Interview mit Ex-Geheimdienstchef Durrani : "Musharraf hat sich gegen die eigenen Leute gewandt"

Pakistanische Soldaten haben nahe der Grenze zu Afghanistan Dutzende Extremisten getötet. Helfen solche Operationen im Kampf gegen den Terror, Herr Durrani?

Das Militär wird dort keine Lösung bringen. Meine Kollegen und ich selbst, die wir in dem Gebiet im Einsatz waren, sagen das seit Jahren. Was immer wir dort erreichen wollen, wir müssen es durch die Stammesstrukturen tun. Wir müssen in Waziristan mit den Leuten zusammenarbeiten, die dort aktuell das Sagen haben – ob uns das gefällt oder nicht.

Sie raten also, zum Beispiel mit dem lokalen Talibanführer in Waziristan, Baitullah Mehsud, zusammenarbeiten?

Unsere falsche Strategie hat Leute wie Mehsud überhaupt erst stark gemacht. Nach dem, was ich weiß, würde ich übrigens sagen, dass entsprechende Leute in bereits seit langer Zeit mit Mehsud in Kontakt stehen.

Die „New York Times“ berichtet von Überlegungen der US-Regierung, der CIA mehr Spielraum für eigene Operationen in Pakistans Stammesgebieten zu geben. Eine gute Idee?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die US-Regierung solche Pläne ernsthaft verfolgt. Sie wären in der Praxis absolut nicht durchführbar. Natürlich teilen wir Pakistaner bis zu einem gewissen Grad auch mit den Amerikanern geheimdienstliche Informationen. Aber es ist für die Amerikaner schlicht unmöglich, in den Stammesgebieten selbst Informationen zu sammeln, geschweige denn, eigene Militäroperationen durchzuführen. Informationen, die geheimdienstlich verwertbar sind, bekommen sie dort nur direkt von den Menschen. Und die müssen Mitglieder eines Clans sein und keine Fremden.

Den Amerikanern fehlt für die Aufklärungsarbeit das Personal?

Ja. Denn sie werden gerade in dieser Zeit keinen einzigen Stammesanghörigen finden, der mit ihnen arbeiten würde. Sie können also nur Luft- oder Satellitenaufnahmen auswerten. Auch eigene US-Militäraktionen in den Stammesgebieten halte ich für sehr unwahrscheinlich. Die Amerikaner könnten höchstens aus der Luft angreifen. Der einzige Effekt aber wäre, dass sich die politische Situation noch viel mehr verschlimmert.

Könnten Amerikanern und Pakistanern gemeinsam operieren?

Das wäre fatal. Wir gehen ja schon mit den pakistanischen Militäroperationen in den Stammesgebieten den absolut falschen Weg: Wir sammeln erst Informationen unter den Stammesangehörigen und setzen diese dann in eine Militäroperation um, bei der hunderte Menschen sterben. Das schürt bei den Überlebenden nur noch mehr Hass. Außerdem, wenn gemeinsame Operationen heißt, dass die Amerikaner Operationen auf ihrer, der afghanischen Seite, durchführen, und wir auf der pakistanischen, kann ich nur sagen: Das tun wir bereits. Wenn gemeinsame Operationen bedeuten sollte, dass pakistanische und US-Kräfte zusammenarbeiten, dann bewegen wir uns auf ein Desaster zu.

Weshalb richten die Extremisten ihre Aktionen immer mehr gegen Pakistan?

Weil Pakistan aus Sicht dieser Menschen, wie auch immer Sie sie nennen wollen, ein Alliierter der USA ist. Was die Amerikanern in Afghanistan tun, wirkt sich auch auf unsere Grenzgebiete aus. Die USA aber kann man nicht treffen. Sie sind zu weit weg, die US-Truppen bombardieren aus der Luft. Die Pakistaner aber sitzen gleich um die Ecke, sie kann man treffen. Und schließlich haben wir den Krieg der Amerikaner in Afghanistan mit unterstützt – wenn auch manchmal unter Druck. Wir sind vom Standpunkt dieser Menschen aus ein legitimes Angriffsziel.

Präsident Musharraf muss zwischen der Kooperation mit den USA im Anti-Terrorkampf sowie dem extremen Anti-Amerikanismus in Pakistan einen Ausgleich finden.Wie lange schafft er das noch?

Ich möchte dazu nur sagen, dass er die Dinge, die er unter Druck getan hat, besser nicht hätte tun sollen. Besonders als Verbündeter sollte man eigentlich nicht auf die Anforderung einer fremden Macht hin Militäraktionen gegen das eigene Volk richten. Deshalb ist er jetzt innenpolitisch unter Druck, weil er sich gegen die eigenen Leute gewandt hat. Außenpolitisch ebenso, weil die Amerikaner denken, wenn er unter Druck getan hat, was wir wollen, wird er unter mehr Druck noch mehr tun. Musharrafs Position ist sehr geschwächt. Wann er aber den Bogen überspannt haben wird, das wage ich nicht vorauszusagen.

Wer profitiert vom Mord an Benazir Bhutto?

Die einzigen, die einen Vorteil aus dieser Situation ziehen könnten, wären diejenigen, die sich jetzt politisch schwach fühlen und die es vorziehen würden, wenn gar keine Wahlen stattfänden oder die Wahlen weiter verschoben würden. Aber an sich gibt es keine Gruppe, die von der jetzigen Lage wirklich profitiert.

Wie wichtig ist das Wahlergebnis vom 18. Februar für die Situation im Land?

Sehr wichtig. Denn nur wenn die Partei oder die Koalition, die künftig regieren sollen, auch in der Bevölkerung genügend Unterstützung haben, werden sich die Menschen wieder beruhigen. Weil sie nur dann das Gefühl haben, dass ihren Interessen Gehör verschafft wird. Deshalb wäre eine Konstellation am besten, die für alle unsere sehr verschiedenen Regionen akzeptabel ist. Die PPP, die Partei von Bhutto zum Beispiel ist in allen vier Provinzen vertreten, ebenso die PML-N von Nawaz Scharif. Ich bin kein politischer Analyst, aber so eine große Koalition wäre vielleicht das beste.

Das Gespräch führte Ruth Ciesinger.

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