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Interview : "Meine Frau sagt öfter: Brüll mich nicht so an“

06.04.2008 00:00 UhrVon Interview: Sebastian Leber, Esther Kogelboom

Von Mariah Carey bekommt er Pickel, Windräder hasst er auch. Spaß machen H. P. Baxxter sein Jaguar, ein klopfender Specht und Wodka Red Bull.

H. P. Baxxter, 42, bürgerlich Hans Peter Geerdes, ist seit 15 Jahren Kopf der Techno-Band Scooter. Baxxter verkaufte mit Hits wie „Hyper Hyper“, „Jigga Jigga“ und „Maria (I like it loud)“ über zehn Millionen Tonträger. Der begeisterte Sammler von Oldtimern lebt in Hamburg. Heute tritt er in der Berliner Columbiahalle auf.

Sie haben ja ein Aquarium im Studio! Wir hätten eher eine Dogge oder einen Rottweiler erwartet.

Immer diese Vorurteile. Die orangefarbenen dort sind übrigens Diskusfische.

Die Glasscheiben sind vollkommen frei von Algen.

Ich tausche jede Woche das Wasser aus, immer ungefähr ein Viertel des Gesamtvolumens.

Nicht wenig Arbeit bei einem 200-Liter-Becken.

Und der Fisch mit der langen Flosse?

Das ist ein siamesischer Kampffisch. Von dieser Art darf man nur ein Exemplar ins Aquarium setzen. Zwei Männchen würden so lange kämpfen, bis einer tot ist. Dazu habe ich Neonfische, Beilbauchsalmler und unten ein paar Welse.

Hat Sie der siamesische Kampffisch zu Ihrem Hit „How much is the fish?“ inspiriert?

Nein, also wirklich nicht. Vor zehn Jahren gab es das Aquarium noch nicht.

Das Lied steht jetzt wieder auf Ihrer Setlist.

Ja, bevor wir auf Tour gehen, suchen wir uns immer ein paar ältere Sachen raus, die mittlerweile ein bisschen klöterig klingen, und entwickeln neue Versionen.

Was heißt „klöterig“?

Nicht auf den Punkt. Wir haben eine andere Bassdrum genommen und an der Rhythmik gearbeitet.

Es war lange peinlich, zuzugeben, Scooter-Fan zu sein.

Ja. Auf uns rumzuhacken, das gehört fast schon zum guten Ton. Viele hören uns trotzdem. Das geht durch alle Gesellschaftsschichten. Ich merke es an den Autogramm- oder Gästelistenwünschen. Wenn ich aus dem Flieger komme, freut sich der Zollbeamte. Oder auf einem Empfang kommt der Lebensgefährte von Klaus Wowereit und bittet um ein Autogramm. Oder Claudia Roth von den Grünen. Mia und die Beatsteaks wollen auf die Gästeliste.

Der Popkritiker der „taz“ schrieb, er zähle die Tage bis zum nächsten Scooter-Konzert.

Ich nehme an, es gibt Kritiker, die finden uns ironisch cool. Ach, ich wollte immer Musik machen, die nach vorne geht, voller Energie ist, kompromisslos, konsequent. Als ich früher von der Schule kam, hatte ich solchen Frust, dass ich mich in mein Zimmer eingeschlossen und die härteste Musik bis zum Anschlag aufgedreht habe. Danach war ich wie gereinigt. So geht es mir jetzt auf der Bühne.

Zeitungen schrieben, Sie seien „die alten Herren des Kirmestechno“, „die Gralshüter des Prollbeats“, „die Einzeller im Cyberspace“.

Man gewinnt das lieb. Wenn sich keiner mehr aufregt, hören wir auf. Wir haben ja mal das Techno- Magazin „Raveline“ verarscht, das über uns lästerte, und anonym eine Platte unter dem Titel „The Pusher“ hingeschickt. Der Track wurde bei denen Trendscheibe des Monats.

Bei Ihren Konzerten ist auf der Bühne eine Menge los. Wie erleben Sie das?

Vor allem die Kolis sind gefährlich, also die Kolosseumeffekte. Das sind diese Monsterkanonenschläge mit den Feuerfunken. Ich stehe manchmal direkt davor, aber das macht mir nichts aus.

Das muss ziemlich heiß sein.

Absolut, dazu kommt noch die Beleuchtung. Das Schlimmste an den Explosionen ist aber, dass sie Rauch erzeugen. Den hast du dann im Rachen, Heiserkeit ist ein Problem. Einmal, in Berlin, hat meine Stimme komplett versagt. Aber die Charité ist super: Der Arzt hat mir einen Wundercocktail gegeben. Ich bin wie ein Flummi durch die Stadt gesprungen. Mit der Pyro haben wir nur aus Spaß angefangen. Dann wurde daraus eine Art Wettrüsten mit Rammstein. Wobei die sich auch selbst in Brand stecken – das wäre mir zu viel.

Madonna betet, bevor sie auf die Bühne geht. Was machen Sie?

Eine Stunde vor der Show ziehen wir uns in unseren Backstage-Raum zurück. Dort sind fünf Aktivboxen, fragt mich bitte nicht, wie viel Watt die haben. Neulich in England haben die unseren Raum sogar fotografiert, so etwas hatten die noch nicht gesehen. Dazu ein paar nette Getränke …

Welche?

Ich trinke Wodka Red Bull und Ostfriesentee, für meinen Bandkollegen Rick gibt es Riesling. Wodka Red Bull – die Mischung hat sich für mich wirklich bewährt. Da ist man nach zehn Minuten topfit, egal, wie es einem vorher ging.

Schminken Sie sich selbst?

Ja. Das mache ich im Hotel. Allerdings nehme ich nur Puder und Mascara. Leider wird „Maximize“ von Dior nicht mehr hergestellt, das war die beste Wimperntusche. Früher, zur New-Wave-Zeit, hab ich mich komplett geschminkt. Dann wurde mir der Kajal im Auge zu krass.

Sie gehen also in die Parfümerie.

Natürlich. Inzwischen ist es vollkommen normal, dass Männer Kosmetik benutzen. Ich bin einfach so geprägt worden: von T-Rex, Sweet, Gary Glitter und David Bowie.

Sie sind im ostfriesischen Leer aufgewachsen. Wie war es dort Ende der 70er Jahre?

Ich habe immer gemerkt, dass ich da nicht hingehöre. Folglich entwickelte ich eine ausgeprägte Protesthaltung. In Leer aufzufallen, ist relativ leicht. Außer mir gab es noch Willi Bus, einen Punker mit Iro, und ein paar in Schwarz gekleidete New Romantics. Alle haben sich im Chimäre getroffen, einem alternativen Laden … Heute mag ich die flache Landschaft, den Dollart, hoffentlich stellen sie da nie diese schrecklichen, die Landschaft verschandelnden Windräder auf. Wirklich, da ist mir jedes Atomkraftwerk lieber. Den besten Blick über den Dollart und seinen hohen Himmel hat man von der alten Bohrinsel bei Dyksterhusen aus.

Wissen Sie, was aus Willi Bus geworden ist?

Nein. Manchmal ist es ja so, dass du bei Leuten, die früher mal ganz hart am Wind gesegelt sind, heute zu Hause die Schuhe ausziehen musst.

Sie singen nicht, Sie shouten. Das heißt, Sie schreien Befehle ins Mikrofon: Move your ass! I want to see you sweat! Woher kommt das? Sie waren gar nicht bei der Bundeswehr.

Ich wurde vom Kreiswehrersatzamt Aurich ausgemustert. Schiefe Wirbelsäule. Dazu noch ein bisschen jammern bei den Liegestützen.

Sind Sie von anderen angeschrien worden?

Höchstens von meiner Mutter, aber die ist jetzt mein größter Fan. Na ja, es kommt vor, dass ich meine Frau anschreie, die sagt dann: „Brüll mich bitte nicht so an.“

Sie haben sich angeblich viele Jahre mit Toastbrot und Lidl-Salami durchgeschlagen, bevor der Erfolg kam.

Schon während der Schulzeit wusste ich, dass ich keinen normalen Job wollte. Aber weil es mit der Musik nicht sofort zündete, habe ich erst eine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann gemacht. Dann war ich bei Edel …

… einer Plattenfirma mit Sitz in Hamburg …

… im Vertrieb. Das war zur Anfangszeit der großen Raves. Und plötzlich stand ich mit Rick, meinem Cousin Ferris und ein paar Keyboards im Studio. Einer musste der MC sein. Mir lag das.

Dann ist „Hyper Hyper“ entstanden – Ihre wohl bekannteste Nummer, in der Sie alle wichtigen DJs der Zeit grüßen. Die allerdings fanden das nicht so toll.

Das war ein Missverständnis. Man kann nicht die ganze Zeit nur „Hyper Hyper“ rufen, man braucht Text. Also ließ ich mich von dem britischen Radio-DJ Steve Mason inspirieren, der eine Sendung hatte, in der die Hörer ihre Posse grüßen konnten. So entstand Big Shout to Westbam, Big Shout to Marusha. Wir waren doch nur drei Raver und wollten uns ganz sicher nicht an die DJs ranwanzen. Die von Low Spirit …

… dem wichtigsten Techno-Label der Zeit …

… haben uns komplett niedergemacht. Dann gab es überall blöde Sprüche und schlimme Kritiken in der „Raveline“. Wir wussten überhaupt nicht, was los war.

Das muss Ihnen doch vorher klar gewesen sein.

Nein! Wir waren ja nicht die Profiproduzenten, die wir heute sind. Wir ahnten nichts, und plötzlich wurden wir auf Raves ausgelacht. Das war für mich das Ende der Ravezeit als Raver. Die schönsten Jahre waren 1992 bis 1995.

Erzählen Sie bitte, was einen Rave zum guten Rave machte.

Der Sound war ja komplett neu. Vorher sind die Leute in die Disco gegangen, und es lief eine Musikrichtung, zu der man brav getanzt hat. Mit Techno kam der Exzess, das kollektive Ausrasten. Es war Ausnahmezustand: das Licht, der Nebel, die Laser. Dabei war die Grundstimmung trotzdem friedlich. Wenn du jemandem auf den Fuß getreten hast, hat der sich entschuldigt.

Viele verkleideten sich auch.

Ich hatte so ein bestimmtes Outfit: eine Dreiviertelhose und einen Stüssy-Hut, den ich mir mit Pailletten habe benähen lassen. Dazu kam der Telefonhörer, den ich mal in einem Parkhaus von der Wand gerissen und mit einer Leuchtdiode versehen habe. Ich hatte auch ein Nebelhorn, mit dem ich tutete.

Was ist mit Staubsaugern als Accessoire?

Fand ich nicht toll. Aber mein Cousin hatte sich mal eine Schultüte irgendwie beklebt und auf den Kopf gesetzt, so wie die Pet Shop Boys in ihrer „Go West“-Zeit. Das war praktisch, so habe ich ihn immer wiedergefunden.

Welche Rolle spielte Ecstasy?

Das war überhaupt nicht mein Ding. Ich schwöre, ich würde es Ihnen sagen, wenn es anders wäre. Ich habe zu viel Respekt vor chemischen Substanzen. Nachher ist man abhängig von irgendwas.

Sie arbeiten gerade an einem Remix von „3 Tage wach“ der Band Lützenkirchen. Wann haben Sie das letzte Mal die Sonne aufgehen sehen?

Früher passierte das öfter. Aber ich habe maximal bis zum nächsten Vormittag durchgehalten. Einmal Anfang der 90er sind wir von Hannover in einem Konvoi zur Mayday nach Dortmund gefahren. Wir hatten einen Transporter voller Boxen. So konnten wir an Parkplätzen anhalten und haben voll aufgedreht, bis die Polizei kam. Dann sind wir zum nächsten Parkplatz.

Wer saß am Steuer?

Thorsten Ehlers, ein Kumpel von mir, so ein Erbsenzähler, der nie was getrunken hat und immer den Anteil des Benzingeldes bis auf einen Viertelpfennig ausgerechnet hat. Vergesse ich nie.

H. P., wie geht es eigentlich Ihren Ohren? Sie bringen es auf bis zu 130 Dezibel, das ist lauter als ein Kuss aufs Ohr.

Ich habe neulich einen Hörtest gemacht. Auf dem rechten Ohr habe ich eine kleine Einschränkung. Seit ich bei Konzerten einen Knopf im Ohr trage, ist das mit der Lautstärke nicht mehr so schlimm.

