INTERVIEW : „Es wäre bescheuert, Straftäter einfach in ihr Milieu zurückzulassen“

Herr Goll, was läuft falsch im deutschen Jugendstrafrecht?

Die Länder handhaben das ja sehr unterschiedlich. Wichtig ist: Jugendliche müssen, wenn sie Grenzen überschreiten, eine Antwort erhalten. Das Schlimmste ist, wenn nichts passiert. Und wir müssen das Signal vermeiden, dass man zwischen 18 und 21 noch nicht ganz zur Verantwortung gezogen wird. Seit Jahren kämpfe ich dafür, dass das Erwachsenenstrafrecht ab 18 gilt. Wir können 18Jährige nicht Autos und Häuser kaufen lassen und so tun, als wären sie strafrechtlich nicht vollzunehmen. Man muss beides machen: Mit Sanktionen drohen und Chancen bieten.

Bei Ihnen gibt es bereits das, was jetzt viele in der Union fordern: Erziehungscamps für jugendliche Straftäter …

Das Wort Camp haben wir aus gutem Grund vermieden. Wir machen mit ihnen ein einjähriges soziales Intensivtraining. Dazu gehört viel Sport und auch die Auseinandersetzung mit der Tat. Die Jugendlichen werden gefordert von morgens bis abends. Und wer etwas falsch macht, fällt erbarmungslos zurück. So lernen sie das Nötigste an Ordnung, Tagesstruktur, Einsicht in Regeln. Ein Fünftel schafft das nicht. Wer aber durchhält, bekommt einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz, so dass er wieder mit einem Bein drin ist in der Gesellschaft.

Und was geschieht mit den anderen?

Um die kümmern wir uns auch in den Monaten nach der Haftentlassung ganz gezielt. Das ist ja die nächste Risikostelle. Jemanden einfach in sein Milieu zurückzulassen, wäre total bescheuert, weil der Vollzug Riesenaufwand betreibt, um die Jugendlichen daraus zu lösen und ihnen etwas wie Struktur, Regeln und Moral beizubringen. Ohne Hilfe bricht das in den ersten Wochen wieder zusammen.

Stimmt es, dass die SPD nötige Änderungen im Jugendstrafrecht blockiert hat oder ist das bloß Wahlkampf?

Es ist vor allem Wahlkampf. Bei der Anwendung des Erwachsenenstrafrechts für über 18-Jährige aber hat Roland Koch recht. Diese Forderung schaffte es trotz mehrerer Initiativen aus Baden-Württemberg nicht in die Koalitionsvereinbarung. Und das liegt ganz klar an der SPD.

Ulrich Goll (FDP) ist Justizminister und Vizeregierungschef von Baden-

Württemberg.

Das Gespräch

mit ihm führte

Rainer Woratschka.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar