Interview : „Ich verurteile niemanden“

26.08.2012 00:00 Uhrvon
Funny van Money promo
Funny van Money - promo

Montags war sie immer zu kaputt zum Studieren, denn am Wochenende tanzte sie in Stripteasebars. Funny van Money hat über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben.

Funny, Sie haben Ihr Studium der Kulturwissenschaften mit Tabledance finanziert. Für was bezahlen die Gäste dabei eigentlich?

Gute Frage. Oft bekommt man für das gleiche Geld im Bordell einen Quickie. Manche Männer wissen nicht, was Tabledance ist, und sitzen dann etwas verzweifelt im Private Dance, im Separée.

Wikipedia definiert Tabledance als eine „in Nachtclubs etablierte Form des erotischen Tanzes ... auf einer Bühne oder einem Tresen, oft ausgestattet mit einer senkrecht verlaufenden sogenannten Tanzstange als Requisit.“

Man könnte auch sagen: Ich verkaufe sexuelle Versprechen, die nicht erfüllt werden.

Gemein.

Es geht nicht um direkte Triebabfuhr. Es ist komplexer. Tabledance ist eine Mischung aus Reizen, Verführung und sozialer Arbeit. Die Gäste wollen Aufmerksamkeit, Unterhaltung, sich begehrt fühlen. Ich baue eine Illusion auf, die den Gast persönlich bestätigt.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie Männer dazu bringen, für Getränke, ein Gespräch oder einen Tanz zu bezahlen, obwohl sie mit Körbchengröße A nicht die ideale Stripperinnenfigur haben.

Ich gehe ohne Wertung auf den Mann zu. Das ist mein „humanistisches Menschenbild“. Ich verurteile niemanden dafür, dass er in den Club kommt. Ich habe sogar besonders viel Sympathie für ihn. Wer da hingeht, gibt ein Bedürfnis zu.

In dem Film „From Dusk Till Dawn“ gerät ein Mann außer sich, weil er am Zeh von Salma Hayek lutschen darf. Solche Strategien funktionieren?

Es gibt nichts, was immer funktioniert. Wobei Tricks beim unkritischen Tabledance-Publikum helfen: falsche Wimpern, High-Heels, lange blonde Haare – und die Männer wissen, dass sie angesprochen werden. Woher kommst du, was machst du, hast du Lust, was mit mir zu trinken? Dann frage ich weiter zu seiner Person oder erzähl ihm was Lustiges.

Interessiert Sie das in dem Moment?

Wenn ich Geld verdienen will, darf es mir darum nicht gehen, aber es kommt vor, dass mich einer interessiert. Irgendwo lutschen lassen ist aber nicht drin. Es gilt: Nicht anfassen.

Manche holen dennoch ihren Penis raus.

Das kommt seltener vor, als man denkt. Wenn doch, kann ich den Türsteher alarmieren. Ich habe mich immer sicher gefühlt. Das Schlimmste war, als mich einer richtig fest in den Nippel biss. Ich habe ihm eine runtergehauen.

Sie haben in 13 Clubs in Deutschland gearbeitet. Was hatten diese gemeinsam?

Es gibt immer eine Bühne mit Stange, eine Bar, an der meistens der Chef sitzt. Man braucht kleine abgetrennte Räume, zu denen man schnell Zugang hat, für die Private Dances. Eine Art Kajüte mit Vorhang oder Glitzerfäden. Und natürlich Plastikpalmen.

Weil sie phallisch aussehen?

Es geht wohl um den Sehnsuchtsmoment. Wenn man an was Schönes denkt, denkt man an Strand und Palmen. Manche Clubs wollen mit wenig Aufwand Geld machen, deshalb sind Lichterketten oder schummrige Beleuchtung von Vorteil. Es fliegt halt schnell ein Champagner um, bei Bühnenshows gibt’s Gimmicks wie Wachs oder Sahne.

Wie läuft so eine Show ab?

