Interview mit T.C. Boyle : „Ich bin ein gutartiger Guru“

Früher hat er Heroin genommen, jetzt ist das Schreiben die Sucht von T.C. Boyle. Er ist Optimist und sieht gelassen dem Weltuntergang entgegen.

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T.C. Boyle, 56, wurde mit Büchern wie „World’s End“ und „Wassermusik“ einer der erfolgreichsten USAutoren. Seine Villa im kalifornischen Santa Barbara bewohnt er mit Frau und drei Kindern. Gerade ist „Dr. Sex“ im Hanser-Verlag erschienen, ein Roman über den Sexforscher Alfred Kinsey.

Interview: Sandro Benini Herr Boyle, Ihr neuer Roman handelt von Alfred Kinsey – gleichzeitig wurde ein Hollywoodfilm über den Verfasser des großen Sexreports gedreht. Woher kommt 49 Jahre nach Kinseys Tod dieses Interesse?

In den 90er Jahren sind zwei große Biografien über Kinsey geschrieben worden, die ein ziemlich überraschendes und skandalträchtiges Bild von ihm zeichnen. Er selber gab sich als seriös-distanzierter Wissenschaftler aus, der nur an kalten Fakten interessiert war. In Wahrheit war er auch in der Praxis ein sexueller Enthusiast: Er hatte zahlreiche Beziehungen zu Frauen und Männern, betrieb Partnertausch, stand auf sadomasochistische Praktiken und schob sich hin und wieder eine Zahnbürste in den Penis. In einer Zeit, in der George W. Bush wiedergewählt wird, stößt ein solcher Mann auf Interesse.

Was hat Kinseys Zahnbürste mit Bush zu tun?

Bush hat vor allem gewonnen, weil er die religiöse Rechte mit zwei Themen mobilisierte, die mit Sexualität zu tun haben. Dem Verbot von Schwulenehe und Abtreibung. Ich glaube, mit Bushs Wiederwahl zieht eine Zeit sexueller Repression herauf, und deshalb gewinnt eine Figur an Aktualität, die sich ein Leben lang dagegen auflehnte, dass man den Leuten aufgrund irgendwelcher religiöser oder moralischer Vorstellungen vorschreibt, was sie im Bett zu tun und zu lassen haben.

Was Sexualität betrifft, ist Amerika auf dem Weg in die 40er Jahre? Das ist doch ziemlich übertrieben.

So radikal würde ich das auch nicht formulieren. Aber die Entwicklung geht eindeutig in diese Richtung. Es gibt nun einmal Leute, die ihre Moral anderen aufdrängen wollen, und Bush ist einer von ihnen. Sexuelle Praktiken, die sie nicht selber betreiben, lehnen diese Fundamentalisten grundsätzlich ab. Ich finde: Zwischen zwei Erwachsenen soll alles erlaubt sein, sofern beide einverstanden sind.

Die Beschreibungen der Sexualität in Ihrem Roman sind eher dezent. War das ein Zugeständnis an den konservativen Zeitgeist?

Nein. Ich habe mein Leben lang in einer freien Gesellschaft gelebt, niemand hat mir je vorgeschrieben, was ich tun und lassen soll, und ich kann auch in den heutigen USA sagen und schreiben, was ich will. Außerdem sind die Sexszenen in meinem Buch ganz schön drastisch. Aber für Sexszenen gilt dasselbe wie für Gewaltszenen: Man muss beim Schreiben im richtigen Moment abbrechen.

Und wann kommt dieser Moment?

Na ja, wenn ein Schriftsteller etwas schreibt wie „Er schiebt seinen Penis in sie rein, und sie stöhnt“, dann ist es sicher zu spät. Die Fantasie, mit welcher der Leser eine abgebrochene Sexszene selber zu Ende führt, ist viel plastischer und erregender als alles, was ein Autor schildern kann. Ein gefährliches, interessantes, vielleicht perverses Bild im Gehirn des Lesers zu erzeugen: Das ist es, was ich will.

In „Dr. Sex“ schildern Sie Kinsey als arbeits- und sexbesessenen Manipulator.

