Interview : "Ich habe meine Angst verloren"

Sabriye Tenberken, 37, erblindete als Kind. Mit ihrem Freund ging sie nach Tibet, gründete dort das erste Blindenzentrum und entwickelte eine tibetische Blindeschrift; sie erhielt das Bundesverdienstkreuz. Nun läuft "Blindsight" an: Der Film zeigt, wie sie mit blinden Kindern einen Berg im Himalaya besteigt.

Sabriye Tenberken
Sabriye Tenberken. -Foto: Wolff

Frau Tenberken, welche Farbe hat der heutige Tag?

Die 13 ist rosa. Der Januar ist eher grau-weiß, und Sonntage sind ziemlich weiß, also ein heller Tag, nicht ganz weiß, eher ein helles Eierschalen- Weiß. Der 13. Januar ist also hellrosa.

Sie sind seit 25 Jahren blind. Trotzdem sagen Sie, dass Sie ein visueller Mensch sind.

Für mich haben Zahlen Farben: Vier ist goldgelb, Drei eher rot, Neun ist dunkelrot. Diese Art der Visualisierung von abstrakten Dingen nennt man Synästhesie, das ist eine angeborene Fähigkeit. So merke ich mir Telefonnummern und Geburtstage. Außerdem habe ich die Bilder aus der Zeit vor meiner Erblindung nicht vergessen. Ich denke in Farben und stelle mir konkrete Situationen vor.

Als Sie neun Jahre alt waren, sind Sie durch eine Erkrankung langsam erblindet. Hatten Sie Angst?

Ich hatte Angst vor der Reaktion der Leute. Angst, allein zu sein, nicht mehr ernst genommen zu werden. Nicht vor dem Nichtsehen. Als ich sehen konnte, habe ich mir Blindheit als Dunkelheit vorgestellt, und als ich dann wusste, dass ich erblinde, habe ich auf die Dunkelheit gewartet. Aber es wurde nie dunkel.

Was sehen Sie jetzt?

Ich sehe, wie Sie mir gegenübersitzen, mit Ihren kleinen Kassettenrekordern. Sie haben einen blonden Pferdeschwanz, und Sie tragen das Haar offen. Ob das jetzt stimmt, sei dahingestellt. Ich habe auch ein Jahr lang gedacht, dass mein niederländischer Lebensgefährte Paul schwarze Haare hat. Dabei ist er blond.

Waren Sie enttäuscht?

Ein bisschen. Ich stehe auf schwarze Haare.

In Tibet haben alle Menschen schwarze Haare. Sie haben Tibetisch in Bonn studiert und leben heute in dem Land. Wie kamen Sie darauf?

Ich war auf der Suche nach einem Land, das mich interessiert. Dann besuchte ich mit anderen Schülern eine Ausstellung über Tibet. Und ich habe danach das Gefühl gehabt: Tibet klingt wild, nach einer Herausforderung. Da wollte ich hin.

Eine Herausforderung war auch Ihr jüngstes Projekt: der Film Blindsight, in dem Sie mit sechs Kindern aus Ihrer Blindenschule auf den Lhakpa Ri steigen, einen Nebengipfel des Mount Everest, der über 8000 Meter hoch ist. Wie konnten Sie sicher sein, nicht in einen Abgrund zu stürzen?

Ich hatte zwei Teleskop-Trekkingstöcke, mit denen ich den Raum vor den Füßen fühlte: Hier geht es runter, da geht es runter. Dann kann ich dazwischen einen Schritt setzen.

So eine Besteigung ist schon für Sehende nicht gerade ungefährlich.

Der Lhakpa Ri ist nicht schwer zu besteigen, nur die Höhe ist sehr problematisch. Unsere Kinder sind Kinder des Himalaja, und ich finde es wichtig, dass sie lernen, wie man sich in dieser Umgebung bewegt. Ein blindes Kind in Berlin kann man auch nicht einsperren. Es muss lernen, mit dem gefährlichen Straßenverkehr klarzukommen.

Bekommen Sie Höhenangst?

