INTERVIEW MIT DEM CHEF DER DEUTSCHLAND-TOUR : „Wir provozieren positive Proben geradezu“

Herr Rapp, worin unterscheidet sich beim Doping die Deutschland-Tour von der Tour de France?

Das Fiasko bei der Tour de France war in der hohen Bedeutsamkeit der Veranstaltung und der mangelnden Kommunikation zwischen der veranstaltenden ASO und dem Weltverband UCI begründet. Die Gegebenheiten sind bei uns etwas anders. Vor positiven Dopingproben sind aber auch wir nicht gefeit. Wir provozieren sie geradezu, wenn wir die Kontrollen so weit ausdehnen, wie es in diesem Jahr der Fall ist. Allerdings birgt die vorläufige Starterliste weitaus weniger Explosionsgefahr.

Sie haben gesagt, das die Lebensläufe der Fahrer überprüft werden. Wie geht das konkret vor sich?

Das klingt so ein bisschen nach Tatort, ist aber ganz simpel. Über jedes Dopingvergehen wird bei der UCI Buch geführt. Der Abgleich ist dann einfach, wenn man über das Buch verfügt. Da sich scheinbar einige deutsche Journalisten auch mit den Lebensläufen beschäftigen, hat man noch ein kostenloses Backupsystem – ob man möchte oder nicht. Das Problem liegt aber darin, dass die Mannschaften bei der Teamaufstellung in den letzten Tagen vor der Veranstaltung Rochade spielen und uns teilweise stündlich neue Mannschaftsaufstellungen senden.

Was hätte ein Ausstieg von T-Mobile bedeutet?

Das wäre ein sehr, sehr schwerer Schlag gegen die neue Bewegung im Radsport gewesen. Oder sollen etwa Teams wie Discovery und Saunier Duval, die bisher ein ernsthaftes Engagement vermissen lassen, die Führerschaft im Anti-Doping-Kampf übernehmen?

Was kann die Deutschland-Tour im Kampf gegen Doping bewirken und wo liegen die Risiken?

Es gibt kein Risiko im Kampf gegen Doping. Es gibt nur das Risiko der Halbherzigkeit und des Unter-den-TeppichKehrens. In Deutschland ist die mediale Situation so extrem, dass man den Teams und Fahrern – speziell die aus dem südeuropäischen Ausland – aufzeigen kann, wohin die Fahrt auch in ihrem Heimatland führen wird, wenn sich nicht alle zusammenreißen und gemeinsamen an einer ernsthaften Systemerneuerung arbeiten. Mit der ARD übt erstmals ein wichtiges Glied der Wertschöpfungskette Druck aus. Aus unserer Sicht mit einer gewissen Berechtigung, denn die ARD ist einfach unzufrieden mit dem Produkt. Sie möchte das ihren Kunden nicht mehr anbieten, weil es in der bestehenden Form schwer verkäuflich ist. Der Produktmanager, in dem Fall der Weltverband, muss sein Produkt modifizieren oder es durch ein Zeitgemäßes ersetzen. Den VW Käfer gibt es trotz seiner langen Tradition schließlich auch nicht mehr. Ich weiß, wir reden über Sport, aber Leistungssport ist mittlerweile ein Wirtschaftsgut und muss auch als ein solches behandelt werden.

Kai Rapp ist der Chef der Deutschland-Tour, die heute beginnt

und von der ARD

übertragen wird.

Das Gespräch mit

ihm führte

Mathias Klappenbach.

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