Bei Junggesellenabschieden versucht man eine Geschichte zu erzählen, in den üblichen Kostümen: Polizistin, Stewardess, Countrygirl. Oder Domina. Da ziehe ich mir was aus schwarzem Lack an, bringe brennende Kerzen und Peitschen auf einem Tablett mit. Dann trete ich zu düsterer Musik und Nebel selbstbewusst auf, befestige den Junggesellen mit Handschellen an der Stange.

Ihr Ziel ist es, möglichst viele Dollar, das Spielgeld in solchen Clubs, zu verdienen.

Ich ziehe mich so an, dass überall Scheine hinpassen, ist ja klar. Strings mit vielen Bändchen eignen sich. Ich kann den Gast mit seinem Geld präparieren, ihm die Scheine in Mund, Hosenbund, und zwischen die Finger stecken und sie ihm dann mit meinem Mund oder meinen Brüsten abnehmen.

Im Film „Pretty Woman“ rettet Richard Gere Julia Roberts aus einem Etablissement. Ein Klassiker?

Die Männer sagen oft: Willst du das hier ewig machen? Du bist zu gut für diesen Ort! Oder sie entschuldigen sich die ganze Zeit. Einmal habe ich einen Professor getroffen, der doch hätte wissen müssen, dass das eine durchdachte Inszenierung von mir ist. Auch er konnte nicht trennen und dachte, ich sei verfangen.

Und viele wollen Ihren echten Namen wissen.

Ich nenne das die Sehnsucht nach Eigentlichkeit. Der Gast will nicht einer von vielen sein. Das ist ja die Illusion, die ich verkaufe: Ich schaue nur ihn an, wende meinen Körper ihm zu. Oft fragt er, ob ich einen Freund habe oder nach meiner Telefonnummer. Ich halte ihn hin: Lass uns erst mal was trinken. Meine echte Nummer gebe ich nie raus. Das ist eine der Regeln. Und sich nicht anfreunden. Dann kommen die Gäste nicht mehr in den Laden.

Das erste Mal nackt tanzen, wie war das?

Es war mir auffallend wenig peinlich. Ich mag FKK, das war eine gute Voraussetzung. Zu Hause hatte ich ein supersexy Oberteil ausgewählt – dachte ich. Dünner Stoff, weiter Ausschnitt. Mein Chef sagte: Du kannst doch nicht im Pullover auftreten. Aufgeregt war ich nur, weil ich nicht wusste, wie ich die Stange in den Tanz einbeziehe. Es war Lampenfieber, keine Scham.

Heute beherrschen Sie den Stangentanz.

Meine Lieblingsfiguren sind die mit maximalem Effekt und minimalem Aufwand. Ich klettere die Stange hoch, dafür sind Lackstiefel super oder trockene Haut für den Halt. Man kann sich auch einen Kleister anrühren: Rasierschaum mit Spiritusreiniger, das klebt. Stange zwischen die Oberschenkel klemmen, mit einer Hand loslassen und sich in den rechten Winkel zur Stange legen. Sieht akrobatisch aus, ist aber einfach. Man trägt mal blaue Flecken davon, einmal hatte ich eine Verbrennung am Oberschenkel.

Woher wissen Sie, welcher Gast wie viel für so eine Show springen lässt?

Es gibt Anhaltspunkte: Umso älter, umso feinere Schuhe und Hemden, desto mehr Geld. Einzelne Männer sind besser als Gruppen. Da herrschen Dynamiken, keiner ist sich sicher, was die anderen der Frau oder in der Firma erzählen. Wenn ein Gast sein Bier bestellt, schaue ich ihm in den Geldbeutel, ob Scheine drin sind. Ein guter Anzug kann aber auch ein Zeichen für schlechte Chancen sein. Ein erfolgreicher Geschäftsmann kann ja draußen Frauen kennenlernen.

Sie gewöhnen sich daran, Ware zu sein. Tut es weh, wenn der Gast eine andere auswählt?

Daran kann man sehen, wie gut man den Job verträgt. Meistens denke ich: Der Nächste bitte! Manchmal passt mein Typ einfach nicht. Für mich ist das natürlich leichter als für Frauen, deren ganzes Leben aus Strippen besteht. Ich schalte freitags den Tabledance-Modus ein, Sonntag früh wieder aus, dann konzentriere ich mich auf die Uni und meine Freunde.