Man kriegt nur Höhenangst, wenn man Zeit hat, sich auf die Höhe zu konzentrieren. Aber ich muss ständig auf meine Füße achten: Ist der Untergrund fest oder schlammig, Schnee, Eis oder Geröll? Und auf die Ohren: Jeder Blinde hatte ja einen sehenden Begleiter, bei mir war das Paul, und an seinem Rucksack hing ein Glöckchen, das mir die Richtung anzeigt.

Da müssen Sie dem Vordermann ja eine ganze Menge Vertrauen entgegenbringen.

Klar, wenn er einen Abgrund runterspringen würde, dann spränge ich hinterher im Glauben, es ginge nur eine Stufe hinunter. Aber er wäre ja blöd, das zu tun. Als Blinder muss man sowieso Vertrauen haben. Wir haben bei uns zum Beispiel eine sehr gefährliche Straße, da rasen die Autos mit 100 Sachen. Ich sage den Kindern: Keine Angst, die Leute helfen euch rüber.

Wie merken Sie, dass Sie jemandem vertrauen können?

Ich vertraue so ziemlich jedem. Das geht sogar so weit, dass ich beim Bezahlen das Portemonnaie offen hinhalte und sage: Such dir raus, was du brauchst. Die Leute sind so überrascht über dieses Vertrauen, dass sie es nicht missbrauchen. Wenn du dich als blinder Mensch mit Selbstverständlichkeit bewegen willst, führt Misstrauen zu nichts.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, mit den blinden Kindern auf einen Achttausender zu steigen?

Das war nicht meine Idee. Ich hatte den Kindern von Erik Weihenmayer erzählt, einem Amerikaner, der als erster Blinder den Mount Everest bestiegen hat. Die Kinder bewunderten ihn, und ich habe ihm eine E-Mail geschrieben. Er war begeistert von unserer Blindenschule und hat uns die Besteigung des Lhakpa Ri und die Verfilmung vorgeschlagen.

Einige der Kinder mussten früher runtergehen, weil sie höhenkrank wurden, bis zum Gipfel hat es niemand geschafft.

Dass wir abbrechen mussten, lag am Wetter. Der Film verschweigt übrigens, dass auch die Sehenden Schwierigkeiten mit der Höhe hatten – Paul musste früher runter, auch die Regisseurin. Das wäre doch eine schöne Nebenbotschaft gewesen: Der Berg macht keinen Unterschied, ob man sehen kann oder nicht.

Waren die Kinder enttäuscht? Schließlich war der Gipfel das Ziel.

Ich hatte eher den Eindruck, Erik und die Bergführer waren enttäuscht. Ihnen ging es anfangs mehr um das sportliche Ereignis als um das Team. Als wir darüber diskutierten, ob wir weitergehen oder absteigen, war ich mir gar nicht mehr sicher: Geht es hier um die Kinder? Oder ist das alles Eriks PR-Show? Aber diese Diskussionen machen den Film spannend, das Thema ist nicht eine Bergbesteigung, sondern ein grundlegender Konflikt: Was ist wichtig im Leben? Was bedeutet Erfolg? Müssen wir ganz oben stehen, als Symbol? Oder gibt es Sachen, die viel wichtiger sind: Zusammenhalt, das Verständnis, dass wir in einem Team alle gleichberechtigt sind. Dass wir Freunde sind.

Der Gipfel war Ihnen also nicht wichtig?

Nein. Ein Gipfel ist etwas für Sehende.

Können Sie ein Bergpanorama fühlen?

Wenn jemand gut beschreiben kann, genieße ich den Ausblick sehr. Paul ist leider nicht so ein guter Beschreiber, er ist zu sehr mit dem Gucken beschäftigt.

Stört es Sie, dass Tibet wahrscheinlich anders aussieht, als Sie es sich vorstellen?

Ich bin eher weniger enttäuscht als Sehende. Die reisen mit starken Bildern im Kopf nach Tibet, die sie aber dort nicht finden. Ich habe meine Vorstellungen, aber ich merke nicht, dass sie falsch sind. Ich höre, ich rieche. Und ich glaube, dass ich manchmal offener bin für das, was wirklich da ist.

