimmt er Boxhaltung ein und stößt den rechten Arm nach vorne.)

Sehen Sie, wenn ich nur so schlage, da geht keiner k.o. Da lachen sich die Gegner kaputt. Zu einem harten, entscheidenden Schlag braucht es die Rotation des ganzen Körpers um seine Mittelachse, ich muss mich hineindrehen, so wie jetzt: Bum!

Im Moment dieses Schlags spüren Sie: Das war’s!

Nein, das kann man vorher nicht wissen. Haben Sie mal geboxt? Nein? Wissen Sie, wann es richtig wehtut? Wenn man den Schlag nicht kommen sieht. Man steht locker da und es macht Peng! am Kopf – dann wackeln die Beine. Ich kenne dieses Gefühl nicht, doch ich sehe die Wirkung bei anderen.

Sie bekommen ja selbst auch mal Fäuste ab.

Wo werd’ ich getroffen?! Wann werd’ ich getroffen?!

In jedem Kampf, Herr Abraham.

Ach so, klar, Boxen ist Treffen. Aber ich schütze mich, ich habe die Deckung meiner Arme vor dem Kopf. So ein Schlag tut ein bisschen weh, ich sag mal: Hält sich in Grenzen. Dieser Beruf macht hart, es ist ein harter Beruf. Nicht der Boxkampf, ehrlich gesagt, der Kampf selber ist nicht das Schwierige. Wissen Sie, was wirklich brutal ist?

Sagen Sie’s.

Das Training. Ich lebe wochenlang wie ein Roboter. Soll ich meinen Tagesablauf sagen? Heute früh aufstehen, Frühstück, acht Uhr Fitnessstudio. Krafttraining, dann Kraft-Ausdauer, dann Koordination, dann Boxen. Schnell duschen und rasieren, dann hierher zu Ihnen. Um 13 Uhr kommt Fernsehen, um 14 Uhr noch ein Termin, 16 Uhr wieder Training, drei Minuten laufen, eine Minute Pause, vier Minuten laufen, einen Minute Pause, fünf Minuten laufen ... acht, neun, zehn Minuten. Das ist Folter für mich. Dann Sauna, dann Massage.

Sie laufen nicht gerne.

Das ist nichts für mich. Mit Keulen auf Autoreifen einschlagen macht Spaß, Boxen am Sandsack macht Spaß, Sparring macht Spaß. Das Unangenehmste ist ein Zehn-Kilometer-Lauf, ich muss da unter 40 Minuten bleiben, da kann ich nicht Halligalli machen und mal einen Stunde brauchen.

Bei Ihrem letzten Kampf im September schlugen Sie Jermain Taylor so hart, dass er wie tot auf den Brettern lag. Was ging Ihnen da durch den Kopf?


Ich dachte nur, hoffentlich steht er wieder auf. Ich habe es mir so gewünscht, dass er aufsteht.

Vitali Klitschko sagte: „Wenn ich meinen Gegner zu Boden schlage, habe ich Mitleid, ich möchte ihm helfen.“


Ja, so ist das tatsächlich bei mir auch. Ich habe nur bei einem nicht mitgelitten.

Wer war das?


Edison Miranda. Er war kein guter Mensch. Er hat so niveaulos über mich gesprochen. Er sagte, wie dumm von Arthur, dass er zu mir nach Amerika kommt, ich habe ihm in Deutschland den Kiefer gebrochen, nun werde ich seine Karriere zerstören. Miranda ist der einzige Boxer, dem ich nicht die Hand gegeben habe. Dafür habe ich ihn in der vierten Runde gekillt.

Durch den ersten Kampf gegen Miranda sind Sie vor drei Jahren so richtig berühmt geworden. Der „Spiegel“ schrieb darüber: „Der Kiefer war gebrochen, die Backe schwoll auf Tennisballgröße an, Blut schoss aus dem Mund.“ So schwer verletzt haben Sie acht Runden weiter geboxt.

Ich hätte sofort aufhören können. Jeder konnte sehen, dass mein Kiefer gebrochen war. Es tat auch weh. Aber aufhören – das ist nicht meine Einstellung. Ich kann nicht verlieren, ich will nicht verlieren! Und eines muss ich Ihnen unbedingt erklären: Mein Kopf war da. Ich hatte eine Verletzung, doch mein Kopf war da.

Ihr Kopf war, wo er hingehört, nur war er zerdrückt und voller Blut, es sah grauenhaft aus.

Kopf war da heißt: Ich habe alles gesehen, ich habe alles gespürt, mein Bewusstsein war klar. Ich hatte alles im Griff. Ich war schlau, ich bin Miranda weggerannt und habe seine Fehler ausgenutzt.

Später sagten Sie: „Jeder seiner Treffer schlug ein wie eine Bombe.“


Na sicher, der Kiefer hatte ja keine Stabilität mehr. Da schüttelt es den ganzen Körper durch, auch wenn der Schlag nicht hart ist.

Sie haben einen Vogel, stimmt’s?

Ja und? Jeder Profiboxer muss verrückt sein. Ein normaler Mensch trainiert auch nicht wie ein Schwimmer acht Stunden am Tag im Wasser.

Bertolt Brecht mochte das Boxen, doch er schrieb: „Der große Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein.“

Der Mann hat recht. Ist leider so. Bei Golfspielern leidet der Rücken, bei Tennisspielern die Schulter, bei Fußballern die Knie. Dafür geht es mir ganz gut. Schauen Sie meine Hände und Knöchel an, picobello wie bei einem Klavierspieler.

Stimmt. Nur in Ihrem Kiefer sind zwei Titanplatten und 22 Schrauben.

Die stören mich nicht. Ich bin damals nach dem Kampf in die Kabine, die sagten, leg dich hier mal hin, hab ich gemacht, da kam einer mit ’ner Spritze, ich fragte, was tust du da? Nix, nix, nix. Und dann bin ich langsam eingeschlafen, ich hörte im Krankenwagen gerade noch, wie meine Fans Arthur, Arthur, Arthur brüllten, aufgewacht bin ich am nächsten Tag im Krankenhaus. Was ist denn?, meinte ich. Sie haben dich operiert, war die Antwort. Alle waren traurig, mein Manager, mein Trainer, mein Papa voll traurig. Die waren mehr k.o. als ich. Ich hab sie dann alle aufgemuntert: Hey Leute, was habt ihr denn, seid glücklich! Schlimm wäre doch nur, ich hätte den Kiefer gebrochen und auch noch gegen diesen Affen verloren. Ich bin Weltmeister!

Und das ist erstaunlich, denn als Jugendlicher waren Sie Radsportler.

Ich war in Franken und Bayern Meister meiner Altersgruppe, doch ich fühlte, ich habe nicht das Talent zur Weltklasse. Außerdem, jeden Tag 120 oder 180 Kilometer alleine radeln ist nicht schön. Ich fing an zu boxen, ein kleiner Verein, ETSV 1930 in Bamberg, direkt hinter einer Kneipe. Ich war nach zwei Jahren Deutscher Meister, ich habe alle weggeräumt. So was passiert selten.

Als Sie 15 waren, kamen Sie mit Eltern und Bruder aus Armenien nach Bamberg, Schreinerlehre, Realschule, mit 19 gingen Sie für zwei Jahre zurück, um Militärdienst zu leisten, Sie hießen Avetik Abrahamyan. Inzwischen haben Sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Die „FAZ“ sieht Ihr Leben so: „Vom Asylbewerber zum Millionär.“

In der Schreinerei habe ich nur zwei Jahre gelernt, meine Hände sind nicht so geschickt. Ich habe einem aus der Verwandtschaft geholfen, Möbel tragen und so. Also meine Eltern haben für mich und meinen Bruder schon sehr hart gekämpft im Leben, wir hatten ja riesengroße Probleme am Anfang. Als ich mit 23 Jahren wieder nach Deutschland kam, hatte ich keine 50 Euro in der Tasche.

Waren Sie unglücklich?

Glücklich war ich, aber nicht zufrieden. Glücklich, weil ich war gesund. Unzufrieden, weil ich das Luxusleben liebe, ich liebe es auch, mich dafür zu schinden. Ich habe gesagt, ich will Profi werden. Mein erstes Sparring war mit Sven Ottke, ich habe 75 Euro verdient, ich war furchtbar aufgeregt, meine Turnschuhe kosteten 14 Euro und waren schwer. Die hab ich nicht weggeschmissen, ich sammle alles für mein Museum.

Der legendäre Schwergewichtler Jack Dempsey sagte: „Ich kämpfe nur wegen des Geldes.“ Sie auch?

Erst mal denkt man an Erfolg, einen sportlichen Traum: Weltmeister werden! Jeder Mensch hat doch solche Ziele, sonst braucht er nicht zu leben, denke ich. Meine letzte Börse war siebenstellig, also sechs Nullen dran, ich habe bis heute nicht auf meinen Kontoauszug geguckt. Bis heute nicht! Ja, meine Kreditkarten müssen funktionieren, aber ich denke nicht den ganzen Tag, oh, ich hab so viel Geld. Ich habe es, und das ist eine gute Sache. Nur dürfen Sie nicht vergessen: Ehe ich 2005 Weltmeister wurde, habe ich 1500 Euro im Monat gekriegt, ich bin mit der U-Bahn ins Training gefahren.

Sie wollen 50 Millionen Euro auf dem Konto …

… weil ich damals nicht mal 50 Euro hatte, verstehen Sie? Deswegen die Zahl 50 Millionen. Das ist mein Ziel.

Und, sind Sie noch weit davon weg? Sie lächeln so.


Ein bisschen, aber nicht zu weit. Ich schaffe das.

Sie leben in einer Villa im Dahlem, Sie fahren Ferrari und tragen Maßanzüge …

… aber keinen Schmuck, schauen Sie mich an, meine Finger, meine Handgelenke, meinen Hals, kein Schmuck, nirgends! Und warum? Ich bin ein Mann und kein Christbaum, ich behänge mich nicht mit Glitzersachen.

Trotzdem: Warum zum Teufel lassen Sie sich weiter auf die Nase hauen?

Ja, ich habe ausgesorgt, ich könnte aufhören. Ich verrate Ihnen das Geheimnis: Ich bin süchtig nach Sport, es ist ein Rausch. Ich freue mich, in die Halle zu gehen und 14 000 Menschen jubeln für mich, nur für mich. So ein Gefühl kann sich kein Milliardär kaufen. Ich bekomme Gänsehaut, ehrlich. Bei meinem letzten Kampf in Berlin schwebten wir von der Hallendecke runter, und ich sage zu meinem Trainer in dem Moment, Trainer, sage ich, ist das nicht total geil, die sind alle für uns da und klatschen, 14 000, so viele. Diese Gefühle sind schön.

Noch schöner ist sicher, wenn Sie nach dem Kampf auf die Seile steigen, die Arme in die Höhe recken und sich von den Fans als Sieger feiern lassen.

Nein, nein, das Reinlaufen ist viel toller. Nach dem Kampf bin ich fertig, müde, da habe ich diese Atmosphäre auch schon eine Stunde gespürt. Beim Hereinkommen ist alles so frisch.

Ihr Selbstbewusstsein ist gigantisch. Nelson Mandela hat selbst geboxt und dabei begriffen: „Boxen lehrt dich, dass man sich nie zu sicher sein soll.“

Ja, 100 Prozent richtig. Keine Sekunde darfst du die Wachsamkeit verlieren. Sechs Sekunden vor Schluss habe ich Taylor umgehauen, sehen Sie, der dachte, der Kampf ist vorbei. Vor allem als junger Boxer macht man diesen Fehler, man schlägt drauf, bum, bum, bum – und erkennt die Gefahr nicht.

Ihre rechte Faust soll eine Schlagkraft von 380 Kilo haben. Wie, bitte, misst man so etwas?

Am Olympiastützpunkt gibt es eine Maschine mit Computer, da haut man drauf und kann die Schlagkraft ablesen. Das Gerät addiert auch ganze Schlagserien – links, rechts, links, rechts – in ein Punktesystem, mein Rekord liegt bei 1634. So viel hat kein anderer Boxer geschafft in den vergangenen 20 Jahren. Gut, was?

George Foreman galt lange als unbesiegbar, dann verlor er gegen Muhammad Ali in Kinshasa. Foreman erzählte uns mal, er sei in eine zweijährige Depression versunken: „Ich war entmannt worden, ich konnte keine Frauen mehr anfassen.“

Ich denke nicht ans Verlieren. Ich lasse solche Gedanken nicht in meinen Kopf. Aber ich kann Foreman verstehen, es wäre bei mir vielleicht sogar schlimmer. Nur zwei Jahre ohne Frau, glaube ich, halte ich es nicht aus.

Wie würden Sie eigentlich einem, der nie einen Boxkampf gesehen hat, diese Sportart erklären?

Oh! Ich würde sagen, beim Boxen messen zwei mutige Männer ihre Kräfte, nach klaren Regeln, ohne Hilfe. Der Stärkere gewinnt, und er ist immer auch der Klügere. Die Dummen sind nicht stark, die haben Muskeln wie ein Bär und trotzdem keine Chance. Denn der Kopf ist das A und O.

Der Philosoph Sloterdijk sagt, „Boxen ist die Ermittlung des Unterschieds zwischen Liegen und Stehen.“

Quatsch. Quatsch! Damit bin ich nicht einverstanden. Was ist denn, wenn am Ende keiner daliegt?

Ärgert Sie’s, wenn Sie hart treffen und der Gegner fällt nicht?

Früher hat es mich wild gemacht. Ich habe dann wie verrückt draufgehauen. Heute sage ich mir, nur Geduld, Arthur, nichts überstürzen.

Sind Sie durch Schläge oder durch Worte leichter zu reizen?

Nicht versuchen jetzt, ja? Nicht beleidigen. Ich bin sehr empfindlich. Sonst … Ha, ha, war nur ein Spaß.

Herr Abraham, was so gar nicht zu Ihrem Beruf und Image passt: Wir haben gehört, Sie lieben Erdbeeren, Orchideen, Klassik...


… und was passt da nicht? Wenn ich morgens aufwache, höre ich klassische Musik bis ich mit dem Training beginne, und abends auch. Müssen Sie mal versuchen: Bei Beethoven und Bach kann man sich wunderbar entspannen. Jetzt muss ich aber los …

(Abraham versucht, in sein eng geschnittenes Jacket zu schlüpfen, er kommt nicht in die Ärmel.)

Dürfen wir Ihnen beim Anziehen helfen?

Danke, danke. Mir tut vom Krafttraining jeder Muskel weh, die Schulter ist ganz steif. Es ist schon eine furchtbare Quälerei.

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