Wie schalten Sie diesen Modus ein?

Ich schlafe am Nachmittag zwei Stunden und präpariere mich genauso lange. Man darf sich beim Rasieren nicht schneiden, sonst kann man sich Hautkrankheiten einfangen. Deshalb imprägniere ich mich: Penatencreme gegen Hautrötungen, Body-Lotion gegen Bartstoppeln der Gäste, Hautpilzsalbe. Ich bekomme vom Tanzen Gelenkschmerzen, da hilft ABC-Salbe präventiv auf Schultern und Knien.

Und wie haben Sie ausgeschaltet, um wieder die Studentin zu werden?

Ich habe den Schweiß weggeduscht und ein Buch zum Einschlafen gelesen. Montagsseminare konnte ich aber vergessen, ich war zu kaputt.

Mussten Sie duschen, weil Sie sich beschmutzt fühlten?

Nein, ich hatte kein Problem. Ich konnte Distanz wahren. Wenn mich jemand unfreundlich behandelt hat, habe ich mich geärgert. Aber das tue ich auch, wenn mich in einem Einkaufszentrum einer anrempelt. Nur, weil ich nackt bin, bin ich nicht empfindlicher.

Es gibt ein Bild des Zeichners F. K. Wächter, wo eine Frau ihre Brüste in eine Runde gaffender Männer hält – schaut her, Brüste, das sind die Männer. Hilft dieser Perspektivwechsel als Haltung?

Sie unterschätzen, wie ironisch es beim Tabledance zugeht. Nicht nur ich nehme diese Haltung ein, die Gäste oft mit mir. Die Männer lachen mitunter über sich selbst. Das mag vor 20 Jahren anders gewesen sein. Doch die Frauen heute sind reflektiert, sie brechen stereotype Figuren beim Tanz, zeigen beispielsweise im Spaß den Mittelfinger.

Jetzt reden Sie sich den Job aber schön.

Nein. Ich habe an meinem Buch gearbeitet, lange nicht getanzt und manchmal vermisse ich es. Ich bin keine Rampensau, ich mag nur Tabledance. Ich treffe gern verschiedene Leute und höre Geschichten. Ich mag die Unverbindlichkeit, die Atmosphäre. Für mich ist Tabledance ein freier Raum, frei von moralischen Zwängen. Ich finde es sogar sympathischer als normales Anbaggern in der Disko, weil es durchschaubarer ist. Das Nicht-Authentische ist angenehm offensichtlich.

Sind Sie süchtig geworden nach Aufmerksamkeit?

Nee. Aber klar ist es gut fürs Selbstbewusstsein zu sehen, wie viel Männer bezahlen, um einen nackt zu sehen, oder auch nur, um sich mit dir zu unterhalten. Aber bei mir ist noch etwas anderes passiert. Die schiere Möglichkeit guten Umsatz zu machen, hat meine Spielerseele angeregt. Dieser money hunt ist ein Suchtmoment.

Wie viel kann man an einem Wochenende verdienen?

Es ist echte Kleinarbeit. Ich habe mir das vorher leichter vorgestellt. An einem Getränk verdient man mal ab sechs Euro und nur zehn bis 15 bei einem Private Dance. Das kann sich zu 70 Euro pro Nacht summieren oder bis zu 300.

Wenden Sie Ihre Verführungsstrategien auch im echten Leben an?

Eine Freundin sagte mal, als wir unseren alten Deutschlehrer trafen, dass ich wohl zu viel Tabledance mache, weil ich zur Begrüßung unbewusst meine Hand auf seine gelegt habe. Mir ist klar, dass die Männer mit einem bestimmten Impetus zu uns kommen. Von den Männern draußen erwarte ich etwas anderes. Ich habe durch das Tanzen an Menschenkenntnis gewonnen, aber jemanden zum Verliebtsein zu überreden, klappt nur kurzfristig.

Funny van Moneys „This Is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey“ ist gerade bei Hanser Berlin erschienen (224 Seiten, 16,90 Euro).

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