Und nach was riecht Tibet?

Zunächst mal gar nicht, weil es so hoch liegt. Es ist zu kalt, es gibt zu wenig Sauerstoff, deshalb bilden sich nur wenige Bakterien, die riechen würden. Aber dadurch, dass es keinen Grundgeruch gibt, drängeln sich andere Gerüche vor: Wenn ich an einem Tempel vorbeikomme, ist da so ein leicht ranziger Buttergeruch, der kommt von den Butterlampen, in denen die Butter jahrelang drinsteckt. Und der Weihrauch, der einem den Atem nehmen kann. Es gibt kleine Straßen, die wie eine öffentliche Toilette riechen. Man kann sich wirklich mit der Nase durch Lhasa bewegen. Das machen die Kinder aus unserer Blindenschule auch.

Lernen sie das von Ihnen?

Ich sage ihnen: Achtet auf das, was ihr fühlt, hört und riecht. Man hat ja in Lhasa keine Bürgersteige wie hier. Man kann nicht mit dem Stock an der Hauswand entlanggehen, dafür ist die Stadt viel zu chaotisch. Also muss man seine Sinne benutzen. Ich frage die Kinder: Ihr müsst jetzt in die nächste Querstraße links einbiegen – wie findet ihr die? Und dann kommen Antworten wie: Die Akustik ändert sich. Vorher war neben mir eine Wand, und wenn die Gasse kommt, höre ich Menschen von dieser Seite. Oder die Gerüche ändern sich oder die Temperatur.

Die Temperatur zeigt, ob eine Querstraße kommt?

Ja, ein Windhauch kommt aus der Gasse, oder ich war im Schatten und trete in die Sonne.

Haben Sie einen inneren Stadtplan von Lhasa im Kopf, mit konkreten Häusern und Geschäften?

Jede Straße hat für mich ein festes Bild. Das ändert sich in Wirklichkeit ständig, es gibt auch Baustellen. Aber ich mache die Änderungen nicht immer mit. Wenn statt des alten Hauses ein neues dasteht, sehe ich noch das alte.

Angenommen, Sie wären einen Moment lang nicht blind, was würden Sie gern noch mal sehen?

Landschaft. Wasser würde ich gerne sehen, Licht auf Wasser, Sonne auf Wasser, Wasser in den Bergen, türkis und eisblau.

Was bedeuten Ihnen Äußerlichkeiten?

Ich finde es schon interessant, wenn jemand sagt: Der oder die sieht aber gut aus! Aber wenn ich jemanden näher kenne, spielt das keine Rolle mehr.

Ist jemand mit einer schönen Stimme sympathischer?

Das kommt vor. Aber wenn man die Stimme hört, unterhält man sich meistens, da wird gleichzeitig Inhalt transportiert. Man gibt dem anderen also mehr Zeit, als wenn man jemanden auf einer Party nur sieht und ihn nicht anspricht, weil er nicht attraktiv ist. Daher glaube ich, dass wir Blinden ein bisschen vorurteilsfreier durchs Leben gehen.

Wurden Sie viel bemitleidet, als Sie blind wurden?

Nein. Schlimm war es anfangs, so mit neun oder zehn: Im Sportunterricht wollte mich niemand im Team haben, auch einige Lehrer haben mich nicht mehr für voll genommen. Kinder können sehr gemein sein: Ach, da kannst du ruhig lang laufen, da ist nichts. Und dann falle ich plötzlich die Treppe runter. Oder man fragt nach der Butter, und sie lassen einen in Marmelade reinfassen. Oder sie fragen: Wie findest du den? Und dann sage ich meine ehrliche Meinung, und der steht direkt hinter mir.

Das ist alles passiert?

Ja, und das Schlimmste war, dass ich kein Wort für meine Situation hatte. Wenn ich zum Beispiel durch den Sandkasten gelaufen bin und einem Kind die Sandburg aus Versehen kaputtgemacht habe und dessen Mutter mich ausgeschimpft hat, dann konnte ich ihr nichts entgegenhalten. Blind, das bedeutete für mich ja damals: völlige Dunkelheit. Und ich konnte schon noch etwas sehen.