Hatten Sie nie Probleme mit Tinnitus?

Einmal hatte ich Dauerpiepen, als Jam & Spoon aufgelegt haben. Das ging von selbst wieder weg.

Was ist für Sie das schönste Geräusch, das es gibt?

Wenn du zu einem Club fährst, und du steigst auf dem Parkplatz aus dem Auto und hörst den Bass – umts, umts, umts. Du denkst, das Dach fliegt weg, aber du willst da jetzt rein. Morgens mag ich Vogelgezwitscher. Vor allem im Frühling. Ich wohne mit meiner Frau am Rand von Hamburg, direkt am Naturschutzgebiet. Meine Frau stammt eigentlich aus Frankfurt. Vor kurzem hat sie mich angerufen und meinte, da sei ein komisches Geräusch am Haus. Ich bat sie, mal den Hörer aus dem Fenster zu halten. Drrrrr, drrrrr – es war der Specht. Er war direkt in der Eiche vor unserem Haus zugange.

Gibt es Musik, die Sie furchtbar finden?

Ich hasse alles von der Lighthouse Family. Das ist unerträglich middle of the road. Genau wie Mariah Carey, dieses glatte Amizeug, das nicht beim Bügeln stört – da krieg ich Pickel. Das ist für mich einfach nur ein Geräusch.

Bei Ihrer Art des Songwritings: Was gibt es zuerst, den Slogan oder Textstrophen wie „I wanna say with no delay: Zippidy zippidy doo da hey.“

Optimal ist es, wenn wir zuerst den Slogan haben. Dann fügt sich der Rest wie von selbst. Es ist gar nicht so einfach, etwas Prägnantes zu finden.

Wie kam es zu „Jigga Jigga“?

Ich nehme unheimlich viel von britischen MCs auf, wenn die so rumbrabbeln. Manchmal ist das auch einfach nur irgendein Quatsch. Zum Beispiel war ich mit einem Freund im Urlaub, der bekam einen Sonnenstich und faselte: „Er ist kein Mann, er ist eine Maschine, hier kommt der Chicks Terminator.“ Daraus wurde der Track „Weekend“.

Müssen Sie manchmal über sich selber lachen?

Ja, öfter. Wir arbeiten ganz hart am Abgrund zum Flachen. Manchmal könnte ich mich wegschmeißen – so wie Helge Schneider, wenn er mit „Fitze fitze fatze“ anfängt. Aber peinlich ist mir nichts.

Sie benutzen das Wort „Yeah“ inflationär. Funktioniert das als Selbstbestätigung?

Nein, das ist einfach ein energetisches Wort. Manchmal frage ich mich, ob ich es nicht zu häufig benutze. Aber Rick würde mir das sicher sagen.

Auf welchen Ihrer Slogans sind Sie besonders stolz?

Vielleicht auf „Respect to the man in the icecream van“. Alle dachten nur, ich meine irgendeinen Eisverkäufer. Dabei haben wir The KLF zitiert …

… die legendäre Band, die 1994 auf einer Insel vor Westschottland eine Million Pfund öffentlich verbrannte. Was machen Sie mit Ihrem Geld?

Ich sage nur: englische Oldtimer. Mitunter hatte ich acht. Doch das wurde irgendwann zu stressig, die mussten ja auch zum Tüv, an- und abgemeldet werden. Aber an meinem 73er Jaguar E Type V12 Roadster mit den cremefarbenen Sitzen hänge ich. Da ist schon das dritte Getriebe drin.

Wir raten mal: Sie sind gegen ein Tempolimit.

Natürlich. Das heißt aber nicht, dass ich ein aggressiver Fahrer bin. Es macht Spaß, über eine kurze Strecke richtig Gas zu geben.

Erstaunt es Sie, dass es Scooter nach 15 Jahren noch gibt?

Ja. Mir ist gerade wieder ein Foto meines inzwischen 14-jährigen Neffen in die Hände gefallen. Auf dem Bild ist er winzig und hält die „Hyper Hyper“-CD in die Kamera. Schon seltsam, wie die Zeit vergeht.

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