Nicht nur. Der historische Kinsey hat es Mitte des letzten Jahrhunderts mit seinem Sexreport ermöglicht, dass in den USA und im Rest der Welt viel offener über Sexualität und Sexualerziehung gesprochen wurde. Das war großartig. Andererseits war er eine mächtige Guru-Figur, ein sexueller Beutejäger und Autokrat.

Wenn man Sie bei einer Lesung erlebt, hat man den Eindruck, Sie seien selbst ein Guru.

Aber ich bin ein gutartiger Guru. Schließlich will ich niemanden zu etwas drängen, niemanden überzeugen, ich will keine Macht, ich will nichts verkaufen außer einem Buch.

Stimmt es, dass Sie auch Kinseys Arbeitsbesessenheit teilen?

Eine Figur wie Kinsey interessiert mich, weil ich ihr in vielem ähnlich bin. Letztlich ist mein Leben von einer einzigen Sache erfüllt, dem Schreiben. Es wäre für mich undenkbar, irgendetwas anderes zu machen. Und auch ich bin ein Autokrat, ich könnte nie mit jemandem zusammenarbeiten oder von jemandem Befehle entgegennehmen.

Was sagt Ihre Frau dazu?

Wenn sie damit nicht leben könnte, wären wir wohl kaum mehr zusammen. Aber mir ist trotz meiner Leidenschaft der Rest der Welt nicht einfach gleichgültig. Hoffe ich zumindest.

Sie schreiben jeden Tag mehrere Stunden. Haben Sie nie eine Schaffenskrise? Einen Schreibstau?

Nein, bisher nicht.

Nicht ein einziges Mal? In 30 Jahren?

Vielleicht liegt das daran, dass ich mich beim Schreiben nicht eingeschränkt fühle. Sie könnten mir irgendein Thema geben, mich bezahlen, und ich würde darüber schreiben. Andere Schriftsteller fühlen sich an ihre eigenen Kenntnisse oder persönlichen Erfahrungen gebunden oder an eine bestimmte Erzählform. Ich versuche alles, und deshalb geht mir der Stoff nie aus.

Aber einen Stoff haben und darüber schreiben sind zwei verschiedene Dinge.

Im Grunde machen ja alle denselben Prozess durch: Irgendwann werden Sie das Band mit diesem Interview abhören. Sie schreiben einen Satz und streichen ihn wieder, und das alles geht Ihnen unsagbar auf die Nerven. Aber dann kommt der Moment, in dem Sie vergessen, dass Sie arbeiten, in dem Sie sich in der Arbeit verlieren. Diesen Moment muss auch ich jeden Tag erreichen. Danach kommt eine Art unbewusster Zustand, in dem der Geist vollkommen frei herumstreift. Genau das ist der unglaubliche Reiz an der Sache.

Sie geben Kurse für Creative Writing an einer Universität in Los Angeles. In Europa steht man solchen Veranstaltungen eher skeptisch gegenüber.

Dass die Europäer skeptisch sind, merke ich seit 20 Jahren. Wissen Sie was? Die Skepsis schwindet. In vielen europäischen Ländern bieten Universitäten mittlerweile Schreibkurse an. Es gibt Konservatorien, wo man ein Instrument lernt, es gibt Kunsthochschulen, wo man Malen lernt – warum soll man nicht auch das Schreiben lernen? Natürlich kann ich niemandem beibringen, ein Künstler zu sein, wenn das Talent fehlt. Doch die gute Nachricht ist: Es gibt enorm viele Leute mit Talent.

Werden Sie von den Absolventen Ihrer Kurse nicht mit unverlangten Manuskripten überschwemmt?

Wer je einen meiner Kurse absolviert hat, besitzt in mir einen Anwalt. Lebenslang und mit Garantie. Die Manuskripte stören mich nicht, das gehört zu meinem Job. Schließlich war ich selber einmal Student in einem Creative-Writing-Kurs.

Jetzt sind Sie berühmt. Mögen Sie es, wenn man Sie auf der Straße anspricht?

Hier in Santa Barbara leben so viele Film- und Popstars, da gehöre ich als Schriftsteller gewissermaßen zur zweiten Garnitur. Außerdem sind die Leute es gewöhnt, auf der Straße Berühmtheiten zu treffen. Meist zeigen sie gar keine Reaktion.

Einige Ihrer Bücher wurden von den Kritikern zurückhaltend oder negativ beurteilt.

Ich lese keine Kritiken. Was zählt, ist mein Publikum, und ich habe ein großes Publikum. Fast alle Kritiker sind gescheiterte Schriftsteller.

Sie machen es sich ziemlich einfach.

Soll das ein Witz sein? Die Angriffe der Kritiker haben fast nie ästhetische Gründe, da steckt keine wirkliche Auseinandersetzung mit meinen Büchern dahinter, sondern irgendein persönliches Problem. Sich als Künstler damit herumzuschlagen oder wütend zu werden, wäre ein Fehler. Wenn ich Kritiker als ebenbürtig oder sogar überlegen betrachten könnte, würde ich vielleicht auf sie hören. Wobei... nein, wahrscheinlich auch dann nicht. Wenn dich ein Kritiker hasst, dann kannst du Shakespeares gesammelte Werke geschrieben haben. Und er hasst dich immer noch.

In Ihrem vorletzten Buch, „Drop City“, schildern Sie das Scheitern der Hippiebewegung, in „Dr. Sex“ beschreiben Sie, wie sexuelle Befreiung in Repression umschlägt. Werden Sie allmählich konservativ?

Hoffentlich nicht. Mir geht es nicht darum, das Scheitern einer Bewegung zu zeigen, sondern deren Widersprüche und Kehrseiten. Dass die Hippies Ende der 60er Jahre einfach, naturverbunden und demokratisch leben wollten, war eine großartige Idee – denken Sie bloß an die Scheiße, in der wir, ökologisch gesehen, heute stecken. Nur, funktioniert das Modell? Nein, letztlich funktioniert es nicht, weil auch in einer Hippiekommune früher oder später ein Guru und Manipulator die Macht übernimmt. Meine Aufgabe besteht darin, solche Vorgänge mit kaltem Auge zu betrachten und zu beschreiben. Dass ich selber auch keine Lösung habe, bestreite ich gar nicht.

Die freie Liebe funktioniert nicht, die traditionelle Familie meist auch nicht – jede zweite Ehe scheitert. Irgendwie scheint es zwischen Mann und Frau nicht so richtig zu klappen.

Das ist mir ein bisschen zu allgemein formuliert. Ich betrachte solche Dinge gerne aus evolutionsbiologischer Perspektive, und es ist offensichtlich, dass eine stabile Beziehung zur Erhaltung und Vermehrung der menschlichen Spezies ein taugliches Modell ist. Natürlich gibt es daneben den Eroberungstrieb, die emotionale und sexuelle Neugierde, die Lust, immer etwas Neues zu erleben, und die Angst, etwas zu verpassen. In einer freien Gesellschaft kann der Einzelne dieser Lust und dieser Angst nachgeben, und der Preis für diese Freiheit ist die Erschütterung der traditionellen Langzeitbeziehung. Das hat etwas Unvermeidliches – aber den endgültigen, großen Graben zwischen Mann und Frau reißt es nicht auf.

Sie sind seit 30 Jahren verheiratet. Kennen Sie das Geheimnis der erfolgreichen Beziehung?

Ich habe einfach Glück gehabt. Entweder die Charaktere und Interessen eines Paares entwickeln sich irgendwann unrettbar auseinander, oder eben nicht. Und wenn 50 Prozent der Ehen in einem Desaster enden, dann muss es ja auch 50 Prozent geben, die okay sind.

Ihr Kollege Gore Vidal sagte einmal, das beste Rezept für eine lange Beziehung sei: kein Sex mit dem Hauptpartner, dafür viele Seitensprünge.

Dass dieses Rezept bei Gore Vidal funktioniert, kann ich mir lebhaft vorstellen. Ich aber bin glücklich in meiner monogamen Beziehung. Natürlich komme ich oft in Versuchung, doch diese Art von Komplikation kann ich in meinem Leben schlicht nicht gebrauchen.

Sie haben vor Jahren auf Ihrem Grundstück einen Teich angelegt. Sind schon Frösche drin?

Nein, noch immer nicht die Spur von einem Frosch. Warum fragen Sie?

Weil Sie das Ausbleiben der Frösche damals als eine Art Menetekel für die drohende Öko-Apokalypse bezeichnet haben. Und mit „Ein Freund der Erde“ haben Sie zu diesem Thema einen wahren Weltuntergangsroman geschrieben.

Jeder gebildete und informierte Mensch muss in dieser Beziehung zwangsläufig Pessimist sein. Die einzige Hoffnung für die übrigen Gattungen besteht darin, dass der Mensch ausstirbt. Und dies wird täglich wahrscheinlicher.

Das ist Schwarzmalerei. Auch die vom Club of Rome in den 60er Jahren prophezeiten Katastrophen sind nicht eingetreten.

Okay, der Prozess verläuft langsamer als vorhergesagt. Das heißt aber nicht, dass er nicht stattfindet. Ich bin nach wie vor zu 100 Prozent überzeugt, dass die menschliche Spezies mit ihrem kapitalistischen Wirtschaftssystem ökologisch letztlich untragbar ist.

Wie bringen Sie diesen Radikalpessimismus mit Ihrer gut gelaunten Energie zusammen?

Jeder stirbt irgendwann, alles verwest irgendwann. So gesehen gibt es ohnehin keinen Grund, optimistisch zu sein. Alles, was man macht, macht man immer trotzdem.

Sie kritisieren das kapitalistische Wirtschaftssystem, aber genießen dessen Annehmlichkeiten.

Das habe ich noch nie bestritten. Ich bin ein Produkt dieser Gesellschaft, doch dies hindert mich nicht daran, mich über genau diese Gesellschaft zu wundern.

Sind Sie ein Naturmystiker?

Sagen wir, dass es für mich unglaublich wichtig ist, alleine in die Natur hineinzugehen. Die Wirkung ist ähnlich wie beim Schreiben: Es ist ein Überschreiten des eigenen Ichs, ein Verlust des Bewusstseins. Die Wahrnehmung eines Mysteriums.

Das klingt fast schon religiös.

Ich wünschte, ich könnte an Gott oder an ein höheres Wesen glauben. Aber ich kann es nicht.

Sie waren als Jugendlicher heroinsüchtig, Ihre Eltern waren Alkoholiker. Trotzdem haben Sie es geschafft, und dies ohne Sozialprogramme oder Ähnliches. Die Konservativen müssten Sie lieben.

Um Gottes willen! Einer von einer Million vielleicht.

Aber Sie sind ein Beispiel dafür, dass das Individuum auch ohne staatliche Hilfe zurechtkommt. Ihre Biografie bestätigt das konservative Weltbild.

Schön für die Konservativen. In einer freien Gesellschaft kann es tatsächlich passieren, dass selbst einer wie ich nach oben kommt. Aber das ist viel weniger wahrscheinlich, wenn der Staat Geld für sinnlose Kriege ausgibt, statt es in die Bildung zu investieren. Oder wenn er mehr Mittel auf den Bau von Gefängnissen verwendet als auf den Bau von Schulen, wie in Kalifornien – und das, weil die Hälfte der Insassen Drogendelikte begangen haben. Wenn ich Präsident wäre, würde ich alle Drogen legalisieren und sie besteuern wie Alkohol.

Sind Sie durchs Schreiben vom Heroin losgekommen?

Ja. Von dem Moment an, wo ich meine Neigung und mein Talent fürs Schreiben erkannte, setzte ich alles daran, es zu meinem Lebensinhalt zu machen. Schreiben wurde eine Obsession, die ich als Junkie niemals hätte ausleben können. Und wenn ich eine Erzählung oder einen Roman zu Ende habe, fühle ich mich derart gut, dass ich das Glücksgefühl so schnell wie möglich wieder erleben will. Dieses „Ich-will-es-wieder-haben“ ist ähnlich wie beim Heroin. Ich habe die eine Sucht durch die andere ersetzt.

Stellen Drogen für Sie noch eine Versuchung dar?

Ja, und dies ist einer der Gründe, warum ich so häufig darüber schreibe. Alle diese Erzählungen sind auch eine Warnung an mich selber.

Gibt es etwas, das Sie in Ihrem Leben noch erreichen wollen?

Ein magisches Buch zu schreiben, das besser ist als alle, die ich bisher geschrieben habe.

Haben Sie Angst, dass das Alter Ihre Schaffenskraft zerstören könnte?

Wozu gibt es Waffen? Um sich zu erschießen.

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