Wann hat sich das geändert?

Ich habe ein Mädchen kennengelernt, das ungefähr so viel sehen konnte wie ich, aber es lief mit einem Blindenstock rum, las ganz selbstverständlich Braille. Da habe ich gedacht: Das ist es. Blindsein bekam eine völlig andere Bedeutung. Zu sagen, ich bin blind, war für mich entspannend, plötzlich hatte ich ein Wort, was jeder verstanden hat. Wie ein Zauberwort.

Auf der Blindenschule in Marburg haben Sie dann auch das Abitur gemacht.

Ich war glücklich auf dieser Schule. Ich habe in rasender Geschwindigkeit Braille gelernt. Wenn mein Bruder abends das Licht ausmachen musste, konnte ich problemlos unter der Decke weiterlesen. Wir haben Sport gemacht: Wildwasser-Kanu. Ein unheimlich taktiler Sport, man muss mit der Hüfte die Balance halten, man spürt die Unterströmung, die Oberströmung und die Wellen. Man hört auch, ob es links oder rechts Felswände gibt.

Sie schnipsen ja mit den Fingern, wenn Sie links und rechts sagen.

Damit kriege ich ein Echo von meiner Umwelt. Auf dem Fluss zum Beispiel: Felswände haben ein viel knalligeres Echo, fast wie eine Höhle. Bewaldete Felswände haben so gut wie kein Echo, Wald überhaupt keins. Wenn sich das Ufer öffnet, höre ich das. In einem Raum höre ich durch das Schnipsen Treppen oder auch Bilder an den Wänden.

Was genau hören Sie?

Der Schall ist nicht so crisp. Ich kann manchmal hören, wie spießig eine Wohnung ist: Eine bürgerliche Wohnung klingt eher dunkel und dumpf, weil der Schall abgepolstert wird. Und sie riecht nach echtem Leder, nicht nach Kunstleder und nach Büchern, manche haben einen leichten Pfeifen- oder Zigarrengeruch. Viele haben auch antike Möbel, das hat dann etwas Süßlich-Muffiges.

Wie haben Sie Tibetisch gelernt?

Mit einem Optacon. Das ist ein kleines Lesegerät mit einer Kamera, das man mit der rechten Hand über ein Buch oder was auch immer führt. Alles, was schwarz auf weiß gedruckt ist, wird in Impulse umgewandelt: Der linke Zeigefinger steckt in einem Gerät, in dem kleine Nädelchen von unten hochschnellen, immer hoch und runter, wie ganz sachte elektrische Stromschläge.

Das Gerät fährt also über ein „O“ und die Nadeln sticheln ein „O“ in Ihren Finger?

Genau. Die tibetischen Zeichen sind zum Teil aufeinandergestapelt, da muss ich genau gucken.

Wenn Sie die Wahl hätten, sehen zu können oder blind zu sein, wofür würden Sie sich entscheiden?

Ich weiß nicht. Dadurch, dass ich etwas verloren habe, habe ich auch vieles gewonnen: Ich kann mich sehr lange stark konzentrieren. Und ich habe meine Angst verloren. Wenn man sehen kann, sieht man ein Problem, eine Sackgasse, und denkt: Da geht es nicht weiter. Ich habe diese Vorhersicht nicht, ich lasse mir Zeit und stelle mich ganz anders auf Leute und Probleme ein. Aus der Ferne scheinen Probleme manchmal unlösbar. Und wenn man davorsteht, dann begreift man erst: Hier ist eine Lücke, da kann ich durch.

Ihr Vorname Sabriye kommt aus dem Türkischen und bedeutet Geduld. Finden Sie das passend?

Eigentlich nicht. Ich habe ständig neue Ideen, und wenn Menschen sich stur stellen, werde ich ungeduldig. Wenn man Geduld mit Zähigkeit gleichsetzt, passt es besser. Aber mein Name kann auch „Stachelfrucht“ bedeuten. Die ist innen süß und außen stachlig. Ich finde, das passt viel besser.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben