Interview : "Ein gewisser Schwund ist da"

Der Berliner Bischof Markus Dröge über Glaube und Naturwissenschaften.

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Markus Dröge (55) ist seit November 2009 Bischof der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Foto: Mike...

Was ist Wirklichkeit? Gibt es einen Unterschied zwischen der Wirklichkeit des Glaubens und der Wirklichkeit der Naturwissenschaften?

Ich gehe davon aus, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, aber unterschiedliche Zugänge. So erleben Trauernde die Welt anders als Liebende. Und die Naturwissenschaften haben eine spezielle Sicht der Dinge. Sie entwerfen eine Versuchsanordnung mit einer ganz besonderen Fragestellung und wollen hervorholen, was ihrer Fragestellung entspricht. Der Glaube hat sozusagen eine andere Versuchsanordnung. Er fragt nicht, bei wie viel Grad kocht das Wasser? Sondern: Worauf kann ich meine Existenz begründen?

Gibt es eine Verbindung zwischen den beiden Wirklichkeiten?

Es gibt Analogien. Naturwissenschaftler entdecken die Komplexität und Schönheit von biologischen Zusammenhängen. Gläubige Menschen sagen, wie wunderbar, dass Gott die Welt geschaffen hat. Damit bringen sie etwas Ähnliches zum Ausdruck: Es ist eine wunderbare Ordnung hinter dem, was ich erkenne. Oder nehmen wir Jesu Naturgleichnisse. Er spricht davon, dass das Reich Gottes sich so entwickelt wie das Senfkorn. Das heißt nicht, dass Gott das Senfkorn ist. Aber ich kann mir vorstellen, wie Gott wirkt, analog zu dem, was ich in der Natur beobachte.

Sie sagen, Gott hat die Welt erschaffen. Ist der Begriff „Schöpfung“ nicht obsolet? Weil er impliziert, dass alle Arten auf einmal geschaffen wurden. Das hat die Evolutionstheorie widerlegt.

Auch in der Theologie wird dieser statische Schöpfungsbegriff nicht mehr vertreten. Theologen versuchen heute, sich Gott als eine schöpferische Kraft vorzustellen, die in der Evolution wirkt.

Aber man braucht ihn nicht, um den Prozess der Evolution zu verstehen.

Naturwissenschaftler brauchen ihn nicht. Aber niemand ist nur Naturwissenschaftler. Jeder interessiert sich auch für ethische und existenzielle Fragen: Wie verhalte ich mich zu dieser Umwelt? Warum bin ich auf der Welt? Wenn ich mich mit solchen Fragen auseinandersetze, liegt die Frage nach Gott nahe.

Gedanken entstehen durch die Aktivität von Nervenzellen, sagen Hirnforscher. Wo ist da noch Platz für Gott?

Wir können beobachten, was im Körper passiert, wenn der Geist denkt. Aber die Verbindung zwischen der geistigen und körperlichen Welt ist mit dem Philosophen Descartes auseinandergefallen.

Viele Hirnforscher bezweifeln, dass es diesen Dualismus von Leib und Seele gibt. Leib und Seele sehen sie als Einheit.

Aber es ist unredlich, den Schluss zu ziehen, weil im Körper etwas passiert, wird das Denken determiniert. Denn die Zusammenhänge zwischen Geist und Körper sind nicht wirklich wissenschaftlich entschlüsselt. Wenn ich etwa das Phänomen Angst verstehen will, kann ich zwar analysieren, wie es zu Schweißausbrüchen kommt. Damit habe ich aber noch nicht das existenzielle Phänomen der Angst erklärt. Gott suche ich da, wo es Dinge gibt, die ich nicht letztlich erklären kann, von denen ich aber doch spüre, dass sie eine Wirkung haben. Gott ist das Geheimnis der Welt, der tiefe Urgrund der Wirklichkeit.

Ist das nicht eine Art „Schwundform“ von Gott? 99 Prozent der Welt lassen sich mit naturwissenschaftlichen Methoden erklären. Wir schieben Gott immer weiter dahinter zurück, in ein mysteriöses Jenseits des Erklärbaren.

Ein gewisser Schwund ist natürlich da, wenn ich Gott in dem suche, was naturwissenschaftlich erklärbar ist. Wenn die Leute früher glaubten, Gott ist da, wenn es donnert, so wissen wir es heute besser. Der Wirklichkeit Gottes tut das aber keinen Abbruch. Denn das war ein Verständnis von Gott, auf das ich verzichten kann. Ich möchte unterscheiden zwischen der Wirklichkeit Gottes an sich, die ich nur partiell verstehen kann. Und den Gottesvorstellungen andererseits, die von Menschen gemacht sind und sich wandeln. Die Erkenntnis greift nicht die Wirklichkeit Gottes an, sondern zerstört nur bestimmte Gottesbilder.

Wie kann ich sicher sein, dass es Gott gibt?

Wir müssen unterscheiden zwischen Sicherheit und Gewissheit. Sicherheit ist das, was ich mit naturwissenschaftlicher Methodik erreichen will. Gewissheit ist das, was ich mir durch Erfahrungen aneigne. Die Religionsgeschichte ist voller Gotteserfahrungen. Ich taste mich voran und allmählich entsteht eine innere Gewissheit.

Man kann sich der Existenz Gottes also nicht sicher sein, sondern nur gewiss?

Man kann die Existenz Gottes nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen. Wir denken in Raum und Zeit. Gott soll unendlich und ewig sein. Deshalb kann ich Gott mit menschlichem Denken nicht erreichen.

Einige Wissenschaftler behaupten, sie hätten ein Gottes-Gen gefunden. Andere nehmen an, dass der gemeinsame Glaube einen Überlebensvorteil einer Gemeinschaft bedeutet. Ist Religion eine anthropologische Konstante? Ist der Mensch also zwangsläufig religiös?

Die These vom Gottes-Gen finde ich interessant. Sie weißt darauf hin, dass es im Menschen schon immer eine Sehnsucht nach Gott gegeben hat. Vieles im Glauben von Menschen ist natürlich Projektion. Aber es muss doch eine Wirklichkeit geben, die solche Projektionen hervorruft. Diese Offenheit des Menschen für etwas, das über ihn hinausgeht, nehme ich als ein Indiz, dass da auch etwas ist. Sehnsucht wird ja durch etwas geweckt.

Besonders im angelsächsischen Raum gibt es Studien darüber, wie sich Religiosität auf die Gesundheit auswirkt. Was halten Sie davon?

Es ist etwas Wunderbares, wenn Menschen erleben, dass sie aus ihrer Gewissheit Kräfte entwickeln können, die heilen. Das versucht auch die Krankenhausseelsorge anzustoßen. Natürlich kann es umgekehrt zu psychischen Deformationen kommen durch fehlgeleitete Glaubensvorstellungen, die Zwänge und Ängste auslösen. Doch solche Vorstellungen widersprechen der Botschaft von der Liebe Gottes, die ich als Christ vertrete.

Markus Dröge (55) ist seit November 2009 Bischof der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Mit ihm sprachen Claudia Keller und Hartmut Wewetzer.

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